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Seit Jahren schon vermietet Dietmar Wittig sein Haus in Nahrendorf, jetzt zum ersten Mal an Flüchtlinge. Er wundert sich nun, dass sich plötzlich die Versicherung für das Objekt interessiert. Foto: t&w
Seit Jahren schon vermietet Dietmar Wittig sein Haus in Nahrendorf, jetzt zum ersten Mal an Flüchtlinge. Er wundert sich nun, dass sich plötzlich die Versicherung für das Objekt interessiert. Foto: t&w

Nahrendorf: Versicherung prüft Flüchtlings-Mietwohnung

us Lüneburg/Nahrendorf. Dietmar Wittig versteht das nicht. „Weshalb muss eine Wohnung, in die jetzt Flüchtlinge eingezogen sind, von der Versicherung unter die Lupe genommen werden?“ Viele Jahre schon vermietet der Nahrendorfer die beiden Wohnungen in seinem Haus in der Samtgemeinde Dahlenburg, hat dafür auch verantwortungsbewusst eine Gebäudeversicherung abgeschlossen. „Nie wurde seitens der Versicherung eine Begehung gemacht. Warum jetzt plötzlich?“, fragt sich der Hauseigentümer, der einen Zusammenhang mit dem Einzug der Flüchtlinge vermutet. Die Versicherung bestritt das zunächst, spricht inzwischen von einer „Serviceleistung für Vermieter“.

„Mit der Vermietung der Wohnung an die Gemeinde hat eine Umnutzung stattgefunden. In solchen Fällen schauen wir uns die Wohnung an, ob alles in Ordnung ist“, begründet Chris Förster, Pressesprecherin der VGH Versicherungen in Hannover, das Vorgehen ihres Unternehmens. Das hatte sich kürzlich bei Dietmar Wittig gemeldet, um die an die Flüchtlinge vermietete Wohnung zu inspizieren, die der Hauseigentümer zuletzt als Ferienwohnung vermietet hatte. Doch eine Umnutzung, von der die VGH spricht, kann Dietmar Wittig nicht nachvollziehen: „Die Wohnungen vermiete ich seit Jahren, nie hat sich die Versicherung dafür interessiert.“

„Für uns ist nicht ausschlaggebend, wer darin wohnt, sondern wofür das Objekt genutzt wird.“
VGH-Sprecherin Chris Förster

Der Nahrendorfer vermutet daher, dass es eher die Flüchtlinge sind, die das Interesse der Versicherung geweckt haben. Das aber bestreitet die Versicherung zunächst: „Für uns ist nicht ausschlaggebend, wer darin wohnt, sondern wofür das Objekt genutzt wird“, betont die Pressesprecherin der VGH, sagt aber auch: „Dadurch, dass die Wohnung an die Gemeinde zur Unterbringung von Flüchtlingen vermietet wurde, entscheidet der Eigentümer nicht mehr selbst, wer darin wohnt.“

Doch auch dieses Argument überzeugt Dietmar Wittig nicht: „Das kann ich nicht nachvollziehen, zumal ich der Gemeinde gegenüber deutlich gemacht habe, dass dort nur Familien einziehen sollen.“ Sein Verdacht: „Wird hier mit zweierlei Maß gerechnet?“

„Mit Diskriminierung hat das nichts zu tun“, schaltet sich der Regionaldirektor der VGH in Lüneburg, Martin Aude, ein. Seine Begründung: „Das ist eine kostenlose Dienstleistung für die Vermieter, um auszuschließen, dass technische Defizite zu Einschränkungen für Leib und Leben bei den Mietern führen.“ Deshalb werde jedes Objekt besichtigt, in das Flüchtlinge eingewiesen wurden, „die Kommunen wünschen das“.

„Die Wohnung ist baurechtlich abgenommen und in Ordnung. Außerdem ist sie an die Kommune vermietet. Wer, wenn nicht sie, sollte beurteilen können, ob eine Wohnung zur Vermietung geeignet ist?“, wundert sich Wittig, der selbst viele Jahre als Samtgemeindedirektor in Rosche im Landkreis Uelzen tätig war. „Aber wir übernehmen das Versicherungsrisiko“, hält Martin Aude dagegen. Schließlich würden Flüchtlinge sich nicht mit dem Baugesetzbuch und dem Mietrecht auskennen und so mögliche Gefahren nicht erkennen können.
Auch, dass die Versicherung überhaupt Kenntnis von der Vermietung an Flüchtlinge erhalten habe, ist Dietmar Wittig ein Rätsel: „Woher wissen die das? Von mir jedenfalls nicht.“ Martin Aude begründet dies mit dem hohen Marktanteil seines Unternehmens in diesem Versicherungssektor, da sei es relativ wahrscheinlich gewesen, dass auch die Wohnung von Herrn Wittig betroffen ist. Eine andere Erklärung liefert Matthias Dorn, stellvertretender Samtgemeindedirektor in Dahlenburg: „Die Versicherung möchte von uns wissen, wo die Flüchtlinge wohnen.“ Da die Samtgemeinde bei der VGH eine Sammel-Haftpflichtversicherung für die ihr zugewiesenen Flüchtlinge abgeschlossen hat, müsse sie der Versicherung die Anschriften mitteilen. Seine Sorge ist nun, dass Versicherungen in diesen Fällen die Prämien erhöhen könnten. Das wiederum könnte zu steigenden Mieten und damit zu höheren Belastungen für die Kommunen führen, im schlimmsten Fall sogar dazu, „dass wir bald überhaupt keine Vermieter mehr finden.“

Zwar versichert Martin Aude, die Prämien würden nicht angehoben, eine Ablehnung des Versicherungsschutzes aber wollte er dennoch im Einzelfall nicht ausschließen, auch wenn bei den rund 650 Flüchtlingswohnungen, die bei der VGH versichert seien, „kein Dutzend Fälle bislang problematisch waren“. Vermieter Dietmar Wittig jedenfalls soll wegen eines stillgelegten Kachelofens nachbessern, „so werden wir das Risiko nicht tragen wollen“. Der Nahrendorfer dazu: „Nicht nachvollziehbar. Der stillgelegte Ofen ist ordnungsgemäß vom Bezirksschornsteinfeger abgenommen worden.“