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Bastian Seipelt  hält eine der Bio-Plastiktüten in die Kamera, die ihm und seinen Kollegen immer wieder Probleme bereiten. Foto: kre
Bastian Seipelt hält eine der Bio-Plastiktüten in die Kamera, die ihm und seinen Kollegen immer wieder Probleme bereiten. Foto: kre

Kommunalem Entsorger stinkt die Bio-Plastiktüte

kre Bardowick. „Ich bin ein Bio-Beutel, biologisch abbaubar und kompostierbar“ steht mit grünen Buchstaben auf der Plastiktüte: „Hergestellt auf Basis nachwachsender Rohstoffe, gut für Umwelt und Klima.“ Die Realität sieht anders aus. Und sie ist alles andere als ökologisch. Ortstermin beim kommunalen Entsorger GfA in Bardowick mit Dr. Mercedes Corrales, Lehrbeauftragte der Leuphana-Universität. Die Hochschuldozentin kämpft seit langem schon gegen die weltweite Umweltverschmutzung durch Plastiktüten. „Biotüten lösen das Problem nicht“, sagt sie. Im Gegenteil: „Sie lassen sich schwer kompostieren, nicht recyceln, bestehen nach wie vor zu einem großen Teil aus Erdöl und verursachen neue Probleme.“

Bioabfälle und Plastik — das passt auch für Bastian Seipelt und seine Kollegen am Sortierband der GfA nicht zusammen. Trotzdem ziehen sie jeden Tag Unmengen an Plastikabfall aus dem angelieferten Bioabfall. Herkömmliche, „aber zunehmend mehr auch sogenannte Biomülltüten“, sagt Seipelt. „Plastiktüten machen bei den Störstoffen im Bioabfall bereits einen Anteil von mehr als 40 Prozent aus“, berichtet GfA-Mitarbeiterin Katja Richter.

Innerhalb von nicht einmal zehn Minuten sortieren Fabian Welker, Mohamed Hamed und Schülerpraktikant Niclas Muxfeldt Dutzende Tüten und Plastikreste aus dem Grünabfall, der auf dem Band wie weiland bei Rudi Carrell vor ihnen vorbeiläuft. Nur, dass der Preis alles andere als heiß und die Tüten nicht wertvoll, sondern schmutzig sind. Manche sind sogar noch intakt und gefüllt mit Bioresten, für die die Besitzer keine Verwendung mehr hatten.

Nun landen die aussortierten Tüten samt Inhalt aber nicht mehr in der Kompostierung, sondern im Restmüll. „Das kann doch nicht im Sinne der Bürger sein“, sagt Katja Richter. Das Aussortieren der Tüten aber ist notwendig, denn solange sich die Biomasse luftabgeschlossen im Plastikbeutel befindet, funktioniert die Kompostierung nicht richtig. „Und ob es sich bei der Tüte um eine herkömmliche oder um eine Biotüte handelt, können die Kollegen häufig gar nicht mehr erkennen“, weiß Richter, „deshalb muss das Plastik auf jeden Fall aussortiert werden“.

Zwar fordert die für Biomülltüten einschlägige EU-Norm 1342 eine Zersetzung von 90 Prozent der Tüte in Bestandteile, die kleiner als zwei Millimeter sind — und das in einem Zeitraum von zwölf Wochen. Aber das ist letztlich nur eine Vorgabe, die kaum ein Kompostierwerk erfüllen kann. Auch die GfA nicht. Aus einem einfachen Grund: „Die Kompostierung ist bei uns schon nach sieben bis acht Wochen abgeschlossen, die Bio-Plastiktüten dagegen bauen sich viel langsamer als herkömmliche Bioabfälle ab“, sagt Richter.

Hinzu komme, dass die Biokunststoff-Beutel eine bestimmte Wärmeentwicklung benötigen, damit sie sich zersetzen. „Es kommt doch auch keiner auf die Idee, die Bio-Tüten auf dem heimischen Komposter verrotten zu lassen“, gibt Katja Richter zu bedenken. Fürs Recycling tauge der Bio-Kunststoff ebenfalls nicht: „Recycler haben Sorge, dass ganze Chargen durch das Bioplastik verunreinigt werden“, sagt Richter.

Und die Öko-Bilanz der Bio-Tüten: „Die ist schlecht“, stellt Dr. Mercedes Corrales fest: Um Rohstoffe für die Herstellung zu gewinnen, bedarf es riesiger landwirtschaftlicher Flächen, auf denen Mais oder Kartoffeln für die Stärkegewinnung angebaut werden. Monokulturen mit all ihren Problemen des Pestizid- und Fungizid-Einsatzes. Die Feldfrüchte müssen mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen geerntet, in die Fabriken gefahren und dort verarbeitet werden. Auch das benötigt Energie und Erdöl, zum Beispiel für die Herstellung von Treibstoff. Unter dem Strich kommt die Dozentin der Leuphana-Universität zum gleichen Schluss wie auch das Umweltbundesamt: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben keinen ökologischen Vorteil.“

Wer also wirklich etwas für die Umwelt tun, den Sortierern der GfA am Band die Arbeit erleichtern und dabei auch noch Geld sparen will, muss sich im Verzicht üben. „Auf die Plastiktüten verzichten und den Bioabfall direkt in die Kompostiertonne entsorgen“, rät Corrales. Eigentlich ganz einfach.

4 Kommentare

  1. ‚Auf die Plastiktüten verzichten und den Bioabfall direkt in die Kompostiertonne entsorgen“, rät Corrales‘ –

    ahja. Damit im Sommer das ganze dann so richtig anfängt zu stinken und sich Schwärme von Insekten darum bilden. Super Idee.

    • ich habe seit jahren die biotonne und noch nie einen plastikbeutel dafür gebraucht. er ist überflüssig. im winter gibt es ein kleines problem. der biomüll friert gern in der tonne fest. kann man aber leicht wieder lösen. einen tag vor der abholung einmal kräftig mit dem spaten rumrühren.

      • Es gibt auch andere Dinge als diese Plastikbeutel (ich stimme ja zu, dass die Dinger nicht wirklich sinnvoll sind). Bspw. ‚Papier’beutel (gibts in Drogerien).

        Nach meiner Erfahrung sammeln sich um Biomülltonnen in denen der Abfall direkt entsorgt wird ganz schnell Wespen.

        • Steffen W.
          Nach meiner Erfahrung sammeln sich um Biomülltonnen in denen der Abfall direkt entsorgt wird ganz schnell Wespen.
          wenn ich zucker in meine tonne werfen würde, hätte ich wahrscheinlich das gleiche vergnügen. in meiner nachbarschaft gibt es bienenkörbe. bei mir gibt es erdhummeln. an meiner biotonne habe ich die noch nie gesehen.