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Auch in der Kirche in Hittbergen gibt es Probleme mit Schimmel, die Orgel musste wegen des Befalls sogar gesperrt werden. Foto: t&w
Auch in der Kirche in Hittbergen gibt es Probleme mit Schimmel, die Orgel musste wegen des Befalls sogar gesperrt werden. Foto: t&w

Schimmel im Gotteshaus

cw Bleckede. Sie sind der Mittelpunkt des klassischen Dorfes und ein Schmuckstück für jede Stadt. Sie sind Gotteshäuser, Orientierungspunkte und Touristenmagnete. Doch immer mehr Kirchen werden Opfer des Klimawandels: Sie schimmeln. Und mit ihnen wertvolles historisches Kulturerbe, beispielsweise die Orgeln.

Im gesamten Kirchenkreis Bleckede sind Kirchen und Orgeln befallen, und die Gemeinden sammeln voller Hoffnung Geld für die Sanierung der Instrumente — wie jüngst in Barskamp oder Lüdersburg. Das Fatale daran: Wenn man am Raumklima nichts ändert, könnten selbst die renovierten Instrumente bald wieder mit den schimmligen kleinen Vernichtern befallen werden. Ebenso Kirchenbänke und -wände sowie Altäre.

„In den letzten 20 Jahren sind die Sommer und Winter im Zuge des Klimawandels immer feuchter geworden“, sagt Reinhard Gräler, Orgelrevisor im Kirchenkreis Bleckede. Dazu kommt, dass die Kirchen besser isoliert sind und wenig oder falsch belüftet werden. „Wegen der Kosten wird auch immer weniger geheizt, was bedeutet, dass die Kirchen immer feuchter werden.“ Die Konsequenz: Überall im Kirchenraum kann Schimmel entstehen.

Reinhard Gräler weiß, wovon er redet: Alle fünf bis sechs Jahre macht er sich auf und besichtigt alle Orgeln des Kirchenkreises Bleckede. In den 29 Kirchen stehen rund 25 Orgeln — mehr als die Hälfte von ihnen sind vom Schimmel befallen.

Schimmel fühlt sich bei Temperaturen zwischen acht und 12 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent so richtig wohl. Durch Luftverwirbelungen verteilen sich die Sporen im ganzen Innenraum. Diesen Prozess kann man nur mit regelmäßigem Heizen und richtigem Lüften aufhalten. Das funktioniert entweder mit Technik oder mit Personal, das sich um richtige Belüftung kümmert. Doch beides kostet Geld. Geld, das der Kirchenkreis nicht hat.

„Wir haben 29 Kirchen, aber gerade mal 24000 Mitglieder“, rechnet Superintendent Christian Cordes vor. „Die Zuweisungen von der Landeskirche werden auch weniger.“ Der Kirchenkreis Bleckede steht vor einem scheinbar unmöglichen Spagat: Einerseits sollen Kosten gespart werden, andererseits will man die Gebäude erhalten — und das vor dem Hintergrund von Mitgliederschwund.

Die Kirche spart seit langem: Pfarrstellen werden abgebaut, Gemeinden zusammengelegt und um Energiekosten zu senken, hat sich die „Winterkirche“ etabliert. Das bedeutet, dass die Gottesdienste in vielen Gemeinden im Gemeindehaus stattfinden und nicht mehr in der Kirche. Das spart reichlich: „Die Bleckeder Kirche für einen Gottesdienst auf 16 Grad zu heizen, kostet uns 200 Euro“, sagt Cordes. Die Kehrseite des Sparens: Die Kirchengebäude werden den ganzen Winter hindurch bei niedrigsten Temperaturen gehalten, was dem Schimmel Vorschub leistet.

Das Sparverhalten wird seitens der Landeskirche unterstützt. „Es gibt Richtlinien für die Beheizung und Belüftung von Kirchen und Kapellen“, erklärt der Pressesprecher der Hannoverschen Landeskirche, Benjamin Simon-Hinkelmann. „Bei regelmäßiger Nutzung des Kirchraums sollte die Grundtemperatur bei etwa acht Grad Celsius liegen“, so Simon-Hinkelmann. „Wird der Kirchraum im Winter längere Zeit nicht genutzt, kann die Grundtemperatur bis auf zwei Grad Celsius abgesenkt werden.“ Allerdings nur so, dass Frostschäden und Schäden durch zu hohe Luftfeuchtigkeit vermieden werden.

Gleichzeitig fordert die Landeskirche die Kirchenkreise auf, ein Nutzungskonzept für ihre Gebäude zu erarbeiten, das den Erhalt sichert. „Bleckede hat bereits damit angefangen, die Gebäude zu listen und Energiedaten auszuwerten“, berichtet Cordes. Doch von einer Lösung ist man weit entfernt.

Die Kirche bekommt keine öffentlichen Zuschüsse. Das ist im Loccumer Vertrag geregelt, der 1955 zwischen dem Land Niedersachsen und den evangelischen Landeskirchen geschlossen wurde. Darin verpflichten sich die Kirchen unter anderem, den Denkmalschutz zu achten und sich selbst zu erhalten. Doch damals hatten die Kirchen auch noch viel mehr Mitglieder. „Wir denken nicht an Verkauf oder Abriss von Kirchen“, versichert Cordes. „Wenn einmal der Tag kommt, an dem eine Kirche einsturzgefährdet ist, dann müssen wir sie schließen und auf bessere Zeiten hoffen.“