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Blick über Notdeich und Elbe nach Darchau: Mit großer Mühe konnten die Einsatzkräfte beim Hochwasser 2013 verhindern, dass die Ortslage Neu Darchau überspült wurde. Foto: rg
Blick über Notdeich und Elbe nach Darchau: Mit großer Mühe konnten die Einsatzkräfte beim Hochwasser 2013 verhindern, dass die Ortslage Neu Darchau überspült wurde. Foto: rg

Hochwasserschutz: Neidvoller Blick nach Sachsen-Anhalt

rg Hitzacker. Einfache Lösungen gibt es beim Hochwasserschutz nicht. Und auch keine schnellen. Beim Hochwasserschutz an der Elbe wird in Jahrzehnten gerechnet. Leider, denn alle paar Jahre ist Jahrhunderthochwasser-Alarm — zuletzt 2013, als die Elbe alle Rekordpegelmarken übersprang und die schlimmsten Schäden anrichtete, die eine Flut in Deutschland jemals verursacht hatte — finanziell gesehen. Seither wird intensiv an neuen Hochwasserschutzkonzepten gearbeitet, in den einzelnen Bundesländern, deutschlandweit und auch gemeinsam mit den osteuropäischen Nachbarn. Doch trotz der Tatsache, dass beim Hochwasserschutz an der Elbe nach Ansicht aller Experten nur ein gemeinsames Vorgehen Sinn ergibt, fehlt es an Koordination, dafür gibt es bürokratische Hürden.

Neidvoll schaut man in Niedersachsen daher nach Sachsen-Anhalt. Dort wird seit dem ersten Jahrhunderthochwasser des neuen Jahrtausends im Jahr 2002 intensiv daran gearbeitet, nicht nur die Deiche auf Vordermann zu bringen und die wichtigen Polder und Rückdeichungen zu realisieren, sondern man habe auch die rechtlichen Rahmenbedingungen verändert, berichtete Sven Schulz vom Sachsen-Anhaltinischen Umweltministerium jetzt bei einer Hochwasserschutz-Information in Hitzacker. In Sachsen-Anhalt braucht es nach einer Gesetzesnovellierung kein Planfeststellungsverfahren mehr, wenn Deiche nach dem in einer DIN-Norm festgelegten aktuellen Stand der Technik saniert oder erhöht werden und dabei die Deichführung nur wenig verändert wird. So sei es möglich, im Land in nur vier Jahren rund 700 Kilometer Deiche zu ertüchtigen. In Niedersachsen, nämlich in Lüchow-Dannenberg, wird im Gegensatz dazu die 2013 angeschobene Erhöhung und Verstärkung der Deiche zwischen Hitzacker und Damnatz, einem 14 Kilometer langen Abschnitt, erst weit in den 2020er-Jahren abgeschlossen sein — unter anderem wegen des umfangreichen, zeit- und geldraubenden Planfeststellungsverfahrens, das in Niedersachsen eben noch immer nötig ist.

Auch in Sachen Rückdeichung, um dem Fluss mehr Raum zu geben, und Polderwirtschaft, um Hochwasser aufzunehmen und „die Hochwasserwelle zu kappen“, wie es Sven Schulz ausdrückte, arbeite man in Sachsen-Anhalt intensiv. Allein 23 Rückdeichungsprojekte seien in Planung, dazu ein großer Polder an der Tangermündung. Doch das sei ein mühseliges Geschäft, weil man mit vielen Flächenbesitzern, zumeist Landwirten, sprechen müsse. „Das ist eine Generationenaufgabe, aber wichtig“, sagt Schulz. So könnte der Tangermündung-Polder einen Hochwasserscheitel um bis zu 18 Zentimeter senken — wovon auch Lüchow-Dannenberg profitieren würde.

In Brandenburg, erläuterte Marko Oelze vom Brandenburger Umwelt-Landesamt, setze man noch deutlicher als in Sachsen-Anhalt auf Polder und Rückdeichungen. Dort arbeite man derzeit an einer Optimierung des Havelpolder-Systems, neue Polder sollen beispielsweise in der Havelniederung entstehen. Das könnte 35 Zentimeter weniger Elbhochwasser bedeuten — doch wenn überhaupt, dann werden die Projekte erst um das Jahr 2034 fertiggestellt sein.

In Niedersachsen, sagte Heike Warnecke vom NLWKN, gebe es solche Überlegungen nicht. Für Polder und Rückdeichungen gebe es kaum Platz, Niedersachsen sei quasi Elbe-Durchleitungsland: Wenn das Hochwasser komme, dann flössen 4500 Kubikmeter die Sekunde durch. Da lasse sich kaum noch etwas reduzieren, daher beteilige sich Niedersachsen an den Polder-Projekten in Brandenburg und Sachsen-Anhalt.

So wichtig die Polderwirtschaft irgendwann einmal sein könnte: Derzeit spiele Tschechien die größte Rolle, wenn es darum geht, die Hochwasserwelle auf der Elbe zu reduzieren, erläuterte Ernst-August Schulz, Leiter der Unteren Deichbehörde beim Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort, wo die Elbe und wichtige Nebenflüsse entspringen, würden enorme Wassermengen in Talsperren zurückgehalten, wenn es darauf ankommt. „Und auch wenn es oftmals anders kommuniziert worden ist: Die Tschechen haben immer alles getan, um uns beim Hochwasser zu helfen“, stellte Schulz heraus.