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Pferde werden mit Gewalt in eine Haltung gezwungen, ohne dass sie den Schmerzen entkommen können: Regina Rheinwald dokumentierte Verstöße auf Turnieren. Der LZ-Artikel über ihr Buch schlägt Wellen. Foto: Rheinwald
Pferde werden mit Gewalt in eine Haltung gezwungen, ohne dass sie den Schmerzen entkommen können: Regina Rheinwald dokumentierte Verstöße auf Turnieren. Der LZ-Artikel über ihr Buch schlägt Wellen. Foto: Rheinwald

Hitzige Diskussionen über Gewalt gegen Pferde

off Adendorf. Gewalt im Pferdesport. Das Thema bewegt — vor allem die Reiterszene selbst. Doch wie steht es wirklich um das Miteinander von Pferd und Reiter? Darüber diskutierten auf Einladung des Kreispferdesportverbandes Lüneburg jetzt mehr als 150 Pferdebesitzer, Reiter, Richter, Ausbilder und Turnierveranstalter im Sporthotel Adendorf. Anlass für die hitzige, kontroverse und zum Teil hochemotionale Debatte war die Berichterstattung über ein Buch der Soderstorfer Autorin Regina Rheinwald mit dem Untertitel „…vom System Gewalt gegen das Pferd“.

Über Jahre hatte die Verhaltenstherapeutin für Pferde und ehemalige Reitschulbesitzerin aggressives Reiten und Tierschutzverstöße auf Turnieren im Norden dokumentiert, die LZ darüber im Dezember unter dem Titel „Wenn Pferde schreien könnten“ berichtet. „Mit diesem Artikel sind wir Lüneburger Reiter in den Fokus der Kritik gerückt“, sagte der Vorsitzende des Kreispferdesportverbandes, Dr. Ernst-Dietrich Paulus. Anlass für ihn, den traditionell verbandsinternen Vortragsabend mit dem Leiter der Deutschen Reitschule in Warendorf, Hannes Müller, auch für Nichtmitglieder zu öffnen.

Bevor es allerdings Raum für Diskussionen gab, stellte Dressurausbilder Müller den Kriterienkatalog der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) vor. Veröffentlicht hat die FN das Regelwerk 2014, nachdem aggressives Reiten auf Turnier-Abreiterplätzen zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt worden war. Der Kriterienkatalog soll Richtern und Veranstaltern Leitlinien an die Hand geben zur Beurteilung von pferdegerechtem und nicht-pferdegerechtem Verhalten. Ausführlich stellte Müller alle Kriterien und Signale der Pferde vor. Den Zuhörern allerdings brannte vor allem ein Thema unter den Nägeln: Wie konsequent wird der Kriterienkatalog tatsächlich angewendet?

Für den Leiter der Deutschen Reitschule ist die Sache klar: „Bei nicht-pferdegerechtem Reiten besteht sofortiger Handlungsbedarf.“ Und das heißt: Der Reiter wird auf die Probleme hingewiesen (gelbe Karte), notfalls auch von der Prüfung ausgeschlossen (rote Karte). Tatsächlich liegt aber genau da oft das Problem. Das zumindest berichteten gleich mehrere Zuhörer. „Ich bin selbst Turnierreiterin“, sagte eine Dame, „und ich habe Richter auf den Abreiteplätze schon oft auf offensichtlich brutales Reiten aufmerksam gemacht.“ Doch statt einzugreifen, sei sie abgespeist und als Petze hingestellt worden. Auch ein Beschwerdebrief an den Landesverband der FN sei wirkungslos geblieben. „Kriterienkatalog gut und schön“, sagte sie, „tatsächlich hat man einfach keine Handhabe.“

Ähnliche Erfahrungen haben andere Zuhörer gemacht, das Gleiche beschreibt in ihrem Buch Regina Rheinwald, die an dem Abend ebenfalls vor Ort war. Dennoch: Es geht offenbar auch anders. Eine Dame berichtete, dass sie mit ihrer Beschwerde auf einem Turnier durchaus ernst genommen, die betreffende Reiterin von der Prüfung sogar ausgeschlossen worden sei. Auch anwesende Richter bestätigten, selbst Verstöße geahndet zu haben. Eine Richterin machte allerdings auch klar: Es gibt Probleme. „Ich bin zum Beispiel mal auf einem Turnier eingesetzt worden, wo ich allein für drei Abreiteplätze verantwortlich war. Da kann ich gar nicht alles im Blick haben.“ Als sie sich beim Veranstalter beschwert habe, „hat man genickt und mich nie wieder eingeladen“.

Bleibt festzuhalten: Es gibt Handlungsbedarf. Und zwar nicht nur für die Turnierrichter und -veranstalter, betonte Ausbildungsleiter Müller. Gefordert seien alle, die mit Pferdesport zu tun haben. „Ob sie etwas auf einem Turnier beobachten oder zu Hause im Stall, trauen Sie sich, zeigen Sie drauf, sprechen Sie die Menschen an!“ Er warnte allerdings davor, den gesamten Pferdesport unter Generalverdacht zu stellen. „Es gibt verirrte Hirne, aber es gibt so viel mehr Menschen, die sich die größte Mühe mit ihren Pferden geben.“ Er ist überzeugt: „Es gibt kein System Gewalt gegen das Pferd.“

Andere sind an dem Abend anderer Meinung. Wie es tatsächlich steht um das Miteinander von Pferd und Reiter? Die Debatte darum beendete Ernst-Dietrich Paulus gut dreieinhalb Stunden nach Veranstaltungsbeginn. Zumindest vorerst. Denn eins ist an dem Abend mehr als deutlich geworden: Es gibt Gewalt im Pferdesport — und die Diskussion um den richtigen Umgang damit ist noch lange nicht ausgestanden.

Online-Umfrage

Woran orientieren Sie sich bei der Ausbildung Ihres Pferdes? Wie stehen Sie zur Nutzung von Hilfszügeln, Reithalfter und Gebissen für Pferde? Wo sehen Sie Handlungs- und Verbesserungsbedarf rund um das Thema pferdegerechtes Reiten? Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) führt derzeit eine Online-Umfrage zur Pferdegerechtheit von Ausbildung, Sport und Haltung durch. Interessierte können über folgenden Link an der 15- bis 30-minütigen Befragung teilnehmen: www.fn-umfrage.de. Unter allen Teilnehmern werden 50 Bücher „Wir reiten für Deutschland — 100 Jahre Pferdesport im Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei“ verlost.