Aktuell
Home | Lokales | Schlaflos in der Altstadt
Die alten Glühbirnen mussten 35-Watt starken LED-Leuchten weichen: Viele Anwohner, besonders in der westlichen Altstadt, beschweren sich über die hellen Laternen, die teilweise weit in ihre Wohnungen hinein leuchten. Foto: t&w
Die alten Glühbirnen mussten 35-Watt starken LED-Leuchten weichen: Viele Anwohner, besonders in der westlichen Altstadt, beschweren sich über die hellen Laternen, die teilweise weit in ihre Wohnungen hinein leuchten. Foto: t&w

Schlaflos in der Altstadt

ap Lüneburg. Die Straßen sind holprig, die Hauswände schief, das Licht ist schummrig: Die Lüneburger Altstadt lebt von ihrem mittelalterlichen Flair, genau deshalb zieht sie auch viele Touristen an. Von Anwohnern hingegen ist seit einigen Wochen mehr und mehr Kritik zu vernehmen. Der Anlass: Die Stadt hat die Leuchtmittel in den alten Laternen austauschen lassen. Nun erhellen energiesparende LED-Birnen nicht mehr nur die schmalen Straßen, sondern auch manche Wohn- und Schlafzimmer.

„Mein erster Gedanke war, dass bestimmt falsche Birnen eingesetzt wurden“, sagt Schauspieler Burkhard Schmeer, der mit seiner Frau Kerstin Kessel in der westlichen Altstadt wohnt. „Unser Flur in der oberen Etage ist abends komplett erhellt, da bräuchten wir jetzt eigentlich einen doppelten Vorhang.“ Die Avacon, die die Leuchtmittel ausgetauscht hat, hat die Laternen zusätzlich noch geputzt, nun herrsche eine ganz andere Stimmung im Viertel. „Ein sehr kaltes Licht“, wie Schmeer findet. „Das passt gar nicht.“

Mit der Meinung ist das Ehepaar nicht allein, Christiane Blaeumer, die ein paar Straßen weiter wohnt, spricht gar von „gleißender Helligkeit“. Vorher sei das Licht zwar etwas zu dunkel gewesen, jetzt sei es aber ganz entwertet. „Abends stimmungsvoll herumlaufen, ist nicht mehr das Gleiche“, sagt die Anwohnerin, deren Balkon vor allem von einer Laterne erhellt wird. Immerhin sagt sie: „Ich glaube aber, dass man sich schnell daran gewöhnt.“

Manch einer hat das auch schon: Heidi und Eckart Dumke, die seit 1982 in der westlichen Altstadt wohnen, hatten aufgrund eines Urlaubs zunächst wenig Notiz von der neuen Beleuchtung genommen. „Ich habe die Bauarbeiter aber gesehen und noch gedacht, dass es ganz gut ist, dass das Licht mal überprüft und verbessert wird“, sagt Eckart Dumke, dem das hellere Licht gefällt. „Wir sind nicht mittelalterlich eingestellt“, sagt seine Frau.

Nicht nur die westliche Altstadt ist betroffen, auch der Platz am Sande, Enge Straße und Grapengießerstraße leuchten nun heller. Auch hier dringen Beschwerden an die LZ, Bewohner haben zeitweise sogar schon heimlich die Birnen herausgedreht, weil sie das Licht um den Schlaf brachte.

Besonders verärgert ist der „Arbeitskreis Lüneburger Altstadt“, kurz ALA, der seit den 90er-Jahren die Hälfte des Laternenbestands finanziert hat. „Wir haben 93000 Euro für das Laternenprogramm ausgegeben, damit rund die Hälfte des Bestands finanziert“, erklärt Vorsitzender Christian Burgdorff. Er wähnt die Laternen sogar unter Bestandsschutz, sie seien nach einer Vorlage aus dem Jahr 1780 konstruiert worden. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass das Licht so grell ausfällt.“ Es sei unangenehm für die Augen. Auch die Gründe verstehe der Arbeitskreis nicht, lediglich die Langlebigkeit der Energiesparlampen sei sinnvoll. „Die Sicherheit kann vor allem in der Altstadt keine Rolle spielen, dort ist kein nennenswerter Verkehr, für den die Straßen gut ausgeleuchtet sein müssten“, moniert Burgdorff.

Für die städtische Straßenbeleuchtung ist seit 2010 die Luna Lüneburg GmbH, eine Eigengründung der Stadt, zuständig. Eine Vorgabe im Pachtvertrag sei eine Einsparung von 30 Prozent Energie in den ersten vier Jahren gewesen, erklärt Stadtpressesprecher Daniel Gritz auf LZ-Nachfrage. „Diese Vorgabe hat sie erfüllt. Allein die 120 neuen Leuchten in der Altstadt sparen jährlich 6000 Euro ein.“ Die Einsparung resultiere im Wesentlichen aus dem Austausch von Quecksilberdampf- in Natriumdampf-Birnen. Die neuen Birnen würden rund zwei Jahre länger halten, die alten verlieren dagegen in fünf Jahren etwa 40 bis 50 Prozent an Lichtleistung.

Die aktuelle Helligkeit, die nun viele Anwohner beklagen, begründet Gritz damit, dass sich die Lüneburger an den durch Alterung verursachten „Dimm-Effekt“ gewöhnt hätten. „Dennoch haben wir das Problem erkannt. Die Luna arbeitet derzeit an einer Lösung, im kritischen Bereich ein Beleuchtungsniveau herzustellen, das dem früheren entspricht, ohne dass dabei die Verkehrssicherheit gefährdet oder das Sicherheitsempfinden beeinträchtigt werden“, sagt der Pressesprecher. Bis zum 30. Mai werde die Luna dem Arbeitskreis eine Lösung präsentieren.

An einer zeitigen Lösung sind auch die Stadtführer interessiert, die neue Ausleuchtung schlägt ihnen aufs Geschäft. „Das schummrige Licht gehört zum Flair des Senkungsgebietes, davon lebt Lüneburg“, sagt Jürgen Thies. Regelmäßig zieht der Stadtführer für kulinarische Reiserouten im mittelalterlichen Kostüm abends durch die Straßen, bietet gar Taschenlampen-Touren an. „Die benötigt man jetzt eigentlich nicht mehr.“ Auch sein Kostüm sei bei grellem Licht eher kontraproduktiv. „Viele Bewohner der Altstadt haben gar keine Gardinen an den Fenstern, weil sie das schummerige Licht, das stets hineinschien, liebten“, sagt Jürgen Thies, der jetzt eine klare Einschränkung für die Anwohner sieht.