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Munawar Ahmad Khan ist ein Lüneburger Urgestein: Seit 30 Jahren zieht der fünffache Familienvater, stets mit einem großen Strauß Rosen bepackt, durch Lüneburgs Straßen.  Foto: t&w
Munawar Ahmad Khan ist ein Lüneburger Urgestein: Seit 30 Jahren zieht der fünffache Familienvater, stets mit einem großen Strauß Rosen bepackt, durch Lüneburgs Straßen. Foto: t&w

Der Rosenhändler von Lüneburg: ein lebendiges Wahrzeichen

Früher verdiente Munawar Ahmad Khan monatlich bis zu 8000 Mark damit, Rosen im Lüneburger Kneipenviertel zu verkaufen. Doch das Geschäft ist härter geworden. Die LZ begleitete den Pakistaner zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum einen Abend lang auf seinem Streifzug.

Von Anna Paarmann

Lüneburg.Es ist Mittwochabend, 19 Uhr. 79 Rosen hat Khan fest an seine Brust gepresst. Die Runde beginnt am Sande. „1991 bis 2000 – das waren die besten Jahre“, sagt der fünffache Vater, der im Juli 1986 nach Lüneburg kam. „Da habe ich 7000 bis 8000 Mark im Monat gemacht.“ Abzüglich der Steuern habe er gut davon leben können. Bergab ging es mit dem Euro, „nix gut“ sagt der 65-Jährige. Eine Erleichterung: Vier von fünf Kindern sind bereits verheiratet, alle sind aus dem Haus. „Meine jüngste Tochter ist 24, sie lebt in der Schweiz.“

Früher hatte die Familie Khan ein Haus in Deutsch Evern, jetzt lebt er mit seiner Frau in Fleestedt. „In der Nähe von Harburg“, ergänzt er. „So sind wir näher an unseren Enkelkindern.“ Denn seine zweite Tochter arbeite in Hamburg als Erzieherin, durch den Umzug seien die Wege kürzer. „Gut für meine Frau“, sagt Khan, der lieber in Lüneburg geblieben wäre. Für ihn sind die Entfernungen jetzt andere, zwei Mal in der Woche muss er zum Großmarkt nach Hamburg, täglich nach Lüneburg. Spät ins Bett, früh wieder hoch.

Geschäft läuft schleppend

„Nichts los im Moment“, sagt er und flucht, als er in die Fenster des ersten Lokals blickt. „Guten Abend, möchten schöne Rosen haben?“ fragt er, wieder ganz der Kavalier. „Ich hab‘ schon eine“, sagt eine junge Frau, lächelt aber freundlich zurück. „Hallo Herr Khan“, sagt der Barmann und gibt ihm die Hand. Die beiden unterhalten sich kurz, über das schlechte Geschäft. Khan will weiter, heute muss er Rosen verkaufen. „Letzten Mittwoch nur eine“.

Draußen geht das Klagelied weiter: „Junge Leute kaufen nicht Rosen, besser nur Bier“, sagt Khan, dafür Leute im Alter von 75, scherzt er, „die kennen mich seit 30 Jahren“. Wer welche Sorte Rosen kaufe, könne er nicht sagen. „Wenn jüngere Leute kaufen, dann rote, wegen der großen Liebe“, die älteren kaufen bunter.
Nächstes Lokal, eine Abfuhr folgt der nächsten. Der Rosenverkäufer mit dem gebügelten, kurzärmeligen Hemd, der Weste und der tief ins Gesicht gezogenen Mütze bleibt stets freundlich, „alles klar, vielen Dank“, weiter geht’s. Zielstrebig geht er auf Tische zu, meist mit älteren Herren besetzt. „Ich hätte gern eine, für meine Mutter“, sagt dann aber eine Frau Mitte 40. „Sie hat Geburtstag.“ Khan strahlt, „drei Euro bitte“. Er bekommt vier, „na sowas, vielen Dank“, sagt er und holt ein schwarzes, abgegriffenes Portemonnaie heraus. Hoffnungsvoll geht er zu einem runden Bistrotisch, ein Pärchen sitzt dicht beieinander. „Rosenallergie“, erklärt die Dame, als der Strauß direkt vor ihrer Nase auftaucht. Ihr Begleiter scheint Mitleid zu haben, er drückt ihm ein Zwei-Euro-Stück in die Hand. „Wenn Sie eine Rose kaufen, können Sie mir gern fünf Euro geben, sonst nicht“, sagt Khan höflich, aber bestimmt und wendet sich ab. „In 30 Jahren habe ich nie auch nur einen Euro so genommen“, sagt er mit erhobenem Zeigefinger.

Um drei Rosen ärmer wird der Strauß im griechischen Lokal um die Ecke, ein helles, fast schon trällerndes Lachen dringt aus der Kehle von Munawar Ahmad Khan, als er zwei Gäste am Fenster entdeckt. „Wir kaufen seit Jahrzehnten bei Herrn Kahn, also eigentlich schon immer“, sagt der Mann und lacht. „Er ist uns einfach sympathisch, immer nett und zurückhaltend, nie aufdringlich.“ Ihnen habe er hin und wieder auch eine seiner Rosen geschenkt, flüstert der Verkäufer, der sich ehrlich über die Begegnung mit dem Paar zu freuen scheint. Dennoch muss er weiter, 50 Rosen wolle er eigentlich in der Woche, je 100 am Freitag und Samstag verkaufen, „das wäre gut“.
Das nächste Restaurant ist besser besetzt, Khan steuert geradewegs auf eine zehnköpfige Seniorengruppe zu. „Ahh, Herr Khan, ich soll sie schön von ihrem Bruder aus Hamburg grüßen“, ruft ihm einer der Männer zu. „Welcher?“, „der Taxifahrer.“ Khan muss lachen, alle seine Brüder seien Taxifahrer, antwortet er, aber vielleicht der mit den grauen Haaren? Smalltalk beendet, Rosen wird er keine los, „unsere Frauen haben schon genug Rosen in ihrem Leben bekommen“, heißt es. An einem Tisch in der Ecke entdeckt Khan jemanden, ein Grinsen huscht über sein Gesicht. Ein sehr guter Bekannter, wie es scheint. „Vor 25 Jahren habe ich ihm alle Rosen abgekauft, als er mit seinem Gewerbeschein in der Hand in der Kutscherstube auftauchte“, erinnert sich der Anwalt, der seither jeden Montag bei ihm kauft. „Das war das erste und einzige Mal, dass er mit uns ein Bier getrunken hat.“ Heute soll es aber nur eine sein. „Macht nichts“, sagt Khan, schließlich habe er ja auch erst vorgestern wieder für alle Herren an seinem Tisch eine gekauft. „Für die Frauen zu Hause.“

Keine Rente in Sicht

Ob Khan noch bis an sein Lebensende Rosen verkaufen wolle? „Was soll ich denn jetzt noch anderes machen?“, sagt er schroff und dreht seinen großen Strauß schwungvoll durch den schmalen Eingang des nächsten Lokals. Drin ist es laut, fast jeder Tisch ist besetzt. Mit neuem Antrieb läuft Khan durch die Reihen, lässt seinen Blick über die Gäste schweifen. Wieder steht er vor Stammkunden. „Sie sind ja immer noch nicht in Rente“, sagt der Mann, der am Kopfende sitzt. „Rente? Wo?“, antwortet Khan und hebt seine Mütze kurz vom Kopf, „ich bin nur grau geworden, aber nicht verraten.“ Fünf Rosen wird er an dem Tisch los, die letzten hätten wochenlang gehalten, freuen sich die Begleiterinnen.

Der Strauß wirkt langsam zerpflückter, nur Einbildung wie Khan findet. „Guter Abend erst, wenn halber Strauß weg ist“, sagt er und stößt im nächsten Laden ein enthusiastisches „Einen schönen guten Abend“ hervor. Dort hat er eigentlich immer Erfolg, viele strahlende Gesichter begrüßen den Mann, eine Rose möchte aber nur eine Dame. Auch Stammkundin. Zeit für eine Cola light am Tresen, denn die Runde in der Innenstadt nähert sich dem Ende. Die Frage, wie er das zunehmende Desinteresse an seinen Heiligtümern wegstecke, beantwortet er mit seiner Religion, Ahmadiyya Muslim Jamaat. „Erst kommt der Mensch, dann die Religion“, erklärt er. „Liebe für alle, Hass für keinen.“ Alle Menschen seien Menschen, egal ob Christ oder Muslim. „Wenn einer schlechte Worte zu mir sagt und ich das auch mache, dann sind wir beide gleich, kein Unterschied“, sagt Khan, der immer mehr von Ignoranz durch den Abend begleitet wird. „Dankeschön, tschüss, schönen Abend noch“ – seine Antwort auf alles.