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Prof. Dr. Jürgen Manemann spricht im Theologischen Forum im Glockenhaus. Foto: tt
Prof. Dr. Jürgen Manemann spricht im Theologischen Forum im Glockenhaus. Foto: tt

Dschihad: Was junge Menschen zum Terrorismus zieht

tt Lüneburg. „Meiner Meinung nach ist es vor allem ein aktiver Nihilismus, der Europäer in die Fänge des IS treibt“, sagt Prof. Dr. Jürgen Manemann. Der 52-jährige Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover sprach jetzt im Glockenhaus zum Thema „Wir lieben den Tod – Was fasziniert junge Europäer an dschihadistischer Gewalt?“. Im Theologischen Forum referierte der Theologe und Philosoph auf Einladung des Kirchenkreises, katholischer und evangelischer Kirche sowie der VHS vor 80 Gästen. Manemann räumt dafür mit vier gängigen Erklärungs- und Deutungsmustern auf, die sich in der derzeitigen Debatte finden lassen.
Da sei zu allererst die Diabolisierung. „Sie beschreibt den Versuch, Dschihadisten als das personifizierte Böse darzustellen“, erklärt er. Zunächst sei es gar nicht problematisch, die IS-Kämpfer zu diabolisieren, da es helfe, damit umzugehen. Auch stärke die Diabolisierung das eigene Verantwortungsempfinden gegenüber den Bedrohten des Terrors, zum Beispiel den Jesiden. Aber die Diabolisierung habe ihren Preis: „Sie rüttelt uns zwar auf, aber erklärt uns nichts.“ Die Diabolisierung biete keinerlei Analyse des Phänomens. „Wir ziehen eine Grenze zwischen ‚uns’ und ‚denen’ und verkennen damit die Tatsachen, dass die bestialischsten Terroristen aus Europa kommen.“ Nachrichtendienste sprächen gar von „Eigengewächsen“.

Daneben gebe es Versuche der Religionisierung. „Das meint, dass die dschihadistische Gewalt vorwiegend als religiöse Gewalt gedeutet wird.“ Ein Vorgehen, das sich auf den ersten Blick durchaus anböte: „Dschihadismus ist Islamismus – und Islamismus gäbe es nun mal nicht ohne den Islam“, stellt Manemann fest. Doch: „Die monokausale Religionisierung der Gräueltaten verdeckt die Perspektive, dass dem Dschihadismus teilweise ganz andere Motive zu Grunde liegen.“ Außerdem laufe diese Stilisierung Gefahr, den Terroristen direkt in die Karten zu spielen. Denn das Lesen ihrer Taten als religiöse Akte, sei genau das Ziel der dschihadistischen Gewalttäter. „Man muss sich die Frage stellen, ob man nicht das Spiel der Täter spielt“, warnt der Theologe. Gegen eine Religionisierung spreche auch der Befund eines französischen Präventionszentrums: Fast zwei Drittel der angehenden IS-Terroristen wuchsen demnach in atheistischen Elternhäusern auf, eine jüngere Studie spreche gar von 80 Prozent. Es sei also falsch, den Hass der Dschihadisten als religiösen Hass zu bezeichnen.

Auch Versuche der Sozialisierung, der Stigmatisierung der Terroristen als materiell verarmte Menschen, griffen zu kurz. Zudem sei die häufige Bezeichnung als „ungebildet“ nicht zutreffend. „Beispielsweise ist ein Viertel aller deutschen Dschihadisten sehr gut ausgebildet“, erklärt er. „Sozialisierungen dienen oft dazu, die Gewalt an den Rand zu drängen und damit auch zu verdrängen.“

Auch das vierte Deutungsmuster, die Ethisierung, sei weder verwend- noch vertretbar. „Hier werden die Täter als Handelnde betrachtet, die ihrem Handeln eine Ethik zu Grunde legen.“ In dieser Ethik erscheine das dann als „gutes Handeln“. „Dieser Ansatz macht vieles verständlich“, analysiert Manemann, „denn er erklärt, warum Menschen so bestialisch handeln.“ Die Terroristen sähen sich dabei nicht als die Bösen, sondern als die eigentlichen Guten, als „Heiler der sonst schlechten Welt“. Die Ethisierung biete jedoch eine riesige Gefahr: „Sie kann das Handeln der Täter nachträglich legitimieren.“ Manemann: „Diabolisierung, Religionisierung, Sozialisierung und Ethisierung enthalten alle ein Stück Wahrheit, aber jede für sich genommen ist nicht nur unzureichend, sondern irreführend.“

Dschihadistischer Terror versuche stets, die Psyche der Gegner zu treffen. Durch eine Enthemmung in der Führung der Konflikte sei es erklärtes Ziel der Terroristen, „durch die Furcht im Herzen ihrer Feinde zu gewinnen“. Dschihadismus sei nichts anderes als „blanker Hass“. Der Hass werde zum Lebenszweck, alles andere, selbst das eigene Überleben, werde zweitrangig. „Wir haben es mit einem ‚aktiven Nihilismus’ zu tun“, erklärt Manemann. Die Gewalttäter erhielten durch ihre Taten einen Ersatz für etwas, das ihnen in der Gesellschaft fehlt: Sinn. „Dieser Sinn besteht dann nicht mehr im Ja zum Leben, sondern im Ja zum Nichts“, erklärt Manemann. Die Suche nach diesem Sinn entstehe aus psychischer Not, der Dschihadismus präsentiere sich als Therapie dagegen.

Die Gesellschaft müsse es schaffen, Empathiefähigkeit und Gerechtigkeit wieder in den Fokus zu setzen. Es gelte, den jungen Europäern eine Orientierung zu geben und ihrem Leben damit eine Bedeutung.