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Osterhasen, bunte Eier, leuchtende Schmetterlinge und vieles mehr: Anneliese Grützmacher ist im Osterfieber. Sie dekoriert zu allen Anlässen, noch behängter ist ihr Balkon allerdings zu Weihnachten. Foto: be
Osterhasen, bunte Eier, leuchtende Schmetterlinge und vieles mehr: Anneliese Grützmacher ist im Osterfieber. Sie dekoriert zu allen Anlässen, noch behängter ist ihr Balkon allerdings zu Weihnachten. Foto: be

Kistenweise Ostern

ap Lüneburg. Anneliese Grützmacher ist ein Fan mit Herzblut. Ihre Wohnung kennt nur vier Zustände: Ostern, Sommer, Halloween oder Weihnachten. Zurzeit ist die 74-Jährige im Ostermodus, sämtliche Ablageflächen sind besetzt von kleinen Plüschhasen, Entenfiguren, Gänsen und Blumengirlanden. Im Wohnzimmer und auf dem Balkon hat die Lüneburgerin am kräftigsten gewirkt: Man muss aufpassen, wo man hintritt, um nicht eines der Deko-Eier zu zerstören.

Was für manche wie eine Oster-Explosion aussehen mag, empfindet die Rentnerin als „einfach nur schön“. Seit 18 Jahren schmückt sie ihre Wohnung, im Keller ist kaum noch Platz für andere Kartons, da Ostern beispielsweise schon zwei und Weihnachten sogar vier große Kisten füllt. „Ich erfreue mich daran, sonst ist alles so trist“, sagt Grützmacher mit Berliner Dialekt.

In diesem Jahr habe sie sich sogar zurückgehalten mit dem Schmücken, da sie bald renovieren möchte und sonst so viel wegzuräumen sei. „Ich kaufe jedes Jahr etwas Schönes dazu, und ich finde alles schön, was schön aussieht“, erklärt sie ihre Logik. Ihre neueste und liebste Errungenschaft: zwei etwa fünfzig Zentimeter große ausgestopfte Osterhasen, fest verankert auf einer grünen Fläche, zusammen mit kleinen Nestern.

Drei bis vier Tage vor Ostern geht es los, für die Rentnerin ein „richtiges Ritual“. Neben dem Schmücken gesteht die 74-Jährige aber auch noch eine weitere Leidenschaft: Sie ist ein großer Fan der Serie „Rote Rosen“. „Ich verpasse keine Folge“, sagt sie in ernstem Ton. Die Zeit dafür zu haben, sei für sie eine Wohltat, Langeweile ein ganz neuartiges Gefühl.

Früher lebte sie mit ihrem Mann, ihrem Vater und ihrem Hund in einem großen Haus in Dahlenburg. Zuvor wohnte das Paar in Berlin, dort lernten es sich kennen, bekam einen Sohn. Die Sehnsucht nach Natur trieb die kleine Familie aufs Land, in Dahlenburg baute sie ein großes Haus „bis auf den letzten Dachziegel allein auf“. Ostern habe das Ehepaar aber nie so groß geschrieben, nur das Essen, „ein schöner Braten“, sei ihr immer wichtig gewesen. Für Deko-Aktionen habe sie nie Muße gehabt, nach Feierabend sei die Arbeit auf dem Hof direkt weitergegangen, das 3000 Quadratmeter große Grundstück habe viel Aufmerksamkeit gefordert.

Der Osterschmaus kam jahrelang aus dem eigenen Stall: „Wir hatten Enten, Gänse, Hühner, Kaninchen und Fasane“, erzählt Grützmacher.

Einen Wechsel musste das Ehepaar hinnehmen, als ihr Arbeitgeber eine Zweigstelle in Dahlenburg schloss. Ein Ausweg bot sich in Lüneburg: Dort sei eine Stelle in der Filiale frei, hieß es damals. 18 Jahre ist es nun her, dass die Grützmachers in die Hansestadt zogen, in eine Vier-Zimmer-Wohnung in Bahnhofsnähe. „Nach dem Umzug wurde ich dann doch entlassen“, erzählt die Seniorin, die schon 1998 in Rente gehen musste.

Nicht der einzige Schicksalsschlag: Ihr Mann war damals aufgrund eines schweren Herzleidens aus dem Berufsleben ausgeschieden und pflegebedürftig. Im vergangenen Jahr starb er, kurz darauf auch der Hund. Eine harte Zeit für Anneliese Grützmacher. Die Leere füllt sie nun umso mehr mit fröhlicher Osterdekoration, „sonst hat man doch weiter nichts mehr“.

Heute erkennt sie auch Vorteile des Alleinseins, zehn Jahre lang habe sie ihren Mann gepflegt, Jahre davor auch ihren Vater. Das kostete Kraft. Nun sei sie nur noch für sich selbst verantwortlich, das gibt auch Luft. „Vielleicht entscheide ich mich an Ostern dazu, mit meiner Nachbarin essen zu gehen“, sagt Grützmacher mit einem Augenzwinkern. Denn der Deko-Marathon scheint genug Arbeit für ein paar Monate gemacht zu haben.

Immer wieder sei ihr Balkon ein Fotomotiv für viele Passanten, auch Busfahrer würden oft besonders langsam um die Ecke fahren. Preisgekrönt ist er noch dazu: Er heimste vor Jahren den ersten Platz beim Balkonwettbewerb ein.
Die „Verschönerungen“ hat sie mittlerweile sogar auf den Hinterhof ausgeweitet, dort beschränkt sich der Schmuck aber auf behängte Sträucher. „Im Sommer sitze ich viel draußen, zusammen mit meiner Nachbarin“, erzählt sie. So erfreue sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

„Ich bin froh, hierher gezogen zu sein, hier ist alles so viel freier und die Nachbarn sind alle hilfsbereit und nett“, erzählt die Seniorin, die im Mai 75 Jahre alt wird. „Bald bin ich vielleicht auch mal auf Hilfe angewiesen, wenn ich meine Kisten nicht mehr allein aus dem Keller tragen kann.“ Das Dekorieren auf ein Minimum zu reduzieren, kommt für Anneliese Grützmacher nämlich nicht in Frage.