Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Ein Aushang an der Kita Bleckede sorgt aktuell für Aufsehen und Empörung: Auf Wunsch einiger besorgter Eltern lehne die Leitung die Einstellung eines Syrers ab. Foto: phs
Ein Aushang an der Kita Bleckede sorgt aktuell für Aufsehen und Empörung: Auf Wunsch einiger besorgter Eltern lehne die Leitung die Einstellung eines Syrers ab. Foto: phs

Kita Bleckede: Rassistischer Aushang sorgt für Aufruhr – Leiterin zeigt Reue

kre Bleckede. Ein Dreizeiler, aufgehängt in der Evangelischen Kindertagesstätte Bleckede, sorgt seit Freitag bundesweit für Empörung: „Aufgrund der nachvollziehbaren Sorge einiger Eltern, einen männlichen Syrer bei uns zu beschäftigen, wird Adang (*) nicht bei uns arbeiten.“ Verfasst und unterschrieben ist dieses Schreiben von Kita-Leiterin Marika Schmidt. Gedacht als interne Information für die Eltern. Doch das Schreiben wurde fotografiert und am späten Donnerstagabend ins Internet gestellt. Seitdem ist in dem Bleckeder Kindergarten nichts mehr wie vorher. Und die Leiterin fühlt sich plötzlich in eine Ecke gestellt, in der sie sich absolut nicht sieht.

Kita Bleckede
Krisentreffen Freitagmorgen im Kindergarten. Während sich in den sozialen Netzwerken die Kommentare überschlagen, versucht die Kita-Leiterin zu verstehen, was das DIN-A-4-Blatt angerichtet hat: Der Bleckeder Pastor Jens-Peter Müller – ein Mann des Wortes – hält sich mit Stellungnahmen zurück. Auskünfte geben jetzt ausschließlich die Landeskirche und der Kirchenkreis Bleckede.
Dem im Internet geäußerten Verdacht aber, dass die Kindergartenleitung ausländerfeindlich agiere, tritt der Pastor dann doch energisch entgegen. „Frau Schmidt engagiert sich aktiv in der Bleckeder Flüchtlingsinitia-tive, setzt sich gemeinsam mit der Kirche für Integration ein“, verteidigt der Seelsorger die Frau, während in der Politik und den sozialen Netzwerken bereits der Ruf nach personellen Konsequenzen für die Leiterin immer lauter wird.

Dass sie dem jungen Syrer eine Absage erteilte, bedauere niemand mehr als sie, versichert Marika Schmidt. Der Mann sollte als Hilfskraft befristet im Kindergarten arbeiten, „um seine Sprachkenntnisse zu verbessern“. Einige Eltern hätten Bedenken angemeldet – und die Kita-Leiterin verfasste da­raufhin das mehr als unglücklich formulierte Schreiben. Sie sei mit einer arabisch sprechenden Mutter und einem „großen Kuchenpaket“ zu dem Syrer gefahren, um ihm persönlich und ausführlich die Beweggründe für die Absage zu erläutern.
Derweil distanzieren sich die Landeskirche, die Diakonie in Niedersachsen, der Kirchenkreis, die Kirchengemeinde Sankt Jacobi, die Stadt Bleckede und der Kitaverband Lüneburg „in aller Deutlichkeit“ von dem Aushang. In einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt es: „Die Kita-Leitung hat mit dem Aushang eigenmächtig, unüberlegt und ohne Absprache gehandelt. Sie hat die Folgen ihres Handelns nicht überblickt. Die sehr unglückliche Formulierung könnte unterstellen, es bestehe bei männlichen Zufluchtsuchenden generell Anlass zur Sorge vor Übergriffigkeiten.“ Dies sei in keiner Weise die Haltung der Kirche sowie des Trägerverbandes Lüneburg und der Stadt Bleckede.
Bleckedes Bürgermeister Jens Böther sagt allerdings auch: „Ich möchte ausdrücklich betonen, dass hier sicherlich innerhalb der Einrichtung ein Fehler passiert ist. Das, was über die sozialen Netzwerke und andere Medien aber daraus gemacht wird, muss in aller Deutlichkeit zurückgewiesen werden. Ich kenne Frau Schmidt als sehr verlässliche, engagierte Leiterin der Kindertagesstätte.“
Im Übrigen hätte die Einstellung des Syrers schon deshalb nicht realisiert werden können, „da Mitarbeitende in einer Kita grundsätzlich ein polizeiliches erweitertes Führungszeugnis beibringen müssen. Dies aber konnte nicht erfolgen, da es Zufluchtsuchenden nicht ausgestellt werden kann“, heißt es in der Erklärung. Die Absage sei somit kein Urteil über die konkrete Person gewesen.
Unabhängig davon sei aber bei einigen Eltern die Sorge entstanden, einen ausländischen Mann auf dem Kita-Gelände arbeiten zu lassen. „Offensichtlich hatte die Kita-Leitung das Gefühl, auf eine aufkommende Stimmung der Eltern entschärfend reagieren zu müssen“, heißt es in der Mitteilung. Daher sei es zu dem „unbedachten Aushang“ gekommen.
Landrat Manfred Nahrstedt (SPD) sagt: „Obwohl ich die arbeitsrechtlichen Voraussetzungen nicht kenne, kann ich es nicht akzeptieren, wenn eine männliche Person nicht eingestellt werden soll, nur weil sie keinen deutschen Hintergrund hat. Gerade eine christlich getragene Kindertagesstätte hat hier Vorbildfunktion und sollte christliche Werte und nicht Vorurteile an erster Stelle sehen.“ Der CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols äußert sich auf der LZ-Facebook-Seite: „Davon kann man sich nur dis­tanzieren. Wie kann die Kita-Leitung ohne Rücksprache mit dem Trägerverband eine solche Entscheidung treffen?“
Marika Schmidt hat ihren Fehler eingesehen, würde ihn wohl am liebsten ungeschehen machen: Am Freitag hat sie ein zweites Schreiben aufgehängt: „Liebe Eltern, ich bedaure den letzten Aushang sehr und entschuldige mich für dieses unüberlegte und unabgesprochene Handeln. Die genannte berechtigte Sorge ist völlig überzogen. Niemals liegt es in meiner Intention, alle arabisch-stämmigen männlichen Zufluchtsuchenden in Sippenhaft zu nehmen.“ ↔(*Name geändert)