Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Unter die Lupe genommen wird auch der Adendorfer Adolph-Holm-Kindergarten. Hier die Seepferdchen-Gruppe mit den Erzieherinnen Kristina Mastel (h.) und Ninette Harms sowie Pepe, Emily, Fabian, Nils und Samantha (v.l.). Foto: be
Unter die Lupe genommen wird auch der Adendorfer Adolph-Holm-Kindergarten. Hier die Seepferdchen-Gruppe mit den Erzieherinnen Kristina Mastel (h.) und Ninette Harms sowie Pepe, Emily, Fabian, Nils und Samantha (v.l.). Foto: be

61 Kindertagesstätten werden evaluiert

pet Lüneburg. „Ausgeklügelte Systeme der Qualitätskontrolle“ — in der Wirtschaft spielen die längst eine entscheidende Rolle, wenn es um den Erfolg geht, sagte Lüneburgs Erster Kreisrat Jürgen Krumböhmer. Man müsse aber auch anfangen, über Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Erziehung und Bildung zu reden.

Ein großer Schritt in dieser Richtung wurde jetzt in den Räumen der Industrie- und Handelskammer gemacht, wo der Kreisverband Lüneburg im Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund und Prof. Dr. Wolfgang Tietze vom Institut „EduCert“ einen Vertrag über eine „Externe Evaluation zur Messung der Qualität in Kindertageseinrichtungen im Landkreis Lüneburg“ abschlossen. „Eine Evaluation durch eine externe, neutrale Stelle“, wie Jürgen Krumböhmer betonte.

Schon in der Vergangenheit hat das Berliner Forschungs- und Entwicklungsinstitut „PädQuis“ für die kommunalen Kindergärten im Landkreisgebiet Fortbildungsmaßnahmen durchgeführt. Intensiv wurde Leitungspersonal geschult, das dann die Erkenntnisse an die Mitarbeiterinnen vor Ort weitergeben konnte. „Diese Qualifizierungsmaßnahmen laufen auch so weiter“, erklärte Karsten Zenker-Bruns, Leiter des Fachbereichs Jugendhilfe und Sport beim Landkreis. „Ein neues Buch“ schlage man aber mit der Evaluierung auf.

Wie wichtig qualifizierte frühkindliche Bildung ist, das schilderte Erziehungswissenschaftler Tietze in seinem Vortrag eindringlich. Gute und weniger gute Erziehung im Kindergarten — bis zur Einschulung könne das „einen Entwicklungsunterschied von bis zu einem Jahr ausmachen“, so Tietze. Er berichtete über eine Langzeituntersuchung aus den USA: In frühem Alter seien zwei Gruppen von Kindern gebildet worden, die dann unterschiedlich intensiv betreut wurden.

Die Auswirkungen zeigten sich früh — die qualitativ besser betreuten Kinder mussten unter anderem seltener vom Schulbesuch zurückgestellt werden, mussten seltener eine Klasse wiederholen, hatten höhere Schulbildungen und Berufsabschlüsse, hatten ein höheres Einkommen, wurden in weniger Fällen kriminell. Eine Kosten-Nutzen-Analyse ergab für die Gesellschaft einen satten Gewinn: 14 Dollar Gewinn bei einem Dollar Einsatz.

Eine große Herausforderung für das frühkindliche Bildungssystem, so Tietze, sei in den letzten Jahren schon gemeistert worden — die Schaffung zahlreicher neuer Plätze in Kindergärten und Kinderkrippen. „Eine beachtliche Leistung“, so Tietze. Jetzt stehe man vor der Aufgabe, die Qualität zu erhöhen. „Und die ist, wie bundesweite Studien zeigen, eher mittelmäßig.“

Insgesamt 61 Kindergärten und -krippen in fast allen Gemeinden rund um Lüneburg, die meisten in kommunaler Trägerschaft, werden die Mitarbeiter von EduCert in den nächsten vier Jahren unter die Lupe nehmen — etwa 15 pro Jahr. Dazu gehören Beobachtungsbesuche in den Einrichtungen, aber auch die Beurteilung von Konzepten, Personalstärken, Möglichkeiten der Vor- und Nachbereitung, Fortbildungen, Ausstattung, Elternarbeit, Räumlichkeiten und vielem mehr. Nach einigen Wochen kommen die EduCert-Mitarbeiter wieder in die Einrichtung, um vor Ort konkrete Ergebnisse mitzuteilen. So kann, wenn notwendig, reagiert werden.

Wolfgang Tietze verwies auf die Qualifizierungsmaßnahmen in der Vergangenheit und erklärte: „Wir haben uns auf den Weg gemacht. Jetzt wollen wir wissen, wo wir stehen. Wir wollen schauen, wo sind Stärken, wo gibt es noch weiteres Entwicklungspotenzial?“ Tietze weiter: „Wenn man ein System verbessern will, braucht man Daten, da reichen keine Meinungen.“

Für den Kreisverband Lüneburg im Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund unterzeichneten dessen Vorsitzender Norbert Meyer und Geschäftsführer Helmut Völker die Vereinbarung mit EduCert-Vertreter Wolfgang Tietze. Finanziert wird das Projekt vom Städte- und Gemeindebund und dem Landkreis Lüneburg.