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Die Elbe bei Sonnenuntergang. Für ihren Bildband über das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue hat Berit Neß diesen Augenblick mit der Kamera eingefangen. Foto: nh/neß
Die Elbe bei Sonnenuntergang. Für ihren Bildband über das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue hat Berit Neß diesen Augenblick mit der Kamera eingefangen. Foto: nh/neß

Die deutsche Loire

Lüneburg. Er kämpft für sie seit mehr als 30 Jahren, hat ihr unzählige Stunden und gleich mehrere Bücher gewidmet: die Elbe. Nun zieht sich der promovierte Naturwissenschaftler und Umweltschützer, Dr. Ernst Paul Dörfler, aus der ersten Reihe der Elbe-Streiter zurück und widmet sich seiner zweiten großen Leidenschaft: der Erzählkunst. In Lüneburg präsentierte er auf Einladung des BUND jetzt sein jüngstes Buch „Liebeslust und Ehefrust der Vögel“, vorab sprach er im Interview mit LZ-Redakteurin Anna Sprockhoff noch einmal über die Elbe — und seine Visionen für den Fluss seines Lebens.

Herr Dörfler, Sie kämpfen seit mehr als 30 Jahren gegen den Ausbau der Elbe. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?
Ernst Paul Dörfler: Das Wichtigste ist: Die Elbe ist nach wie vor ein frei fließender Fluss. Und es sieht so aus, als wenn man langsam einsieht, dass ein Ausbau der Elbe Schwachsinn ist. Trotzdem: Ganz vom Tisch ist das Thema nicht, die Wirtschaft fordert nach wie vor eine ganzjährige Schiffbarkeit der Elbe — nur sind wir rein faktisch davon heute weiter entfernt denn je. Der Elbe fehlt einfach das nötige Wasser, denken Sie nur an das extreme Niedrigwasser im vergangenen Jahr. Im anderen Extrem hat die Elbe viel zu viel Wasser, Stichwort Jahrhunderthochwasser. Der Fluss bietet keine Planbarkeit. Und eben die fordert die Wirtschaft. Sie muss nach Fahrplan arbeiten können, Transporte langfristig planen, um gute Preise erzielen zu können. Doch all das kann die Elbe nicht bieten, sie ist als Wasserstraße ein Auslaufmodell. Die Daten belegen es: Wurden 1913 noch 18 Millionen Tonnen auf der Elbe transportiert, waren es 2015 nur knapp 0,4 Millionen Tonnen — Tendenz stetig fallend!

Ließe sich das Problem mit dem Ausbau der Elbe nicht lösen?
Dörfler: Nein. Der Elbe fehlt für eine ganzjährige Befahrbarkeit die nötige Wassermenge. Da hilft auch alles Baggern, Begradigen und Ausbauen nichts — sofern man nicht die Elbe durchgängig mit 30 Staustufen kanalisieren und damit nicht nur die Natur ruinieren, sondern auch die Hochwasserrisiken steigern will. Das Problem ist ein ganz anderes: Durch frühere Begradigungen hat der Fluss mehr als 100 Kilometer Lauflänge verloren und ist schneller geworden. Die Folge: Auf 300 Kilometern Lauflänge — zwischen Riesa bis nördlich von Magdeburg — frisst sich die Elbe bedrohlich in die Tiefe. Das Ergebnis ist allerdings keine verlässlichliche Schiffbarkeit, sondern eine permanente Tiefenerosion. Das heißt, die Elbe gräbt sich immer tiefer in ihr Sandbett. Dadurch sinkt die Sohle immer weiter und der Wasserspiegel mit ihr. Der Schifffahrt bringt das gar nichts, weil das Wasser fehlt und die Schiffe nur eine Etage tiefer fahren. Zu spüren bekommt die Veränderung allerdings die umliegende Aue, die an der Mittelelbe inzwischen staubtrocken ist. Dem ganzen Umland wird das Wasser förmlich entzogen, die Folge: Einmalige Naturschätze wie das Wörlitzer Gartenreich als Unesco-Kulturerbe oder die letzten großen Auwälder Mitteleuropas sind bedroht.

Das heißt, für die Wirtschaft ist die Elbe verloren?
Dörfler: Für den Güterverkehr, ja. Aber das heißt nicht, dass sich die Elbe nicht wirtschaftlich nutzen lässt. Nur ist die Elbe als naturnaher, frei fließender Fluss viel, viel mehr wert als eine Wasserstraße. Ich habe das gerade erst ausgerechnet mit den Zahlen aus 2015. Da stehen auf der einen Seite die Umsätze aus dem Bereich Elberadweg: 73 Euro hat jeder Radler pro Tag durchschnittlich in der jeweiligen Elberegion ausgegeben — multipliziert mit der Anzahl der Fernradler an der freifließenden Mittel- und Oberelbe ergibt das für 2015 ein Umsatzvolumen von rund 250 Millionen Euro. Auf der anderen Seite stehen die Umsätze der Elbehäfen: Da kommen gerade mal rund 25 Millionen Euro zusammen. Wobei da noch nicht einmal berücksichtigt ist, dass nur rund zehn Prozent der Hafenumschläge über das Schiff, aber 90 Prozent über Schiene und Straße getätigt werden! Das heißt, die Umsätze aus dem Fahrradtourismus sind mindestens zehnmal höher als die der Güterschifffahrt. Das heißt, wir sollten die Elbe als naturnahen Fluss aus mindestens zwei Gründen erhalten: Weil es der Natur und der Artenvielfalt nützt. Und weil es uns wirtschaftlich einfach mehr bringt.

Was ist Ihre Vision für die Elbe?
Dörfler: Ich träume davon, dass die Elbe die deutsche Loire wird. Die Loire, einer der größten Flüsse Frankreichs, ist weltweit bekannt als Unesco-Weltkulturerbe, für ihre Schönheit und die wunderbaren Schlösser. Die Elbe hat das gleiche zu bieten: Beides sind Flüsse mit einem wunderbaren Sandbett, beide sind freifließend, an ihren Ufern gibt es seit Jahrtausenden Zivilisation, Kaiserinnen und Kaiser regierten an der Elbe wie an der Loire. Auch an der Elbe gibt es jede Menge Dome, Klöster, Dorfkirchen, Burgen und Schlösser. Der einzige Unterschied ist: Die Schlösser der Loire und die Loire selbst sind weltweit bekannt. Die Elbe kennt man nur durch die Hochwasser.

Und was muss passieren, damit sich ihre Vision erfüllt?
Dörfler: Die Elbe muss eine Marke werden, ein Ort auf dieser Welt, an dem man einfach gewesen sein muss. Doch mit der richtigen Imagearbeit allein ist es nicht getan: Wir müssen auch an der ökologichen Verbesserung des Flusses arbeiten. Auch wenn das Wasser heute wieder qualitativ besser erscheint, so ist doch die Überdüngung durch die Landwirtschaft und damit die Algenmassenentwicklung gerade im Sommerhalbjahr ein wachsendes Problem. Die Elbe war auch einmal der fischreichste Fluss Deutschlands, doch von den einstigen Fischerträgen gibt es heute gerade mal ein Fünftel. Ein natürlicher Fluss ist breit und flach, der ausgebaute ist schmal und tief. Doch gerade in den Flachwasserzonen liegen die Kinderstuben der Fische, daran müssen wir arbeiten, Altarme wieder anbinden und dem Fluss die Flächen zurück geben, die ihm eigentlich gehören. Auch zum Schutz vor Hochwassern. Außerdem träume ich davon, dass die Elbe wieder Badegewässer wird wie vor der Industrialisierung. Heute darf man zwar in der Elbe baden, aber es wird nicht offensiv angeboten. Touristisch hat dieser Fluss noch so unendlich viel Potenzial und ich bin überzeugt: Wir stehen erst am Anfang einer großen Zeit für die Elbe.

Herr Dörfler, Sie haben Jahrzehnte Ihres Lebens der Elbe gewidmet. Was ist dieser Fluss für Sie?
Dörfer: Die Elbe ist für mich Energiequelle, Ideengeber und ja, die Elbe ist für mich eine Geliebte!

Zur Person

Unbenannt-1Dr. Ernst Paul Dörfler (Foto: t&w) ist in Kemberg nahe der Lutherstadt Wittenberg geboren und aufgewachsen zwischen Elbe und Dübener Heide. Er studierte und promovierte in Magdeburg, war von 1977 bis 1982 als Ökochemiker am Institut für Wasserwirtschaft in Berlin. Er arbeitete an unveröffentlichten Studien zur ökologischen Situation in der DDR mit und hielt von der Stasi überwacht Vorträge über Umweltprobleme. Er war Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR und saß für die Grünen in der Volkskammer und bis Dezember 1990 im Bundestag. Seit den 1990er-Jahren setzt er sich gegen den Ausbau der Elbe und für den Erhaltder Auenlandschaft ein