Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Sude Tamer (l.) war selbst mal LEGO-Schülerin, jetzt unterrichtet sie ebenso wie Robert Werner und Katja Kämpfer ihre Mitschüler am Gymnasium Oedeme. Foto: t&w
Sude Tamer (l.) war selbst mal LEGO-Schülerin, jetzt unterrichtet sie ebenso wie Robert Werner und Katja Kämpfer ihre Mitschüler am Gymnasium Oedeme. Foto: t&w

Gymnasium Oedeme: Wenn der Schüler der Pauker ist

us Lüneburg. „Die erste Stunde war schon spannend.“ Robert Werner erinnert sich noch genau daran, als er das erste Mal vor seinen Schülern stand. Etwas aufgeregt war er schon, aber das verging schnell: „Ich fühlte mich gut vorbereitet.“ Inzwischen hat er Routine darin, vor einer „Klasse“ zu stehen und Unterrichtsstoff zu vermitteln. Der 18-jährige Schüler ist einer von derzeit 35 LEGO-Lehrern, die am Gymnasium Oedeme anderen Schülern helfen, ihre Schulnoten zu verbessern.

„LEGO steht für Lernclub Gymnasium Oedeme“, erläutert Schulleiter Dieter Stephan den Begriff, den seine Schule sich für ein System gewählt hat, das es mittlerweile seit gut zehn Jahren an dem Gymnasium gibt – mit beachtenswertem Erfolg. „Wir haben weniger Sitzenbleiber als früher“, weiß der Schulleiter zu berichten. Das gehe aus der Anzahl der Schüler hervor, die bis zum Abitur durchhalten, aber auch aus den Noten, die sich bei vielen Teilnehmern des LEGO-Unterrichts verbessern.

Diese Erfahrung hat auch Robert gemacht: „Man spürt es oft schon im Unterricht, spätestens aber im Ergebnis der Klassenarbeiten, ob der Unterricht etwas gebracht hat.“ Einmal pro Woche unterrichtet er eine Gruppe von drei bis fünf Schülern im Fach Englisch, sie kommen – wie alle anderen 35 Gruppen auch – jeweils für eine Doppelstunde nach der Mittagspause in einem der dafür bereitgestellten Klassenräume zusammen.

Unterrichtet werden in der Regel Schüler der Klassen 7 bis 9, die sich auf eigenen Wunsch oder auf Anregung von Eltern oder Lehrern anmelden können. Den Zeitpunkt, wann sie einsteigen wollen, können die Schüler dann selbst bestimmen und auch erstmal reinschnuppern, „danach aber ist der Unterricht dann verbindlich“, wie Dieter Stephan erklärt.

Als LEGO-Lehrer können sich Schüler bewerben, die in ihren Fächern durch gute Noten glänzen. Das „pädagogische Rüstzeug“ für ihren Unterricht erhalten sie zuvor im Rahmen einer eintägigen Grundschulung. „Hier lernen sie, wie man eine Unterrichtsstunde aufbaut“, erläutert Lehrerin Anja Hoff. Als Oberstudienrätin hat sie die pädagogische und organisatorische Verantwortung für LEGO und übernimmt mit ihren Kollegen auch die Supervision, indem sie einzelne Unterrichtseinheiten besuchen.
Sude Tamer, Zehntklässlerin und LEGO-Lehrerin im Fach Mathematik, sieht diese Betreuung durchaus positiv: „Die Lehrer geben uns Tipps und erklären, wie wir unsere Schüler motivieren können“, sagt die 15-Jährige. Etwa, dass es mehr bringt, konstant an einem Fach dran zu bleiben, auch wenn es nur fünf Minuten pro Tag sind, als nur gelegentlich zu büffeln. Sie weiß, wovon sie spricht, denn in der siebten Klasse war sie selbst einmal LEGO-Schülerin. „Ich hab‘ das damals als Absicherung gemacht, denn ich wollte in Mathe nicht auf eine Drei abrutschen.“

Für ihren Einsatz erhalten die LEGO-Lehrer 15 Euro pro Doppelstunde, wenn sie ein bis zwei Schüler unterrichten, bei drei bis fünf Schülern gibt es 20 Euro. Die Schüler zahlen für jede Unterrichtseinheit 7 Euro, „das Geld kommt in einen großen Topf, daraus wird alles bezahlt“, erläutert Stephan. Er ist merklich stolz auf das System, das, wie er sagt, „bei den Eltern rundherum gut ankommt“. Aber auch die Lehrer unterstützen es, „denn es entlastet uns“, wie Anja Hoff berichtet.

Dass viele Schüler nicht nur des Geldes wegen den Job als LEGO-Lehrer antreten, macht Katja Kämpfer deutlich. Die 18-Jährige steht kurz vor dem Abitur, doch ihren Latein-Unterricht will sie auch während der anstehenden, stressigen Prüfungsphase nicht aufgeben. „Nach Abschluss der Schule werde ich die Arbeit mit den Schülern definitiv vermissen“, ist sich Katja sicher. Weil sie von dem System überzeugt ist und weiß, wie sehr es ihren Mitschülern hilft, will sie am Schulende 250 Euro in den Topf legen, ein Preisgeld, das sie als Gewinnerin bei einem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten erhalten hat. Damit soll Lernmaterial für die LEGO-Schüler angeschafft werden, „denn Latein-Übungstexte sind bei uns zurzeit noch ein Problem.“

 

2 Kommentare

  1. Werner Schneyder

    Ein tolles Projekt! Nun müssten die Gymnasien noch lernen, keine Schüler abzuschulen oder sitzen bleiben zu lassen.

  2. Hallo Werner Schneyder

    Wenn du nach 1978 geboren wurdest, hat das hier nichts mit dir zu tun Verschwinde! Kinder von heute werden in Watte gepackt. Wenn du als Kind in den 50-er, 60-er oder 70-er Jahren in Lüneburg und Umgebung aufgewachsen bist, ist es im Rückblick kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten!

    Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Unsere Kettchen waren vom Großvater in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium angestrichen. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf Fahrrad oder Mofa trugen wir nie einen Helm. Wir tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen. Wir bauten Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass wir die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen wir nach einigen Unfällen klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei!

    Wir haben uns geschnitten, brachen Knochen und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht“. Kannst du dich noch an „Unfälle“ erinnern? Wir kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Damit mussten wir leben, denn es interessierte den Erwachsenen nicht.

    Wir aßen Kekse, Brot mit Butter dick, tranken sehr viel Apfelsaft und Limonade und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen. Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chatrooms. Wir hatten Freunde.

    Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu ihnen nach Hause und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht zu klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns und keiner holte uns. Wie war das nur möglich?

    Wir dachten uns Spiele aus mit Holzstöcken und Tennisbällen. Außerdem aßen wir Würmer. Und die Prophezeiungen trafen nicht ein: Die Würmer lebten nicht in unseren Mägen für immer weiter, und mit den Stöcken stachen wir nicht besonders viele Augen aus.

    Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Demütigungen und Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Wer´s nach dem zweiten Sitzenbleiben immer noch nicht raffte ging zurück auf die Mittel- oder die Hauptschule und wurde Bäcker, Bademeister oder Bürgermeister. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.

    Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas!

    Unsere Generation hat eine Fülle von sehr innovativen Problemlösern, Erfindern mit Risikobereitschaft und LZ-Kommentatoren hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung — oder einen Coffee Shop in der Schröderstraße. Mit all dem wussten wir umzugehen. Und du gehörst vielleicht auch dazu, Werner Schneyder. Herzlichen Glückwunsch!

    Deine Angelika Heinen