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Der natürliche Lebensraum des Huhns ist der Waldrand und auch wenn die Tiere züchterisch immer weiter verändert wurden, blieb ihr Verhalten ursprünglich. Aus Angst vor Greifvögeln suchen sie am liebsten Schutz unter Bäumen und Sträuchern. Foto: t&w
Der natürliche Lebensraum des Huhns ist der Waldrand und auch wenn die Tiere züchterisch immer weiter verändert wurden, blieb ihr Verhalten ursprünglich. Aus Angst vor Greifvögeln suchen sie am liebsten Schutz unter Bäumen und Sträuchern. Foto: t&w

Hühnerwald: neue Wege in der Geflügelhaltung

off Lüneburg/Bleckede. Wilde Hühner leben im Wald. Und an diese natürliche Lebensform wollen die ersten Geflügelhalter in der Region nun anknüpfen. In Bleckede wächst bereits der erste Hühnerwald, in Rettmer haben die Mobilstall-Betreiber Jochen und Hilke Hartmann ihn gerade gepflanzt. Auf fünf Hektar hat das Paar mehr als 1700 Pappeln, 150 Weiden, Sträucher und Beerenobst in die Erde gebracht, will dort in spätestens zwei Jahren ihre Hühner im Schutz der Gehölze laufen lassen. Noch ist diese Haltungsform die Ausnahme, doch das Modell „Hühnerwald“ könnte Schule machen.

Bisher laufen Freilandhühner vor allem auf Wiesen oder Äckern – und unter freiem Himmel. Schutz vor Greifvögeln bieten der Stall oder bestenfalls kleine Schutzhütten. Die Konsequenz: „Die Hühner sind immer auf der Suche nach Deckung. Gibt es mal eine Art Hecke, reißen sie sich förmlich um einen Platz darunter“, berichtet Hartmann. Für ihn und seine Frau der Anstoß, sich über Alternativen Gedanken zu machen. „Gelandet sind wir schließlich beim Hühnerwald.“

Für mehr Tierschutz zieht Einzelhändler Matthias Tschorn (r.) mit den Landwirten Jochen und Hilke Hartmann an einem Strang: Er hat die Kosten für Gehölze, Sträucher und Bäume übernommen. Foto: t&w
Für mehr Tierschutz zieht Einzelhändler Matthias Tschorn (r.) mit den Landwirten Jochen und Hilke Hartmann an einem Strang: Er hat die Kosten für Gehölze, Sträucher und Bäume übernommen. Foto: t&w

Die Idee dahinter bietet gleich mehrere Vorteile – für die Hühner, den Landwirt und die Umwelt. „Die Tiere fühlen sich zwischen Bäumen und Sträuchern deutlich wohler als unter freien Himmel“, erklärt der Landwirt, „dort finden sie Schutz vor Sonne, Wind und Greifvögeln, außerdem deutlich mehr Futter in Form von Beeren, Würmern und Insekten.“ Die Gehölze bieten zusätzlichen Lebensraum für Tiere und Pflanzen, bereichern das Landschaftsbild, binden Kohlenstoff und nehmen Stickstoff aus dem Hühnerkot auf. „Das schützt die Umwelt“, sagt Hartmann, „und fördert die Biodiversität.“

Der Landwirt selbst profitiert von „zufriedeneren Hühnern“, sagt der Lüneburger. „Außerdem werden wir die Pappeln als Energieholz nutzen.“ Alle acht bis zwölf Jahre soll ein Teil der Bäume geschnitten und die Ernte als Brennmaterial genutzt werden. Ein Gesamtpaket unter dem Titel Agroforst – eine neue Tendenz in der Landwirtschaft, sich am Beispiel der Natur zu orientieren und auf dem Acker mehr Komplexität zu wagen.

Heinrich Burmester aus Bleckede hat bereits erste Erfahrungen mit einer Art Hühner-Wald gesammelt – in seinem Fall eine glückliche Fügung. Auf den Flächen des Landwirts wuchsen bereits die ersten Energieholzplantagen, als er vor einem Jahr in die Hühnerhaltung mit Mobilställen einstieg. „Da lag es quasi auf der Hand, die Hennen regelmäßig auch unter den Gehölzen laufen zu lassen“, sagt Burmester. Sein Fazit nach den ersten Monaten: „Die Hühner sind sichtlich zufrieden.“ Und nicht nur das: Sie nehmen dem Landwirt auch noch Arbeit ab.

Denn zwischen den Gehölzen wuchert Unkraut, „und das müssten wir eigentlich regelmäßig entfernen, damit es nicht Überhand nimmt“, berichtet Burmester. Ein Job, den jetzt die Hühner für ihn übernehmen. „Ganz klar eine Win-Win-Situation“, betont Burmester.

Dem Modell einiges abgewinnen kann auch Dr. Peter Hiller, Referent für Geflügel bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Aus Tierschutzsicht ist eine strukturierte Landschaft optimal“, sagt er, „und auch die Aufnahme des Stickstoffs durch die Gehölze ist zu begrüßen.“ Ob sich die Haltungsform bei den Mobilstall-Betreibern durchsetzt, sei allerdings schwer absehbar. „Noch ist dieses Modell nicht praxisreif“, sagt er. „Doch Potenzial hat es.“

Das findet auch der Lüneburger Supermarkt-Betreiber Matthias Tschorn. Er vertreibt die Eier der Hartmann-Hühner aus Rettmer – und war von der Idee des Hühner-Waldes so angetan, dass er die Kosten von mehr als 1500 Euro für alle Bäume und Sträucher übernommen hat. „Hier haben wir mal die Möglichkeit, direkt vor Ort etwas zu tun“, sagt er, „also haben wir uns entschieden, die Idee zu unterstützen.“ Das Ergebnis hofft Jochen Hartmann spätestens in zwei Jahren präsentieren zu können. „Dann sind die Pappeln groß genug, dass die Hühner darunter auch Schutz finden.“