Dienstag , 27. September 2016
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Küster Maik Ondra (r.) und Hans-Karsten Schmaltz vom Kirchenvorstand haben schon mal getestet, ob sich der Wandelaltar heute Abend problemlos schließen lässt. Die beiden rechten Motive zeigen den Namensgeber des Altars, den Heiligen Lambertus. Foto: t&w
Küster Maik Ondra (r.) und Hans-Karsten Schmaltz vom Kirchenvorstand haben schon mal getestet, ob sich der Wandelaltar heute Abend problemlos schließen lässt. Die beiden rechten Motive zeigen den Namensgeber des Altars, den Heiligen Lambertus. Foto: t&w

Versteckte Kunst in St. Nicolai

rast Lüneburg. Wenn sich der um 19 Uhr in der St.-Nicolai-Kirche beginnende Gottesdienst am heutigen Gründonnerstag dem Ende zuneigt, erleben die Besucher einen seltenen Moment: Der Hochaltar wird ganz zugeklappt, zum Vorschein kommen dann zwei Kunstwerke, die nur kurz zu sehen sind, denn in der Nacht zu Ostersonntag wird der Wandelaltar wieder ganz geöffnet. Altäre galten einst als Bibel der Armen, das Wort Gottes wurde den Menschen durch eine Bildsprache vermittelt. So auch die nun zu sehenden beiden Geschichten von Isaak und der Kreuzigung Jesu.

Hans-Karsten Schmaltz vom Kirchenvorstand kennt die Geschichte des um 1440 vom Lüneburger Meister Hans Snitker d. Ä. geschaffenen Altars, dessen Gemälde dem Künstler Hans Bornemann zugeschrieben werden: „Es gibt insgesamt 21 Reliefs, wobei 20 Reliefs den Rahmen bilden für die nun zu sehende Kreuzigungsszene.“ Das zweite, sonst versteckte Bild deutet eine Opferszene an: „Abraham wird von Gott auf die Probe gestellt, er soll seinen Sohn Isaak opfern. Abraham gehorcht und reist mit seinem Sohn ins Land Moria. Er errichtet dort einen Altar und bindet Isaak darauf fest, um ihn zu opfern. Ein Engel verhindert im letzten Moment die Bluttat, erklärt Abraham die Probe und dass er und seine Nachkommen den ewigen Segen erhalten.“

Die 1407 bis 1440 erbaute Schifferkirche St. Nicolai, jüngste der drei großen Stadtkirchen, hatte den Altar aus der 1861 abgerissenen Lambertikirche übernommen. „Das ist auch der Grund dafür, warum zwei der Motive den Maastrichter Bischof Lambert zeigen, der im siebten Jahrhundert lebte“, weiß Schmaltz. Weil Lambert die Immunitätsrechte der Kirche vehement gegenüber der weltlichen Macht verteidigte, wurde er umgebracht: „Eines der beiden Bilder zeigt, wie der Heilige Lambertus, der sich wohl zunächst verteidigen wollte, das Schwert sinken lässt, um das Martyrium zu empfangen.“

Ein weiteres Motiv birgt eine Überraschung, denn im Hintergrund einer biblischen Szene ist die Stadt Lüneburg mit ihren Festungsmauern zu sehen. Im Vordergrund agieren Apostel im Wettstreit mit Zauberern, Schmaltz: „Die Zauberer wollen ihren Einfluss beim König stärken, letztlich aber schaffen dies die Apostel, die den Zauberern Schlangen aus ihren Mänteln ziehen und sie so vor dem Tode bewahren. Durch ihren gestärkten Einfluss hatten es die Apostel bewirkt, dass König und Feldherr den geplanten Indien-Feldzug abgeblasen haben.“ Der Maler Hans Bornemann nahm sich auch weitere künstlerische Freiheiten heraus. So ist beispielsweise die von ihm geschaffene Szene, in der Jesus aus dem Grab über einen schlafenden oder in Ohnmacht gefallenen Wächter he­raussteigt, nicht in der Bibel zu finden.
Weitere Bilder erzählen Geschichten von der Verkündigung bis zur Leidengeschichte Jesu. Die Bilder wurden im 19. Jahrhundert „mit Ölfarbe verschlimmbessert“, wie es Hans-Karsten Schmaltz formuliert: „In den 1950er-Jahren dann originalgetreu restauriert.“

Der Lamberti-Altar besteht aus einem zentralen, freistehenden Schrein, der rechts und links jeweils zwei bewegliche Flügel hat, die beidseitig mit Bildwerken und Schnitzereien aus dem Altem und dem Neuem Testament gestaltet sind. Dadurch gibt es drei Möglichkeiten der Präsentation — je nach den Botschaften des Kirchenjahres werden Mittelstücke, Innenflügel oder Außenflügel gezeigt.

Die St.-Nicolai-Gemeinde ist stolz auf ihre beiden Altäre, neben dem Lamberti-Altar gibt es noch den Heiligenthaler Altar. Einst verfügte sie sogar über weitaus mehr Kunstwerke. Das hat seinen Grund. Denn der Kirchenbau in der damaligen „Neustadt“, dem Karree zwischen Markt und Hafen, wurde nicht vom Klerus, sondern von Patrizierfamilien initiiert. Und Patrizier, Kaufleute, Bürgermeister und Ratsherren zeigten sich äußerst spendabel, daher konnte sich St. Nicolai sogar 18 Altäre leisten.

Doch viele Kunstschätze verschwanden während der zahlreichen Restaurierungsarbeiten oder wurden verkauft. Verloren ging auch der Hauptaltar, für ihn wurde 1869 im Binnenchor der gotische Wandelaltar aus der abgerissenen St.-Lambertikirche aufgestellt.

Führungen

Die Lüneburger St.-Nicolai-Gemeinde bietet mit ihrem Altar-Kenner Hans-Karsten Schmaltz in den nächsten Tagen zwei Führungen zum Thema Wandelaltar an:

Am Ostersonnabend, 26. März, gibt es von 15 Uhr an Informationen zu den verschiedenen Ansichten des Lamberti-Altars.

Am Sonnabend, 2. April, von 15 Uhr an werden die Motive des dann bereits ab Ostersonntag wieder ganz geöffneten Altars erläutert.