Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Diagnose Krebs: Als die ersten Haare büschelweise ausfielen, entschied sich Klara Ahrens für eine Rasur. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt. . Foto: t&w
Diagnose Krebs: Als die ersten Haare büschelweise ausfielen, entschied sich Klara Ahrens für eine Rasur. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt. . Foto: t&w

Neuanfang mit 25 — Lüneburgerin von ihrem Sieg über den Krebs

Von Anna Paarmann

Lüneburg. In ein paar Monaten sollte es losgehen. Klara Ahrens hatte bereits alle Vorkehrungen für ihr Auslandssemester in Schottland getroffen. Doch dann änderte sich das Leben der Lüneburgerin, die eigentlich an der Leuphana Universität studiert, abrupt. Sie hat Krebs. Mit 25 Jahren.

Es war Hochsommer, als sich Klara Ahrens wegen eines angeschwollenen Lymphknotens unter der Achsel operieren ließ. Die Ärzte im Krankenhaus sprachen von einem Routine-Eingriff. Doch Wochen später kam ein Anruf, der alles veränderte: Das Forschungslabor in Kiel hatte Krebszellen in dem Knoten entdeckt.

Die verpasste Computertomographie wurde zügig nachgeholt und bestätigte die Befürchtungen: Klara Ahrens hat Lymphdrüsenkrebs, Stadium drei. In ihrer Leiste wurde ein weiterer befallener Knoten entdeckt. „Die Ärzte sagten mir, ich sei ein Sonderfall, so etwas sei ungewöhnlich“, erinnert sie sich. Denn die beiden Lymphknoten lagen weit auseinander. Und das Stadium wird anhand der Ausrichtung zum Zwerchfell berechnet. „Sobald beide Seiten befallen sind, geht man vom dritten Stadium aus“, erklärt die junge Frau, die zu dem Zeitpunkt „nicht mehr wusste, wo oben und unten ist“.

„Ich habe in meinem Leben noch nie so schnell geduscht und so wenig Shampoo verbraucht.“
Klara Ahrens

Als sie das erste Mal mit Perücke vor die Tür ging, habe sie das Gefühl gehabt, angestarrt zu werden, sagt Klara.  Foto: t&w
Als sie das erste Mal mit Perücke vor die Tür ging, habe sie das Gefühl gehabt, angestarrt zu werden, sagt Klara. Foto: t&w

Plötzlich ging alles ganz schnell: Die Ärzte in der Asklepios Klinik St. Georg wollten umgehend mit der Chemotherapie beginnen. Die Studentin klinkte sich mitten im Studium aus, vermietete ihr WG-Zimmer in Lüneburg, zog vorübergehend bei ihren Eltern in Hamburg ein. Auf sie warteten tägliche Krankenhausbesuche. Sechs Zyklen, also 18 Wochen, Chemotherapie waren angesetzt. Doch davor war noch etwas zu klären: Die Unfruchtbarkeit drohte. Für die Mittzwanzigerin eine schlimme Vorstellung. Als Vorsichtsmaßnahme ließ sie sich einen halben Eierstock herausnehmen und einfrieren. „Das musste ich selbst zahlen, die Krankenkasse würde nur im Ernstfall die künstliche Befruchtung übernehmen“, erzählt Ahrens, die sich bewusst für eine präventive Maßnahme entschied ­– als Notlösung. Außerdem war eine monatliche Spritze notwendig. „Dadurch wird die Eizellen-Produktion gestoppt, sie verhindert die Zellteilung.“ Denn die Chemotherapie greift ausschließlich die Zellen an, die sich teilen.
Klara Ahrens wusste, ihre Haare würden ausfallen. Für sie war klar: „Ich möchte eine Echthaarperücke, Kunsthaar sieht aus wie Plastik.“ Zu dem Zeitpunkt konnte sie sich noch nicht vorstellen, bald kahlköpfig zu sein. 1900 Euro kostete der Haarersatz, 300 Euro wollte die Krankenkasse dazugeben. Ein Arzt erklärte schließlich schriftlich, warum Echthaar ratsam sei – der Zuschuss wurde auf 900 Euro angehoben. „Das sollte nicht so laufen, dass die Ärzte gegen die Krankenkassen arbeiten müssen, um im Sinne des Patienten zu handeln“, findet sie.

Die ersten zwei Wochen der Chemotherapie musste die 25-Jährige zur Überwachung im Krankenhaus bleiben. „Ich habe sie relativ gut vertragen, das hat etwas mit meinem Alter zu tun.“ Gelitten hat sie trotzdem. Besonders während des Zelltiefs, wenn das Immunsystem komplett heruntergefahren war. Wenn Freunde sie besuchten, musste Klara Ahrens mit Mundschutz vor die Tür, die Sonne meiden, sehr auf ihre Ernährung achten. Ihre Wochen liefen nach einem vorgeschriebenem Plan ab: drei Tage Chemo-Infusionen im Krankenhaus, eine Woche Pause, dann erneut eine Infusion. Dazu durchgängig Medikamente zum Magenschutz, ein Virostatikum, drei verschiedene Antibiotika, pro Zyklus eine Spritze zum Zellenaufbau und monatlich eine zum Einleiten der Wechseljahre.

Klara Ahrens konnte zusehen, wie ihr Körper sich verändert. Durch das Kortison quoll sie auf, bekam ein „Mondgesicht“, schlief schlecht. Auch im Kopf wurde sie durch das Hormon langsamer. „Ich habe etliche Sachen einfach vergessen, ewig lang nach Wörtern gesucht, ich war extrem tüdelig.“ Zwei Tage nach dem ersten Zyklus hatte sie die ersten Haarbüschel in der Hand. „Das hat sich ganz fies angefühlt, ich habe meine Haare dann nur noch gewaschen, nicht mehr gekämmt oder geföhnt.“ Sie empfand ihr Haare als „eklig“. Ein Friseur rasierte sie ab. Als sie das erste Mal mit Perücke vor die Tür ging, habe sie das Gefühl gehabt, angestarrt zu werden. Das legte sich, bei kurzen Ausflügen ließ sie die Perücke sogar zu Hause, griff zum Kopftuch. „Dann haben mich wirklich alle angestarrt, sogar angesprochen und gesagt, ich sei ja noch viel zu jung“, erzählt sie. Schlimmer wurde es, als Augenbrauen und Wimpern ausfielen, „ich sah wirklich krank aus.“

Auch mit der Fitness ging es stetig bergab. „Die kleinsten Treppenstufen haben mich völlig außer Atem gebracht“, sagt Klara Ahrens, die aber während der ganzen Zeit ihrem Hobby treu geblieben ist: dem Reiten. Regelmäßig fährt sie nach Tespe, beginnt in dieser Zeit sogar mit Springreiten. Für sie auch ein Ausweg aus dem häuslichen Umfeld, Ablenkung vom Mitleid. „Du hast plötzlich 18 Wochen frei. Wenn Du zumindest die Aufgabe hast, Dich um ein Pferd zu kümmern, dann hast Du etwas, woran Du Dich klammern kannst.“

Wenn sie heute auf die vergangenen vier Monate blickt, kann sie genau benennen, was ihr neben der stetigen Unterstützung von Freunden und Familie geholfen hat: „Bei der Diagnose dachte ich, ich würde zusammenbrechen. Aber man schaltet irgendwann ab, gibt die Verantwortung an die Ärzte weiter, bekommt einen klaren Weg vorgegeben.“ Außerdem sei es wichtig, die Krankheit nicht zu verschweigen, sondern offen darüber zu sprechen. „Irgendwann ist man so weit, dass man Witze darüber macht. Dann wird es deutlich angenehmer. Ich habe zum Beispiel in meinem Leben noch nie so schnell geduscht und so wenig Shampoo verbraucht“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Bis zuletzt blieben jedoch finanzielle Probleme: Der Reha-Antrag wurde von der Krankenkasse abgelehnt. Sie legte Widerspruch ein, ließ sich die Notwendigkeit von Ärzten und Psychologen bescheinigen. „Auch hier mussten wir leicht dramatisieren“, sagt Ahrens, die damit letztlich Erfolg hatte. Vor wenigen Tagen kam der Anruf: Reha genehmigt. Für Klara Ahrens ein „guter Abschluss. Ich kann jetzt neu anfangen“.

Die 25-Jährige hat viel über sich gelernt. „Ich bin gelassener geworden, vorher habe ich mir wahnsinnig viele Gedanken gemacht. Jetzt habe ich es überstanden“, sagt sie und glaubt, in Zukunft erkennen zu können, was „wirkliche Probleme“ sind. Die Haare wachsen mittlerweile auch wieder. „Es fehlt mir, an meinen Haaren herumzutüdeln, mir Frisuren zu machen. Auch wenn ich die kurzen Haare nicht schlecht finde.“ Ihr Studium im Master International Economic Law hat sie wieder im Blick, einer ihrer Professoren hat ihr vor kurzem sogar eine Doktorarbeit angeboten. Einen Wunsch hat sie nicht aufgegeben: In diesem Jahr möchte Klara Ahrens endlich das ersehnte Auslandssemester in Schottland antreten. Die Vorfreude sei groß.

Das sagt die TK Niedersachsen:

Zum Thema Unfruchtbarkeitsvorbeugung: „Das ist keine originäre Kassenleistung, es gehört einfach nicht zum Leistungskatalog einer gesetzlichen Krankenversicherung. Eine Eierstockentfernung fällt beispielsweise in die persönliche Lebenslage eines Menschen, das schließt alle Altersgruppen ein. Außerdem ist nicht gesagt, dass es zu einer Unfruchtbarkeit kommen könnte. Wir folgen dem fünften Sozialgesetzbuch, das ziehlt auf die Verhütung der Verschlimmerung einer Krankheit ab.“

Zur Perücke: „Die Kostenübernahme des Haarersatzes für Ersatzkassenversicherte ist im Vertrag zwischen dem Bundesverband der Zweithaarspezialisten und dem Verband der Ersatzkassen geregelt. In diesem Vertrag ist geregelt, dass die Versorgung bei Erwachsenen (Kunsthaar) bei krankheitsbedingtem vorübergehendem Haarverlust (mindestens sechs Monate) 333 Euro beträgt.“