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Das erste mit Schilf bewachsene Beet der Klärschlamm-Vererdungsanlage in Amelinghausen soll im Sommer geräumt werden. Foto: t&w
Das erste mit Schilf bewachsene Beet der Klärschlamm-Vererdungsanlage in Amelinghausen soll im Sommer geräumt werden. Foto: t&w

Arzneirückstände im Abwasser?

lz/dth Amelinghausen/Lüneburg. Die Amelinghausener Politik hadert nach wie vor damit, wie sie mit den Abwasserresten der vergangenen zwölf Jahre umgehen soll. Wie berichtet, ist das erste Sammelbecken der 2003 als besonders ökologisch gefeierten Klärschlamm-Vererdungsanlage voll und muss geräumt werden. Bislang war es gängige Praxis im Sinne einer Kreislaufwirtschaft, solche Reststoffe als Dünger auf die Äcker auszubringen. Die Grünen haben nun eine Diskussion um Medikamentenrückstände im Abwasser angestoßen. Ein Schlaglicht fiel dabei auch auf die Lüneburger Abwasserbeseitigung und mögliche Zusatzbelastungen durch das Lüneburger Klinikum.

Die Samtgemeinde Amelinghausen verfügt über ein eigenes Klärwerk für seine 21 Dörfer. Vor diesem Hintergrund hatte Amelinghausens Bauamtsleiter Michael Göbel bei der Debatte im Bauausschuss dafür plädiert, lieber den eigenen Klärschlamm weiter zu verwerten. Oder: „Wollen Sie Klärschlamm aus der Stadt Lüneburg mit seinem Klinikum?“ Dazu meldete sich nun Lars Strehse, Chef der Abwassergesellschaft Lüneburg (ALG) zu Wort: „Die Haupteinträger von Arzneirückständen sind in der Summe der Dinge die Privathaushalte.“ Dabei beruft sich Strehse auf eine Studie eines Wissenschaftlerteams um den Lüneburger Professor Dr. Klaus Kümmerer. Darin werden die Werte allerdings nur exemplarisch errechnet. Die Grünen in Amelinghausen fordern eine konkrete Beprobung.

„Privathaushalte sind für die Mehrheit der ins Abwasser eingeleiteten Medikamentenrückstände verantwortlich. Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser, Psychiatrien und Pflegeheime tragen dagegen lediglich lokal und mit nur wenigen Substanzen als nennenswerte Verursacher zu einer Verunreinigung des Abwassers durch Arzneistoffe bei“, lautet das zusammengefasste Ergebnis, zu dem die Nachhaltigkeitswissenschaftler der Leuphana Universität Lüneburg im vergangenen Jahr gelangten.

Das Wissenschaftlerteam um Prof. Dr. Klaus Kümmerer analysierte Medikamentenverbrauchsdaten eines Krankenhauses, einer psychiatrischen Klinik und eines Pflegeheimes in Südwestdeutschland. Auf Grundlage der so ermittelten Verbrauchsmuster machten die Forscher 50 häufig verabreichte Substanzen aus, die generell eine besondere Bedeutung für den Abwassereintrag haben. Sie werden von den Patienten teils unverändert ausgeschieden und gelangen so ins Abwasser. Den über drei Jahre gerechneten Mittelwert des Medikamenten-Verbrauchs durch die Gesundheitseinrichtungen verglichen die Wissenschaftler in einem zweiten Schritt mit dem jährlichen Gesamtverbrauch der ausgewählten Substanzen durch deutsche Privathaushalte. So sei beispielsweise der Verbrauch von Medikamenten, die den Verdauungstrakt oder das Herz-Kreislauf-System beeinflussen, in Krankenhäusern 15 bis 500 Mal niedriger als in Privathaushalten.

Nennenswerte Verbrauchsmengen konnten nur für das Sedativum Clomethiazol in Krankenhäusern sowie für das Neuroleptikum Quetiapin und das Antidepressivum Moclobemid in Pflegeheimen aufgezeigt werden. Spezifische Arzneirückstände wie diese könnten daher in regionaler Perspektive auf bestimmte Gesundheitseinrichtungen als Emissionsquellen zurückgeführt werden, heißt es. Was das für das Lüneburger Abwasser konkret bedeutet, konnte AGL-Geschäftsführer Strehse auf LZ-Nachfrage aber nicht sagen. Schließlich würde das Lüneburger Abwasser nicht gezielt auf Arzneirückstände beprobt. Strehse: „Das sind so viele Stoffe, dafür müsste man ein Massenspektrometer haben.“

Auch mit Blick auf den Klärschlamm in Amelinghausen kritisierte bei der jüngsten Sitzung des Samtgemeinderates Amelinghausen der Grüne Detlev Schulz-Hendel, dass Medikamentenrückstände nicht konsequent untersucht werden sei es mit oder ohne Klinikum. Ähnliche Fragen wie bei der Klärschlammverwertung dürften sich dann aber beispielsweise auch bei Gülle und Gärresten aus Biogasanlagen stellen, sagte Dominik Wehling (CDU). Schulz-Hendel sagte: „Es reicht nicht aus, auf den Feldern nur weniger schlechten Klärschlamm auszubringen.“ Im Zweifelsfall müsste doch über eine Verbrennung nachgedacht werden, auch wenn das mehr koste. „Wir können es uns nicht leisten, die Gesundheit unserer Bürger hintenanzustellen.“ Wolfgang Marten (SPD) forderte eine vergleichende Analyse der Reststoffe aus Amelinghausen und Lüneburg als weitere Entscheidungsgrundlage. Das Thema wurde vom Rat in den Bauausschuss verwiesen.

Nachgefragt

Foto: t&w LZ Leute Leute  - Angela Wilhelm, Pressesprecherin der Gesundheitsholding Lüneburg  05.04.2008 unveröff
Angela Wilhelm, Pressesprecherin der Gesundheitsholding Lüneburg

Angela Wilhelm, Sprecherin der Gesundheitsholding Lüneburg: Das Abwasser des Klinikums Lüneburg wird genauso wie das Abwasser jedes normalen Haushalts über die öffentliche Kanalisation entsorgt und zur Kläranlage geleitet. In Zusammenhang mit dem Bauantrag für den zurzeit entstehenden Erweiterungsbau wurde erst kürzlich das gesamte Abwassersystem des Klinikums überprüft und ohne Beanstandungen abgenommen.

Gibt es Stoffe, die aus der Abwasserentsorgung herausgehalten werden müssen?

Wilhelm: Das Küchenabwasser wird, wie für Großküchen vorgeschrieben, über einen Fettabscheider geleitet. Dort setzt sich das Fett oben ab und wird von einer Fachfirma entsorgt. Das verbleibende Abwasser wird in die Kanalisation eingeleitet.

Für den Hubschrauberlandeplatz gibt es einen Öl-/Benzinabscheider, der im Fall eines großen Treibstoffverlusts verhindert, dass dieser in die Kanalisation gelangt.

Bei der Radiojodtherapie, die bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen eingesetzt wird, scheiden die Patienten einen Großteil des radioaktiven Jods über Urin, Stuhlgang, Schweiß und Speichel aus. Deshalb werden alle Abwässer der dafür verwendeten Patientenzimmer in einem Abklingbecken aufgefangen und erst nach der vorgeschriebenen Abklingzeit in die Kanalisation eingeleitet.

An verschiedenen Stellen im Klinikum anfallende Flüssigchemikalien werden grundsätzlich separat gesammelt und im Anschluss von einer Fachfirma entsorgt, sie gelangen nicht ins Abwasser.