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Landwirtschaftsminister Christian Meyer diskutiert mit Prof. Dr. Carola Strassner und Dr. Christine Chemnitz über den richtigen Weg zur Agrarwende. Die Veranstaltung war die letzte im Rahmen einer öffentlichen Ringvorlesung an der Leuphana Universität. Foto: t&w
Landwirtschaftsminister Christian Meyer diskutiert mit Prof. Dr. Carola Strassner und Dr. Christine Chemnitz über den richtigen Weg zur Agrarwende. Die Veranstaltung war die letzte im Rahmen einer öffentlichen Ringvorlesung an der Leuphana Universität. Foto: t&w

Christian Meyer in Lüneburg: „Das alte Agrarmodell ist gescheitert“

off Lüneburg. Was läuft schief in der deutschen Landwirtschaft? Wo liegt die Zukunft? Und wer ist für eine ­Agrarwende wie gefordert? Fragen wie diese standen am Montagnachmittag im Mittelpunkt der letzten von 13 Veranstaltungen im Rahmen der Ringvorlesung „Lebensstile, Landwirtschaft, Lebensmittel. Wie jetzt, nur besser!?“ an der Leuphana Universität. Vor mehr als 150 Zuhörern, darunter auch etlichen Landwirten, diskutierten unter dem Motto „Wissenschaft trifft Politik“ Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne), Professor Dr. Carola Strassner von der Fachhochschule Münster und Dr. Christine Chemnitz, Referentin für Internationale Agrarpolitik der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Moderation führte Professor Peter Pez von der Leuphana.

Unbestritten ist an diesem Nachmittag unter Referenten und dem Gros der Zuhörer: Landwirtschaft muss sich verändern. Und zwar grundlegend. Tierhaltung muss artgerechter, Strukturen müssen kleiner, Preise fairer – und die gesamte Landwirtschaft muss umweltschonender und nachhaltiger werden. Gefordert sieht die Expertin für Ernährungsökologie und nachhaltige Ernährungssysteme, Dr. Strassner, dafür allerdings nicht nur die Bauern. „Wenn wir über Transformation reden wollen, dann brauchen wir alle“, sagte sie. Landwirte, Politik, Hersteller, Handel. „Und wir können alle mehr tun, denn wir alle essen und trinken jeden Tag.“

Einige Kernforderungen der Wissenschaftlerin: Es muss mehr Kleinteiligkeit und Vielfalt im Ernährungssystem geben, Machtverhältnisse müssen in Balance gebracht werden, im Kampf um das Vertrauen der Verbraucher müsse der Staat für mehr Fairness sorgen. „Denn da geht es momentan doch vor allem darum, wer das Geld hat, seine Signale zu senden.“ Handlungsbedarf sieht Strassner auf verschiedensten Ebenen, macht sich beim Blick auf die Weltwirtschaft allerdings keine Illusionen: „Unser Nahrungssystem ist global verflochten, das wird sich so schnell nicht ändern.“

Der Anfang aber – davon ist zumindest Landwirtschaftsminister Christian Meyer überzeugt – ist gemacht. „Das alte Agrarmodell ist gescheitert“, sagte er, „und wir arbeiten an einer sanften Agrarwende.“ Dazu gehört für ihn die Förderung kleiner und mittlerer Betriebe, die Honorierung der Landwirte für mehr Tier- und Umweltschutz durch die Politik, eine klare Kennzeichnung der Haltungsbedingungen auf Lebensmitteln. Manches läuft bereits, so Meyer, anderes scheitere bisher noch am Widerstand von Bund und Handel. „Aber wir sind dran“, versicherte er.

Weniger optimistisch zeigte sich die Referentin der Heinrich-Böll-Stiftung, Dr. Chemnitz. „Ich habe momentan nicht das Gefühl, dass wir einen Schritt in Richtung Agrarwende gemacht haben“, sagte sie. Trotzdem sieht auch sie die Chance zur Veränderung. „Ein Großteil der Verbraucher will eine andere Landwirtschaft und ist bereit, auch mehr Geld für Fleisch auszugeben. Vor 20 Jahren hat sich niemand dafür interessiert.“ Man dürfe in der ganzen Diskussion aber nicht verschweigen, „dass der Wandel auch einigen weh tun wird“.

Chemnitz‘ Forderungen: Weg von Export und Wachstum hin zu einer Qualitätsdiskussion, einer besseren Kennzeichnung von Lebensmitteln und einer größere Produktdifferenzierung („nur bio und konventionell reicht nicht“). Damit das gelingt, „braucht es den Druck von der Straße“, so Chemnitz. Und: „Der Bauernverband darf die Entwicklung nicht weiter blockieren.“

Aus der Landwirtschaft selbst war an diesem Nachmittag kein Referent eingeladen, aus dem Publikum meldete sich allerdings Kreislandwirt und Vorsitzender des Bauernverbandes Nordostniedersachsen, Jens Wischmann, zu Wort. Er stellte klar, dass der Bauernverband durchaus für eine Weiterentwicklung ist. „Aber ohne Ideologie und Beschimpfungen.“ Gefordert sind aus seiner Sicht in erster Linie die Verbraucher. „Denn die bestimmen, was produziert wird“. Und das seien nach wie vor in erster Linie billige Lebensmittel.

13 Termine, ein Ziel

Organisiert haben die Ringvorlesung die Stiftung Leben & Umwelt/Heinrich-Böll-Stiftung und die Leuphana Universität Lüneburg, alle 13 Veranstaltungen standen unter der Fragestellung: „Wie kann Land- und Ernährungswirtschaft neu gedacht werden, zwischen ökologischer und industrieller Produktion?“ Referenten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft stellten Trends und Denkmodelle vor, skizzierten bevorstehende Veränderungen und Probleme.

Themen der Veranstaltungen waren unter anderem die Frage „Dürfen wir Tiere essen?“, „Otto-Moralverbraucher. Vom Sinn und Unsinn engagierten Einkaufens“ oder „Landwirtschaft und Ernährung im 21. Jahrhundert am Beispiel des Südlichen Afrika.“ Für die Studenten besteht die Möglichkeit im Anschluss an die Ringvorlesung im Sommer bei Betriebsbesuchen selbst Einblick in die Landwirtschaft der Region zu bekommen.