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„Keine gewissenlose Killerin“ -- das Landgericht Lüneburg hat jetzt eine 50-jährige Reppenstedterin wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. Foto: A./be
„Keine gewissenlose Killerin“ -- das Landgericht Lüneburg hat jetzt eine 50-jährige Reppenstedterin wegen versuchten Totschlags zu sechs Jahren Haft verurteilt. Foto: A./be

Landgericht Lüneburg verurteilt Reppenstedterin

rast Lüneburg. Die Brutalität der Tat fasste Franz Kompisch, Vorsitzender Richter der 4. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg, in seiner Urteilsbegründung so zusammen: „Sie geht im Streit in die Küche, nimmt sich zwei Messer, sticht dem Opfer das größere Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge 14 Zentimeter tief in die linke Brusthälfte. Das Opfer mit knapp vier Promille realisiert das kaum noch.“ Diese Tat vom 2. Juli 2015 in der Wohnung des 51 Jahre alten Opfers an der Marcus-Heinemann-Straße in Lüneburg wertete das Gericht als versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und sprach eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren gegen eine 50-jährige Reppenstedterin aus.

Die Kammer habe zwar auch lange über eine Unterbringung der Frau, die zur Tatezeit 2,25 Promille intus hatte, in einer Entziehungsanstalt nachgedacht. Diese aber gibt‘s nicht: „Die Frau ist alkoholgewöhnt und es ist nicht feststellbar, dass die Tat auf den Alkohol zurückgeht.“ Allerdings sei die Angeklagte auch „nicht die gewissenlose Killerin“, sie habe sich nach der Tat ernsthaft mit dem Geschehen auseinandergesetzt.

„Ach, wegen des kleinen Pieksers.“ Angeklagte zu Tatvorwurf

Franz Kompisch schilderte die Vorgeschichte so: Einen Tag vor der Tat fühlt sich die 50-Jährige in ihrer Wohnung unwohl aufgrund von Geräuschen und seltsamen Erscheinungen. Das ist ihr nicht geheuer. Sie verbringt die Nacht bei einem Mann, den sie seit Jahren kennt und von dem sie seit einiger Zeit umworben wird, kehrt aber am nächsten Morgen gegen 7 Uhr in ihre Wohnung zurück. Die Frau, die schon mehrfach wegen Alkoholmissbrauchs Hilfe in der Psychiatrischen Klinik suchte, nimmt Medikamente. Die Medikation wirkt aber nicht so richtig, so entschließt sie sich, wieder zu ihrem Bekannten zu fahren und Alkohol zu sich zu nehmen. Beide entschließen sich dann gegen 13 Uhr, mit einem Taxi zur Marcus-Heinemann-Straße zu dem 51-Jährigen zu fahren, der laut Kompisch „ein halbes Auge auf die Frau geworfen und sich mit sexuellen Kontakten mit ihr gerühmt hatte“. Das Motiv: ein Treffen zu einem Saufgelage.

In der Wohnung kommt es zu einem Streit, der sich sehr lange, wohl über zwei Stunden, hinzieht. Zeugen, die vor dem Haus ein Quad reparieren, hören dabei überwiegend die Stimmen der Frau und des späteren Opfers. Was dann passiert, bezeichnete Kompisch als „nicht ganz alltäglichen Fall“, denn zum Tatgeschehen selbst können weder das Opfer noch der zweite Mann in der Wohnung konkrete Angaben machen. Nachdem die Frau, so das Urteil weiter, zugestochen hat, sieht ihr Bekannter das im Sessel sitzende Opfer, läuft zur offenen Tür und schreit: „Hier verblutet jemand! Hilfe! Hilfe!“
Derweil nimmt die Frau ihr Einkaufskörbchen, verlässt die Wohnung, geht ruhig vorbei an den am Quad stehenden Zeugen in Richtung der nächsten Eckkneipe. Dort kehrt sie kurz ein, murmelt „Ich hab‘ gestochen, gestochen“ und ruft „Mama, Mama“. Laut Kompisch ist sie in diesem Moment „völlig durch den Wind“, verlässt die Kneipe und hockt sich später in einen Hausflur. Eine Bewohnerin alarmiert die Polizei. Die Beamten finden eine Frau vor, die zwar viel Wirres erzählt, aber doch weiß, wo­rum es geht. Denn während der Fahrt zur Wache, als ihr der Vorhalt der versuchten Tötung gemacht wird, sagt sie: „Ach, wegen des kleinen Pieksers.“

Der psychiatrische Sachverständige Dr. Frank Wegener hatte Probleme mit seinem Gutachten, denn die Angeklagte hatte sich von ihm nicht untersuchen lassen. Er schloss bei ihr eine akute vorübergehende psychotische Störung nicht aus – allerdings ebenso wenig eine kriminelle Handlung. Eine Psychose mag es laut Urteil vor der Tat, nicht aber zur Tatzeit selbst gegeben haben. Denn der Alkohol habe beruhigend auf sie gewirkt. Und trotz der 2,25 Promille sei die Einsichtsfähigkeit der an Alkohol gewöhnten Angeklagten vollständig vorhanden gewesen.

Mit der Strafhöhe entsprach das Gericht den Forderungen von Staatsanwalt Frank Padberg und Rechtsanwalt Jens Staedler, der das Opfer als Nebenkläger vertrat. Verteidigerin Dr. Angelika Bode hatte auf Freispruch plädiert, in diesem „reinen Indizienprozess“ habe es keine ausreichenden Beweise für eine Verurteilung gegeben. Die 50-Jährige kann noch in Revision gehen.