Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Prof. Dr. Gerd Michelsen, Mitbegründer des Öko-Instituts in Freiburg, präsentierte am Universitätsgesellschaftlichen Dienstag im Lüneburger Museum die Ergebnisse des Nachhaltigkeitsbarometers 2015.  1511 Personen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren äußerten sich zum Thema nachhaltiger Entwicklung. Foto: t&w
Prof. Dr. Gerd Michelsen, Mitbegründer des Öko-Instituts in Freiburg, präsentierte am Universitätsgesellschaftlichen Dienstag im Lüneburger Museum die Ergebnisse des Nachhaltigkeitsbarometers 2015. 1511 Personen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren äußerten sich zum Thema nachhaltiger Entwicklung. Foto: t&w

Nachhaltigkeitsbarometer 2015: Ergebnisse liegen vor

ap Lüneburg. Prof. Dr. Gerd Michelsen hat seine berufliche Laufbahn der Nachhaltigkeitsforschung verschrieben, er ist zudem maßgeblich für die Verankerung der Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaften an der Lüneburger Universität verantwortlich. Seit 2012 setzt sich der Mitbegründer des Öko-Instituts in Freiburg intensiv mit der jüngeren Generation und dem Thema Nachhaltigkeit auseinander. Zusammen mit dem Unesco Chair der Leuphana, Greenpeace Deutschland und drei Fachkollegen hat der 68-Jährige eine Jugendstudie entwickelt. Nun liegen die Ergebnisse aus dem „Nachhaltigkeitsbarometer 2015“ vor — ein Instrument, das Michelsen zufolge die Stimmung der Jugendlichen anzeigt. Der Seniorprofessor präsentierte die Ergebnisse jetzt beim „Universitätsgesellschaftlichen Dienstag“ im Museum vor rund 50 Zuhörern, die LZ sprach mit ihm am Rande dieser Veranstaltung.

Vor drei Jahren fragten Sie im Rahmen des ersten Nachhaltigkeitsbarometers nach, was die Jugend bewegt. Was war der Anlass dafür?
Prof. Dr. Gerd Michelsen: Die Jugendstudien haben sich bis 2011/2012 mit allen möglichen Fragen beschäftigt, aber keine hat sich intensiv mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Mich hat immer interessiert, was mit den Jugendlichen in Bezug auf Nachhaltigkeit los ist, wie sie ticken. Meine Vermutung war immer schon, dass die Jugend sich stärker interessiert als viele annehmen.

Haben Sie ein persönliches Interesse daran, mit dem Vorurteil aufzuräumen, die Jugend interessiere sich nicht für Nachhaltigkeit?
Michelsen: Auf jeden Fall. Jugendliche wollen sich engagieren, nur nicht mehr im traditionellen Sinne, wie durch einen Vereinsbeitritt. Sie sind spontan, aktionsorientiert, online-organisiert, wollen sich nicht auf längere Zeit festlegen. Wenn das Problem gelöst ist, können sie einfach wieder loslassen. Das ist eine ganz neue Form der Einbindung. Da sollte die ältere Generation dazulernen.

Welches Ergebnis des Jugendbarometers 2015 hat Sie überrascht?
Michelsen: Der Anteil von Befragten, die sich mit nachhaltiger Entwicklung im Schulunterricht auseinandergesetzt haben, hat sich gegenüber der Studie 2012 von 40 auf 70 Prozent nahezu verdoppelt. Zudem ist Einsicht da, dass Nachhaltigkeit qualitativ noch besser im Unterricht nachgearbeitet werden kann. Es sollte entsprechend aufbereitet werden, um Jugendliche auch wirklich dafür zu begeistern.

Was für Typen von Jugendlichen erkennen Sie?
Michelsen: Es gibt fünf unterschiedliche Typen. Die größte Gruppe bilden die Nachhaltigkeitsaffinen, sie sind motiviert und wollen dies auch umsetzen. Dem gegenüber stehen die Nachhaltigkeitsrenitenten mit ablehnender Haltung, die Zahl ist von über 20 auf 16 Prozent zurückgegangen. Dazwischen befinden sich drei Mischtypen ohne einheitliche Positionierung. Die Nachhaltigkeitsaktiven ohne inneren Anlass handeln zwar, sind aber eigentlich nicht motiviert. Die Interessierten ohne Verhaltenskonsequenzen sind dagegen hochmotiviert, konnten aber noch keine Handlungen konkretisieren. Bei beiden Typen hat die Zahl zugenommen. Die Lethargiker, hier sind es weniger geworden, sind träge, nehmen sich zwar Handlungen vor, aber ohne viel Motivation.

Welche Themen interessieren die Jugend mehr und welche eher weniger?
Michelsen: Klimawandel, Energiewende und Biodiversität interessieren am meisten. Aber auch Themen wie Armutsbekämpfung auf globaler Ebene, Rechte und Chancen für alle Menschen, nationale Bildung und zufriedenstellende Arbeitsplätze erreichen die Jugend von heute. Weniger Interesse zeigt sie aber bei Infrastruktur, Wasser und Schutz der Meere.

Wo sehen Sie Probleme im Bereich der Einbindung von Jugendlichen in nachhaltige Prozesse? Wo müsste Nachhaltigkeit noch besser vermittelt werden?
Michelsen: In der Schule sind die Rahmenbedingungen noch nicht so stimmig, die Kapazitäten fehlen, um Projekte über einen längeren Zeitraum oder außerhalb der Schule durchführen zu können. Eine größere Flexibilität ist erforderlich, um einen anderen Unterricht geben zu können.

Was erhoffen Sie sich in der Zukunft? Werden Sie das nächste Barometer noch begleiten?
Michelsen: 2017 beginnt die nächste Studie, die wird dann von meinem Kollegen Matthias Barth fortgesetzt. Man muss ja auch loslassen können. Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass wir bei einzelnen Aspekten noch detaillierte Infos bekommen. In der nächsten Erhebung wird die Frage nach dem Umgang mit Flüchtlingen, Migranten und Vertriebenen im Fokus stehen. Das Thema hat eine enge Verbindung zu Nachhaltigkeit und nachhaltiger Entwicklung. Schließlich geht es darum, die Lebensbedingungen in den Ländern zu verbessern, aus denen die Flüchtlinge kommen.

Die Zusammenfassung des Nachhaltigkeitsbarometers 2015 gibt es unter www.greenpeace.de/Nachhaltigkeitsbarometer-2015 .