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Prof. Cornelius Nestler (l.) und Thomas Walther, hier in der Ritterakademie, haben den Lüneburger Auschwitz-Prozess ins Rollen gebracht.  Das Duo wird auch in dem Detmolder Prozess, der nächste Woche beginnt, den Großteil der Nebenkläger vertreten. Foto: phs
Prof. Cornelius Nestler (l.) und Thomas Walther, hier in der Ritterakademie, haben den Lüneburger Auschwitz-Prozess ins Rollen gebracht. Das Duo wird auch in dem Detmolder Prozess, der nächste Woche beginnt, den Großteil der Nebenkläger vertreten. Foto: phs

Akte Gröning nicht geschlossen

rast Lüneburg. Wegen Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen hatte die 4. Große Strafkammer am Landgericht Lüneburg den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning in einem aufsehenerregenden Verfahren zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Der 94-Jährige gilt als Buchhalter von Auschwitz. Ob und wann das Urteil vom 15. Juli 2015 rechtskräftig wird, ist weiterhin offen. Denn noch hat die Akte Gröning nicht den Bundesgerichtshof in Karlsruhe erreicht, wie dessen Sprecherin Angela Haasters bestätigt.

Zwei Anwälte von Nebenklägern, die eine Verurteilung wegen Mordes und nicht nur wegen Beihilfe erreichen wollen, und die Gröning-Verteidiger, die eine Strafmilderung anstreben, da Gröning in früheren Verfahren gegen andere SS-Männer als Zeuge ausgesagt habe, waren in Revision gegangen. Für ihre schriftlichen Begründungen hatten die Anwälte Zeit, die Argumentationen wurden dann an die zuständige Staatsanwaltschaft Hannover geschickt. Und die wurden laut dem dortigen Pressesprecher, Oberstaatsanwalt Thomas Klinge, eingehend geprüft — und gehen am heutigen Montag in die Post in Richtung Generalstaatsanwaltschaft Celle und von dort aus zum Generalbundesanwalt nach Karlsruhe. Erst nach seiner Stellungnahme kann der zuständige Strafsenat beim Bundesgerichtshof entscheiden. Das kann Monate dauern, zu einem Zeitpunkt aber kann sich BGH-Sprecherin Haasters nicht äußern.

Derweil laufen im Februar zwei neue NS-Großverfahren in Detmold und Neubrandenburg an — organisatorisch dient da Lüneburg als Vorbild. Vor dem Landgericht Detmold muss sich vom 11. Fe­bruar an Reinhold H. aus Lage wegen Beihilfe zum Mord in 170000 Fällen verantworten, wie Gröning ist er 94 Jahre alt. Der frühere SS-Mann soll im Januar 1942 in das Konzentrationslager im damals deutsch besetzten Polen versetzt worden und dann sowohl für die Bewachung des Stammlagers Auschwitz sowie des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zuständig gewesen sein. Als Angehöriger der Wachmannschaft soll er von Januar 1943 bis Juni 1944 an der Tötung von mindestens 170000 Menschen beteiligt gewesen sein. Laut der zuständigen Staatsanwaltschaft Dortmund hat er bereits eingeräumt, in Auschwitz eingesetzt gewesen zu sein, eine Beteiligung an den Morden aber habe er bestritten.

Wie in Lüneburg reichen die Gerichtsräumlichkeiten für einen solchen, auf weltweites Interesse stoßenden Prozess nicht aus. Die Detmolder ziehen ins Haus der Industrie- und Handelskammer ein. Die Sicherheitsvorkehrungen gleichen denen aus Lüneburg, so dürfen die Zuhörer auch dort keine Taschen mit in den Sitzungssaal nehmen. Auch in der IHK Detmold wird es 120 Plätze für Zuhörer geben — 60 für Medienvertreter, 60 für andere Besucher. Auf den Medienplätzen werden Journalisten wie Gisela Friedrichsen vom Spiegel Platz nehmen, die beim Gröning-Verfahren ebenfalls dabei waren. Die rund 30 Nebenkläger — Auschwitz-Überlebende und Angehörige von Opfern — kommen unter anderem aus Israel, den USA, Kanada und Großbritannien und werden größtenteils vertreten von den Rechtsanwälten Thomas Walther und Prof. Dr. Cornelius Nestler. Das Duo hatte schon in Lüneburg das Sagen unter den Anwälten auf der Nebenklägerseite.

Für die Detmolder Richter war der Lüneburger Prozess lehrreich, in der hiesigen Ritterakademie wurde schnell klar, dass Oskar Gröning nicht ganztägig verhandlungsfähig ist. Gegen Reinhold H. soll jeweils ab 10 Uhr nur vormittags verhandelt werden. Anberaumt sind zunächst zwölf Prozesstage, ein Urteil könnte am 20. Mai gesprochen werden.

Während des Gröning-Prozesses waren auch Polizeibeamte aus Schwerin in Lüneburg, um sich anzusehen, wie hier die Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt wurden. Diese sind Vorbild für den am 29. Februar in Neubrandenburg startenden Prozess gegen den 95 Jahre alten Hubert Z. wegen seiner Tätigkeit als Angehöriger der SS-Sanitätsdienststaffel im Sommer 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Ihm wird die Beihilfe zum Mord in mindestens 3681 Fällen vorgeworfen. Vertreten werden soll Z., der im März 2014 für einen Monat in der JVA Bützow in Untersuchungshaft saß, vom ehemaligen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel. Bereits im März 1948 war Z. vom polnischen Bezirksgericht in Krakau für seine Taten im Auschwitz-Nebenlager Neustadt zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Das Landgericht Neubrandenburg hatte es vor einem Jahr noch abgelehnt, das Hauptverfahren gegen Z. angesichts seines Alters und Gesundheitszustandes zu eröffnen. Doch die Staatsanwaltschaft reichte Beschwerde ein und bekam beim Oberlandesgericht Rostock Recht. Zu weiteren NS-Verfahren könnte es in Hanau und Kiel kommen, dort wird noch geprüft, ob die Hauptverfahren eröffnet werden.