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Joachim Schulz zählt zu den Ehrenamtlichen, die die Flüchtlinge im ehemaligen MaDonna-Haus betreuen. Für ihn kommt es überraschend, dass die Stadt die Flüchtlingsunterkunft schließen will. Foto: phs
Joachim Schulz zählt zu den Ehrenamtlichen, die die Flüchtlinge im ehemaligen MaDonna-Haus betreuen. Für ihn kommt es überraschend, dass die Stadt die Flüchtlingsunterkunft schließen will. Foto: phs

Flüchtlingsunterkunft: Stadt verärgert Ehrenamtliche

ca Lüneburg. „In anderen Stadtteilen wehren sich Bürger gegen Flüchtlingsunterkünfte, und hier macht die Stadt eine zu, obwohl wir sie wollen“ — für Renate Kemper und ihre Mitstreiter ist das nur schwer zu verstehen. Im ehemaligen MaDonna-Haus Vor dem Neuen Tore leben 32 Flüchtlinge. Ein Netzwerk von Anwohnern erteilt Sprachunterricht, begleitet zu Behörden, trifft sich zum Nähen und Gärtnern, auch eine Fahrradwerkstatt hat in einer Garage Platz gefunden. Eigentlich ein Musterbeispiel für Integration. Trotzdem will die Stadt die Einrichtung schließen. Das haben Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Sozialdezernentin Pia Steinrücke bekanntlich unlängst im Rat mitgeteilt.

Der Grund ist auf den ersten Blick schnell erklärt: Da weniger Flüchtlinge nach Lüneburg kommen, braucht die Kommune weniger Plätze. Waren es im Herbst rund 40 und mehr pro Woche, sind es jetzt noch etwa zehn. Im Rathaus sagt Sprecher Daniel Gritz: „Wir geben diejenigen Standorte als erstes auf, bei denen wir am schnellsten aus den Mietverträgen rauskommen. Hier ist mit dem Vermieter eine einvernehmliche Lösung gefunden worden, der dort eine soziale Nachnutzung sicherstellt.“

Dass die Verwaltung auf die Kosten schaut, können Renate Kemper, Waltraut Elle-Elbrechtz, Joachim Schulz und andere aus dem Helferkreis zwar verstehen, doch sie ärgern sich über die Art. „Wir haben aus der Landeszeitung erfahren, dass die Einrichtung geschlossen werden soll“, sagt Renate Kemper. Das sei ein Schlag für Sozialarbeiter und Ehrenamtliche, die sich kümmern. Gritz bedauert das: „Es tut uns sehr leid. Aber die Grippewelle hat Anfang, Mitte März die halbe Verwaltung außer Gefecht gesetzt. Nach Ostern wird unsere Stabsstelle die ehrenamtlichen Helfer aus erster Hand informieren, wie es im einzelnen weitergeht.“

Waltraut Elle-Elbrechtz, die Sprachunterricht gibt, sagt: Die Familien hätten sich nach schweren Erlebnissen eingelebt, Kinder besuchten die nahe Hermann-Löns-Schule, hätten Freunde gefunden: „Jetzt droht wieder eine Entwurzelung. Das tut mir für die Menschen leid.“ Integration laufe hier quasi mitten in der Stadt, nicht in Containern außerhalb: „Das sollte eigentlich gefördert werden.“

Joachim Schulz ergänzt, dass er mit seiner Fahrradwerkstatt hier eine Bleibe gefunden habe, die werde von den Flüchtlingen gut angenommen, er mache so manches Vehikel wieder fit. Nach so einer Garage für sein Angebot habe er lange gesucht: „Hier kann ich mein Werkzeug lassen und arbeiten.“

Auch er ist enttäuscht, nichts von der Stadt gehört zu haben. „Ich denke, ich muss zum 1. April aufhören.“ Auf Nachfrage der LZ heißt es von der Verwaltung, geplant sei, das Haus im Sommer zu schließen. Noch sei der Vertrag nicht gekündigt, Gespräche sollen mit dem Vermieter, das sind Kirchenkreis und Diakonieverband, geführt werden.

Waltraut Elle-Elbrechtz schlägt einen Weg vor: Da die Flüchtlinge über kurz oder lang mit ihren Familien in Wohnungen umziehen sollen, möge die Stadt das Haus im Sinne der Menschen so lange weiterbetreiben, bis es so weit ist. Dann würden die Betroffenen nicht erneut aus einem halbwegs normalen Leben gerissen und müssten nicht in Container-Siedlungen umziehen. Der Unterstützerkreis um Renate Kemper möchte darüber mit Oberbürgermeister Ulrich Mädge ins Gespräch kommen.

Wer zieht später in das Haus Vor dem Neuen Tore?

Für den Diakonieverband hatte dessen Geschäftsführer Gabriel Siller erklärt, als möglicher Nachmieter komme der Herbergsverein infrage. Das Haus muss eine soziale Bindung haben. Denn das war Auflage, als die Kirche und ihre Partnerorganisationen das Gebäude vor Jahren geerbt haben.

Beim Herbergsverein sagt dessen Chef Michael Elsner, man stehe erst am Anfang: „Es gab zwar Überlegungen, doch als Platz für die Flüchtlinge gebraucht wurde, haben wir das nach hinten gestellt.“ Elsner und seine Kollegen möchten gern die Herberge Beim Benedikt entlasten. Dort leben in Wohnungen, Wohngemeinschaften und in der sogenannten ordnungsrechtlichen Unterbringung bis zu 90 Menschen: „Es ist sehr beengt.“

Vorstellbar sei, Plätze dorthin zu verlagern. Im Moment sind Vor dem Neuen Tore rund 30 Männer, Frauen und Kinder zu Hause, Elsner will aus seinem Klientel aber weniger dorthin ziehen lassen. Es solle eben nicht beengt und damit „konfliktbehaftet“ werden. Vor Ort würden sich Mitarbeiter um die künftigen Bewohner kümmern.

„Wir müssen uns das Objekt erst anschauen, um zu sehen, was möglich“, sagt Elsner. „Es gibt noch keinen Zeitplan.“ ca