Donnerstag , 29. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Flucht aus Aleppo: Neetzer Drittklässler interviewen Syrer
Anfangs lesen die Drittklässler der Grundschule Neetze ihre Fragen noch von Zetteln ab, dann werden sie immer neugieriger. Adnan Aljasem antwortet offen und geduldig. Foto: phs
Anfangs lesen die Drittklässler der Grundschule Neetze ihre Fragen noch von Zetteln ab, dann werden sie immer neugieriger. Adnan Aljasem antwortet offen und geduldig. Foto: phs

Flucht aus Aleppo: Neetzer Drittklässler interviewen Syrer

emi Neetze. Fast täglich wird über die Flüchtlingsnot berichtet, Schüler aus zehn verschiedenen Ländern besuchen die Grundschule Neetze und auch in den Elternhäusern wird oft über die Neuankömmlinge gesprochen: Um Berührungsängste abzubauen und Kinder mit der Situation vertraut zu machen, haben an der Grundschule Neetze jetzt Projekttage zum Thema Flüchtlinge in allen Klassen stattgefunden. In der Klasse 3b von Lehrerin Gabi Gruber stellte sich der 26-jährige Adnan Aljasem aus dem syrischen Aleppo den Interview-Fragen der Jungen und Mädchen, erzählte von seiner 24-tägigen Flucht und seinem neuen Leben in Bleckede.

Adnan Aljasem sitzt auf einer niedrigen Bank im Stuhlkreis und schaut erwartungsvoll in die Runde. Die Drittklässler haben Zettel vorbereitet, von denen sie reihum ihre Fragen ablesen: Wie alt bist du? Welche Hobbys hast du? Hast du eine Freundin? Adnan Aljasem antwortet offen und geduldig, meistens auf Deutsch, manchmal auf Englisch, Gabi Gruber übersetzt.

Wie gefällt es dir in Deutschland?
Adnan Aljasem: Sehr gut, die Menschen sind sehr freundlich. Hier kann ich endlich schlafen, weil ich keine Bomben höre.

War es schwer, dein Land zu verlassen?
Aljasem: Sehr schwer. Meine Eltern und meine drei Schwestern sind noch dort. Sie leben in Aleppo, aber dort ist es gefährlich. Meine Eltern sind sehr alt, meine Schwestern sind verheiratet und haben Kinder, deshalb können sie nicht weggehen.

Wie bist du hierher gekommen?
Aljasem: Meine Freunde und ich sind mit dem Bus von Aleppo nach Damaskus gefahren, dann mit dem Auto in den Libanon. Von dort aus sind wir in die Türkei geflogen, nach Istanbul. Mit dem Bus sind wir dann nach Izmir gefahren, danach mit dem Boot auf die griechische Insel Chios. Von dort sind wir mit der Fähre zum griechischen Festland übergesetzt. Anschließend sind wir mit dem Bus nach Mazedonien gefahren. Dort haben wir den Zug nach Serbien genommen. Von Serbien nach Ungarn sind wir zu Fuß gelaufen.

Was?! Wie weit war das denn?
Aljasem: 40 Kilometer. Wir sind nachts gelaufen, vielleicht zwölf Stunden lang. Wir haben nicht geschlafen. Von Ungarn sind wir mit dem Auto nach Österreich gefahren, und von da weiter nach Berlin.

Ein Mädchen zeichnet die Reiseroute mit dem Finger auf der Karte nach. Plötzlich ruft ein Kind: „Oh Gott, du tust mir so leid!“ Die Drittklässler sind jetzt ganz aufmerksam. Immer mehr Finger schnellen nach oben, die Fragen werden persönlicher und gehen über die vorbereiteten hinaus.

Was hast du auf die Reise mitgenommen?
Aljasem: Wir haben nur einen kleinen Rucksack mitgenommen, unsere Ausweise, Medikamente, etwas Kleidung, ein bisschen Essen, eine Flasche Wasser, ein Handy.

Hast du auf der Flucht gefährliche Situationen erlebt?
Aljasem: Ja. Auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland. Unser Boot ist kaputt gegangen. Es war eigentlich für zehn Personen bestimmt, aber wir waren 45. Wir mussten zwei Stunden in der Dunkelheit schwimmen, immer auf die Lichter zu.

Einige Kinder schlagen die Hände vor den Mund, andere fragen ungläubig nach, plötzlich reden alle durcheinander. Gabi Gruber erklärt, beruhigt, leitet zu den nächsten Fragen über. Adnan Aljasem spricht über typische Gerichte aus seiner Heimat, bringt den Schülern Wörter bei und schreibt ihre Namen auf arabisch. Eine Stunde später wollen ihn die Kinder fast nicht mehr gehen lassen.

Am Ende sind sich Schüler, Lehrerin und Befragter einig: Das Gespräch war interessant, hat aber nachdenklich gemacht. „Meine Gefühle waren manchmal gut“, sagt Julie (9), „aber dass das Boot kaputt war und die schwimmen mussten, war schon ein sehr dolles Erlebnis.“ Gabi Gruber beschließt, das Interview im Unterricht nachzubereiten. Und Adnan Aljasem nimmt sich vor, so etwas noch einmal zu machen. Denn am liebsten würde er allen Menschen erzählen, „warum wir hier sind und warum es schwierig ist, in Syrien zu bleiben“.