Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Der Türöffner: Carl Sasse ist Integrationshelfer in Lüneburg

Carl Sasse hat beim Herbergsverein gearbeitet, in der Obdachlosenunterbringung, im Jugendzentrum in Bienenbüttel und an verschiedenen Schulen in Lüneburg. Seit September ist der 46-jährige Sozialarbeiter in der Flüchtlingsunterkunft am Vrestorfer Weg tätig. Damit ist er ein wichtiger Integrationshelfer, einer, der den Neuen erste Türen öffnet.

Von Anna Paarmann

Lüneburg. 20 Sozialarbeiter arbeiten in den zwölf Gemeinschaftsunterkünften und Wohnungen der Hansestadt. Carl Sasse betreut die Bewohner der Unterkunft II, die rund 80 Wohneinheiten in der ehemaligen Edeka-Kantine umfasst. Er liebe es, hautnah am Geschehen zu sein, habe schon immer ein „Helfer-Syndrom“ und Lust auf die Arbeit mit Menschen verschiedener Kulturen gehabt. Jetzt berühren ihn täglich die Geschichten der Geflüchteten, nicht selten kommt der Vater von zwei Kindern dabei auch an seine Grenzen.
Sasse ist maßgeblich für die reibungslosen Abläufe am Vrestorfer Weg verantwortlich: Schon vor der Eröffnung im Februar führte er die ersten Gespräche mit Ehrenamtlichen, deshalb kann er heute auf ein 20-köpfiges Netzwerk zurückgreifen. Sie unterstützen die Hauptamtlichen in den Bereichen Deutsch, Spielen, Sport, Behördenangelegenheiten und Gesundheit.
Mit Tränen in den Augen erzählt der Sozialarbeiter, der alle Bewohner mit Vornamen kennt, von seinem bewegendsten Moment und dessen Vorgeschichte: Eine 18-jährige Palästinenserin sei mit ihrem Mann, ihren Eltern und ihrem Säugling geflüchtet. Der Konvoi sei unter Beschuss geraten, Mutter und Kind wurden getrennt, das Baby blieb in Syrien, das Paar erreichte später Lüneburg. Über eine Stiftung gelang es Sasse und seiner Kollegin, Geld für einen Flug der Mutter nach Beirut zu bewilligen. „Dort ließ man sie aber nicht durch den Zoll“, erinnert sich Sasse, erst nach viel gutem Zureden gab es ein Happy End. „Das Baby wurde einfach über einen Zaun gereicht.“ Am nächsten Tag habe die Frau mit ihrem Baby im Arm in Lüneburg vor ihm gestanden. „Familienzusammenführungen sind immer toll“, sagt Sasse.
Es sind die Lichtblickes seines Alltags, der meist doch anders aussieht. Die Sozialarbeiter seien überwiegend mit Neuaufnahmen beschäftigt. Zeitweise kamen pro Woche 30 bis 40 Menschen in der Stadt an. Zur Weihnachtszeit waren es an einem Tag gar mal 70 Menschen. Aktuell sind es etwa zehn.
Sasse und seine Kollegen helfen bei der ersten Orientierung. Ämterrundgang, Passfotos, die Zimmerbelegung in der Unterkunft. „Die muss meistens noch überarbeitet werden, durch verschiedene Sprachen, Religionen oder auch gesellschaftliche Schichten entstehen sonst Probleme. Das ist eigentlich die komplexeste Aufgabe bei der Unterbringung.“ Afghanen und Syrer würden sich meist nicht verstehen, auch Afghanen untereinander sind nicht immer pure Harmonie. „Sie haben teilweise sogar Angst voreinander.“
Gerade für die Älteren sei es schwer, sich über einen längeren Zeitraum ein Mehrbettzimmer zu teilen, weiß Sasse. „Diese Menschen haben in ihrer Heimat oft einen gewissen Status genossen“, die neue Situation sei daher für viele nur schwer zu ertragen. Für die jungen Männer sei das Zusammenleben auf engstem Raum leichter. „Auch den Kindern geht es vergleichsweise gut, sie kommen meist mit Bezugspersonen hierher, werden schnell in Kitas oder Schulen untergebracht“, sagt der Sozialarbeiter. „Für alleinstehende Männer Mitte 40, die keine Tagesstruktur haben und kein Wort Deutsch sprechen, ist das viel schwieriger.“
Zuzusehen, wie manche Schützlinge mehr und mehr in einen „Dämmerzustand“ verfallen, sei hart. „Durch das monatelange Warten schalten viele in einen Standby-Modus“, erklärt er. Doch er bleibt zuversichtlich: „Wir haben in der Vergangenheit viel allein gestemmt, aber die Politik ist aufgewacht.“ Die mangelnden Deutschkenntnisse seien jedoch noch immer das größte Problem der Neuen. „Es gibt nirgendwo ein so ausgeprägtes Ausbildungs- und Schulsystem wie bei uns“, sagt Sasse, der sich eine strengere Regelung wünscht. „Sofort bei der Aufnahme müssten die Menschen einen Deutschkursus beginnen, täglich von 8 bis 12 Uhr. Das würde die ganze Struktur verändern.“
Carl Sasse sieht sich selbst als einen Gestalter, die Arbeit mit Menschen fordere ihn intellektuell, aber auch er habe lernen müssen, sich abzugrenzen. „Viele Menschen können einfach nicht mehr, es ist schwer, selbst nicht wütend zu werden.“ Oft müsse er sich einreden, dass er nichts für die Unzufriedenheit der Menschen könne. „Wir geben hier alles“, sagt Sasse. Verzweiflung klingt in seiner Stimme mit. An der bundes- und weltpolitischen Lage seien seine Kollegen und er nun mal nicht schuld. Beim Fahrradfahren oder Segeln in seiner Freizeit schaffe er es, den Kopf frei zu bekommen von all den Problemen, mit denen er bei seiner Arbeit konfrontiert wird.
Nach vielen Höhen und Tiefen sei es ihm inzwischen gelungen, einen Zugang zu den Menschen zu finden, die in Deutschland Zuflucht suchen. Ihm vertrauen sie. „Wenn jemand mit einem Anliegen an meine Tür klopft, dann nehme ich mir auch Zeit dafür“, sagt Sasse. „Die Person fühlt sich dann gesehen und ist meist auch motiviert, hier mitzuwirken.“ Eines müsse sich aber jeder klar machen: „Die Menschen kommen aus einer anderen Welt, sie sind sich alle fremd“, sagt er. „Der Weg der Integration dauert lange.“