Donnerstag , 8. Dezember 2016
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In einer Seitenkapelle der Lüner Klosterkirche hat der Lauenburger Restaurator Gerold Ahrends 2007 bei Sanierungsarbeiten Deckenmalereien vermutlich aus den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts entdeckt und wiederhergestellt. Foto: t&w
In einer Seitenkapelle der Lüner Klosterkirche hat der Lauenburger Restaurator Gerold Ahrends 2007 bei Sanierungsarbeiten Deckenmalereien vermutlich aus den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts entdeckt und wiederhergestellt. Foto: t&w

Zwei Lauenburger gehen jeden Tag auf Schatzsuche

wb Lauenburg. Sie klettern in Gewölbe atemberaubender Kathedralen, rekonstruieren mit Pinselstrichen die Geschichte historischer Häuser — die Lauenburger Diplom-Restauratoren Yvonné Erdmann und Gerold Ahrends gehen jeden Tag auf Schatzsuche. Sie lockt Wissensdurst, Kunstliebe und Geschichtsbewusstsein: Seit acht Jahren leben und arbeiten sie in Lauenburgs Altstadt.

Täglich untersucht das Duo Zeitzeugnisse unterschiedlicher Epochen — beschädigte Gemälde, die Privatkunden zur Wiederherstellung in ihr Atelier an der Elbstraße bringen; dann analysieren sie einen historischen Gebäudebestand, beraten bei der Sanierung im Sinne der Denkmalpflege. Auch an der Restauration von Teilen des Lüneburger Rathauses waren sie beteiligt, bei acht Objekten der Lauenburger Altstadt wurden sie bereits zu Rate gezogen. Darunter sind Häuserfassaden an der Elbstraße und das Elbschifffahrtsmuseum, wie auch der historische Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ und die Hitzler Werft. „Wir sind eigentlich Kunstpfleger und keine Denkmalpfleger. Das hat sich in dieser Form nur so ergeben, weil in Lauenburg der Bestand so dicht ist“, sagt Gerold Ahrends, der Spezialist für gefasste Holzobjekte, Skulpturen und Gemälde ist.

Als solcher hat er 2007 bei Sanierungsarbeiten in einer Seitenkapelle der Klosterkirche Lüne unter dicken Farbschichten gütig blickende Engel und anmutige Einhörner freigelegt. Die Deckenmalereien stammen wohl aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Mit Pinsel und Skalpellen haben Ahrends und Erdmann die Farbreste abgekratzt und die kleinen Kunstschätze wiederhergestellt.

Und dabei ergänzt sich das Duo gut. Denn Yvonné Erdmanns Schwerpunkte sind vor allem Wandmalerei und alle Architekturoberflächen. Beide haben in mehr als zehn Jahren Ausbildung detailliertes Wissen über zeittypische Materialien und Farben sowie Schäden und deren Bearbeitung erworben. „Wer Kunstobjekte schützen will, muss wissen, womit er es zu tun hat“, betont Ahrends, wie wichtig die Theorie für die präzise Praxis ist. „Jeder beurteilt Restaurierungen nach dem Aussehen, dabei ist eine gute Restauration unsichtbar.“ Bekannte Orte und Gegenstände stehen in ihrer Referenzliste: Eine Taufe aus dem Ratzeburger Dom, der Altar aus der Barbarakapelle des Lüneburger Klosters und die Gewölbemalereien in der Kirche Zarrentin haben sie restauriert. Wenn möglich arbeiten sie im eigenen Atelier, meistens jedoch reisen die Restauratoren zu ihrer Kundschaft, der Objektgröße und langen Arbeitsdauer wegen. Ein klassischer Ablauf eines Restauratoren-Einsatzes ist schwerlich zu skizzieren: Jeder Auftrag ist anders, betont das Duo. Abhängig vom Objekt und vom Auftraggeber, der Privatkunde oder öffentliche Hand sein kann, variiert das Vorgehen. Von der reinen Beratung bis zur Bestandsaufnahme samt Untersuchung und der praktischen Umsetzung ist alles möglich. „Die Untersuchung zeigt, was es ist und wie damit umzugehen ist. Das ist wissenschaftliche Arbeit“, sagt Erdmann. „Bei einigen Projekten entscheiden wir uns dafür, etwas nur abzudecken und nicht zu bearbeiten, weil wir etwas zerstören könnten. In ein paar Jahren ist durch neue Erkenntnisse vielleicht mehr möglich.“

Die Entscheidung, wie Malereien nach der Restauration aussehen, treffen die Fachleute mit dem Eigentümer und anderen Spezialisten. „Sind mehrere Farbbestände erhalten, kann man sich auf einen einigen oder viele unterschiedliche zeigen und diese in Kirchen durch Infotafeln erklären“, sagt Ahrends. Grundsätzlich gehe es darum, Dinge zu erhalten, nicht zu verfremden und Geschichte zu beachten. „Wenn ein Gemälde bewusst zerstört wurde, muss man auch zeigen, was dem Bild angetan wurde“, verdeutlicht Ahrends stete Abwägungsprozesse des Restauratorenalltags. Er ist aber noch durch ein weiteres Element geprägt — die Neugierde, die bei aller Wissenschaft auch im Zentrum steht. „Wenn man unverhofft eine Malerei wiederfindet und die auch freilegen darf, schlägt natürlich jedes Restauratorenherz höher“, sagt Yvonné Erdmann.