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Ella hört ganz aufmerksam zu, denn Maxim (7) hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Der Lesehund der Grundschule Hasenburger Berg soll leseschwachen Kindern helfen, ihre Hemmungen zu überwinden. Foto: t&w
Ella hört ganz aufmerksam zu, denn Maxim (7) hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Der Lesehund der Grundschule Hasenburger Berg soll leseschwachen Kindern helfen, ihre Hemmungen zu überwinden. Foto: t&w

Labrador Ella: Ein vierbeiniger Zuhörer

ap Lüneburg. Manchen Kindern fällt es schwer, laut vor der Klasse zu lesen. Aus Ängsten werden schnell Hemmungen, richtige Blockaden. Um zu verhindern, dass diese sich festsetzen, hat die Grundschule Hasenburger Berg nun ein Pilotprojekt gestartet: Seit Anfang März wartet Lesehündin Ella freitags in der Schulbücherei.
Maxim kann es seitdem gar nicht erwarten, dass die Schulwoche zu Ende geht. So sehr freut er sich auf die schwarze Labradorhündin. „Ella, ab auf deinen Hundeplatz“, weist er sie ein, nachdem er sie ausgiebig gestreichelt hat. Die vierjährige Hündin von Deutschlehrerin Isabelle Maler folgt den Anweisungen ihres neuen Freundes nur zu gern und macht es sich auf der weißen Decke gemütlich.

Der Erstklässler nimmt sein Deutschheft und setzt sich ganz dicht neben die Hündin, die daraufhin erstmal seine Hand ableckt. Und dann legt der Siebenjährige los – Seite für Seite. Isabelle Maler muss ihn nach 20 Minuten unterbrechen, schließlich wollen auch noch andere Kinder in den Genuss des Vorlesens kommen.
„Kinder lesen beim Menschen immer zwischen den Zeilen und das natürliche Bedürfnis der Erwachsenen ist es auch einzugreifen und den Kindern zu helfen, wenn sie nicht weiter kommen“, weiß Isabelle Maler, die sich ausführlich mit dem Thema „Lesehund“ auseinandergesetzt hat. „Hunde haben keine Mimik, die Kinder kommen so beim Vorlesen einfach in eine schöne Situation hinein.“ Denn meist seien die Schüler gar nicht daran interessiert, eine Reaktion zu erhalten.

Die Lehrerin betreut Ella seit vier Jahren, hat nach ausgiebigem Hundetraining sogar den Führerschein erworben. Isabelle Maler erfährt bei ihrer Arbeit großen Rückhalt von Schulleiterin Marianne Borowski, die den beiden gern auch eine Schulausbildung finanzieren würde. „Kinder, die vorher nie lesen wollten, lesen plötzlich“, erzählt Borowski, die auch aus dem Kollegium nur positive Resonanz zurückgemeldet bekommt. „Und Ella ist der ideale Hund, er ist treu, freundlich und ruhig.“

Denn je älter die Kinder werden, desto größer werden die Unterschiede beim Lesen. Die Klasse spaltet sich in leseschwache und -starke Kinder. „Die zurückhaltenden Schüler üben jetzt sogar freiwillig zu Hause, um Ella perfekt vorlesen zu können“, weiß Isabelle Maler, die aber auch darauf bedacht ist, dass es ihrem Hund dabei gut geht. „Ich tausche mich viel mit einer Hundetrainerin aus, denn auch für Ella ist ein Schultag anstrengend.“ Oft stürmen gleich zehn Kinder auf einmal auf sie zu, wollen sie streicheln und fest drücken. „Ella ist von klein auf viel mit Kindern zusammen gewesen, dennoch müssen die Schüler auch lernen, dass nicht jeder Hund so entspannt ist.“
Die Erfahrung musste Clara machen, sie wurde schon von einem Hund gebissen, hat nun eine große Narbe auf ihrer Hand. „Ich habe manchmal auch Angst, aber das Vorlesen macht mir trotzdem viel Spaß“, sagt die Viertklässlerin, die Ella mittlerweile am liebsten ganze Bücher vorlesen würde. Über die Entwicklung der Zehnjährigen sind sowohl Marianne Borowski als auch Isabelle Maler beeindruckt, denn Clara hat einen Nachteilsausgleich aufgrund ihrer Leseschwäche, zählt in der vierten Klasse zu den schüchternen und gehemmten Schülerinnen. Doch wenn sie Ella gegenüber sitzt, traut sie sich sogar an ein Wort wie „Unannehmlichkeit“ heran.

„Vielen Kindern fehlt der familiäre Rückhalt, zu Hause wird immer weniger vorgelesen, dabei sind gerade diese vertauten Situationen so enorm wichtig“, sagt die Schulleiterin, die den Eltern diese Notwendigkeit immer wieder predige. Bald soll das Angebot ausgeweitet werden: Dann wird Ella auch noch an weiteren Tagen zu flexibleren Zeiten zur Verfügung stehen.

One comment

  1. Eine wirklich tolle Idee. Endlich mal was die Kinder weiterbringt und spaß macht. Das Engagement der Lehrerin ist größer, als was man von einer Lehrkraft erwarten darf.