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Reich gedeckt ist der Tisch für Hummeln, wenn im Garten Phacelia tanacetifolia (Bienenfreund oder Büschelschön) von Anfang Juni bis Ende September blüht. Foto: nh
Reich gedeckt ist der Tisch für Hummeln, wenn im Garten Phacelia tanacetifolia (Bienenfreund oder Büschelschön) von Anfang Juni bis Ende September blüht. Foto: nh

Naturnaher Garten hilft Hummeln

as Lüneburg. Sie sind kleine pummelige Gesellen mit puscheligem Pelz und großen dunklen Augen, die sich mit lautem Brummen durch die Lüfte bewegen. Aufgrund ihrer Gestalt sind Hummeln echte Sympathieträger. Und sie sind wichtige Bestäuber von Blüten. Aufgrund ihrer Kälteunempfindlichkeit können sie damit sogar schon beginnen, wenn andere Insekten sich noch in der Winterruhe befinden. Doch es gibt ein Problem: Vielerorts — so auch in Niedersachsen — sind Hummeln nicht mehr anzutreffen, weil sich ihre Lebensbedingungen und das Nahrungsangebot extrem verschlechtert haben. Thomas Mitschke vom Naturschutzbund in Lüneburg erläutert, was man für den Erhalt des fleißigen Gesellen tun kann.

Bei den Hummeln herrscht jetzt royale Zeit. Die bereits im Vorjahr begatteten Königinnen sind aus der Winterstarre erwacht und begeben sich jetzt auf Nahrungs- und Nistplatzsuche. Dass sie sogar schon ab 2 Grad fliegen können, kommt der Bestäubung von Apfelbäumen zugute, wenn diese früh blühen, es aber noch kalt ist. Der von der Königin gewählte Nistplatz ist sozusagen die zukünftige Heimstätte für ihr Volk. Sie sucht dafür bevorzugt Mäuselöcher als Brutstätte aus, sammelt eifrig Nektar und Pollen, mit denen sie dann auch die ersten Larven füttert. Drei Wochen später schlüpfen die ersten Arbeiterinnen, die für die Königin die Nahrungsbeschaffung übernehmen.

Die Tierchen sind übrigens ausgesprochen fleißig. Bis in die Dämmerung und morgens ab 4 Uhr verrichten sie ihr Tagwerk, bestäuben dabei verschiedenste Blütenarten. Auch bei anhaltend schlechtem Wetter sind sie unterwegs „und verhindern so Ernteausfälle“, berichtet Mitschke. Doch der Mensch dankt den Arbeiterinnen — die Königin beschränkt sich aufs Eierlegen — ihr emsiges Tun nur schlecht. Nistplätze und Lebensräume sind zunehmend bedroht, niedersachsenweit gibt es inzwischen Regionen, wo es einzelne Hummelarten gar nicht mehr gibt. „Im Frühjahr ist der Tisch durch Baum- und Strauchblüten noch reich gedeckt, doch spätestens ab Anfang Juni sieht es mager aus. Viele Hummeln verhungern dann.“

Der Grund dafür ist, dass es nicht mehr ausreichend Blüten und somit Nahrung gibt. Ursächlich dafür sind stark ansteigende Monokulturen wie Maisanbau, häufiges Mähen von Wiesen sowie der Umbruch von Wiesen in Ackerland. Hinzu kommt, dass ehemals blühende Säume und Raine, Weg- und Waldränder mit in die Bewirtschaftung einbezogen, Wildkräuter mit der Chemiekeule bekämpft werden. Stetig zunehmender Flächenverbrauch für neue Wohn- und Gewerbegebiete hat den massiven Lebensraumverlust für Insekten zur Folge. In vielen privaten Gärten gilt zudem die Prämisse: Er muss schier sein. Sprich: Grün- und Rasenflächen werden häufig gemäht, es mangelt an heimischen blütenreichen Stauden- und Blumensorten, Laubhaufen — hier überwintert die Königin — werden entfernt.

Dabei kann jeder Gartenbesitzer etwas für die possierlichen, nützlichen Tierchen tun. Die Überschrift lautet naturnaher Garten, der mit seiner Blüten- und Farbenpracht nicht nur Insekten begeistern wird. Dazu gehören alte, bewährte heimische Blütensorten wie Lupinen, Stockrosen, Glockenblumen und Fingerhut. „Sie bieten den Hummeln viel Nektar und Pollen, produzieren aber auch viel Samen, den wir sammeln und im nächsten Jahr zur eigenen Aussaat nutzen können“, sagt Thomas Mitschke. Ein Kräutergarten lockt und versorgt nicht nur Hummeln, auch der Mensch profitiert von den Vitaminen und heilkräftigen Wirkstoffen. Brombeerhecken bestechen durch ihre Blütenpracht, die Früchte sind ebenfalls ein vitaminreicher Genuss. Rotklee empfiehlt sich ebenso wie Phacelia tanacetifolia (Bienenweide), die aufgrund der langen Blütezeit von Anfang Juni bis Ende September ausgiebig Nektar anbietet. „Um Überwinterungsplätze für die Hummel-Majestät zu schaffen, sollte man Laub unter Bäumen und Sträuchern liegen lassen“, erläutert der Umweltschützer, der einen weiteren Vorteil des Natur-Gartens sieht: „Als Erlebnisraum ermöglicht er uns ein direktes Naturerleben, ist Abenteuer-Spielwiese für Kinder, und seine hohe heimische Blütenvielfalt schenkt uns Formen, Farben sowie viele Düfte.“

Problem betrifft Millionen

Als besorgniserregend bewertet der Agrar-ökologe Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig die Lage der Hummeln. „Manche Kulturpflanze braucht sie mehr als Bienen“, sagt der Experte. Die Erdbeere zum Beispiel und die Tomate seien klassische Beispiel für Hummelbestäubung. Unter anderem der Klimawandel setze ihnen zu. „Der Honigbiene ist das Klima ziemlich egal, sie kann im Bienenstock die Temperatur gut regeln, ähnlich, wie wir dies mit Heizung und Klimaanlage tun. Hummeln sind aber weniger pfiffig. Sie reagieren empfindlich auf höhere Temperaturen. Sie ziehen sich mit steigenden Temperaturen von Süden aus den Mittelmeerländern zurück. Wir haben gerade im Weltrat für Biologische Vielfalt erstmals eine weltweite Bestandsaufnahme der Bestäuber gemacht. Darin stellen wir fest, dass Nahrungsmittel im Wert von mehr als 500 Milliarden Euro im Jahr nur mit Hilfe bestäubender Tiere entstehen. Der Bestäuber-Rückgang betrifft Millionen Menschen.“

Settele fordert einen Wandel hin zu mehr kleineren Feldern, größerer Vielfalt, Blütenstreifen auf Äckern und Wiesen oder Hecken am Feldrand. „Bauern müssen Schädlinge noch mehr biologisch bekämpfen und Pestizide nur als letzten Ausweg einsetzen.“ dpa