Aktuell
Home | Lokales | Bardowick | Roma-Geschwister abgeschoben ins Kosovo
Selda und Elza haben Handy-Fotos geschickt. Sie haben in einem Roma-Lager gelebt. Mit dem Geld aus Lüneburg können sie sich eine kleine Wohnung leisten. Wie lange, ist unklar. Foto: nh
Selda und Elza haben Handy-Fotos geschickt. Sie haben in einem Roma-Lager gelebt. Mit dem Geld aus Lüneburg können sie sich eine kleine Wohnung leisten. Wie lange, ist unklar. Foto: nh

Roma-Geschwister abgeschoben ins Kosovo

ca Lüneburg. 24 Menschen sind über die Ausländerbehörde von Stadt und Landkreis seit Jahresbeginn abgeschoben worden, weitere 21 sollen demnächst folgen. 107 Personen sind freiwillig ausgereist. 369 Männer, Frauen und Kinder besitzen eine Duldung, auch sie müssen damit rechnen, das Land verlassen zu müssen. Es geht nach Recht und Gesetz zu. So wie für Selda, Elza und Orhan, 21, 22 und 28 Jahre alt. Einen Tag vor den Osterferien, in der Nacht zum 17. März, kam die Polizei in die Wohnung ihrer Eltern in Bardowick. Abschiebung. Die Geschwister werden nach Düsseldorf zum Flughafen gefahren und nach Pristina in den Kosovo geflogen. Zurück in ein sicheres Herkunftsland, zumindest aus Sicht der Bundesregierung. Die Geschwister erleben es anders.

Dass aus der Anonymität der Zahlen Schicksale werden, liegt auch an Schulleiterin Katrin Pfeffer und ihren Kollegen. Denn Selda und Elza haben seit Januar 2015 in der Schule an der Schaperdrift als Ein-Euro-Jobber gearbeitet, sie organisierten das Pausenfrühstück, gaben Mittagessen aus. Die Schulleiterin war zufrieden mit den beiden, die Kinder mochten sie. Selda und Elza lernten Deutsch, auch Lesen und Schreiben, was sie zuvor kaum konnten. Plötzlich sind die Mädchen weg. „Sie sind nicht zur Arbeit gekommen, das war ungewöhnlich“, sagt Katrin Pfeffer. Denn sie galten als sehr zuverlässig. Erst später erfährt die Lehrerin, dass die Schwestern abgeschoben wurden.

Beide melden sich dann per E-Mail, schreiben: „Als wir in Pristina angekommen sind, haben für uns Horror und Angst begonnen. Wir kannten niemanden. Niemand hat uns geholfen, wir hatten keinen Cent in der Tasche.“ Ein Albaner habe sie angesprochen: „Ihr seid Roma, ich kann Euch helfen.“ Es ging in eine kleine Stadt, sie sollten bei einer alten Frau schlafen. Der Mann habe 10 Euro dagelassen. „Er sagte, er fahre uns nach Prizren: Da werdet ihr arbeiten in einer Bar und gut verdienen, wenn ihr Prostitution macht. Da kommen viele deutsche und andere Soldaten.“ Dort sind Soldaten einer UN-Mission stationiert.

Die Mädchen konnten fliehen. Roma haben ihnen geholfen, nach Serbien zu entkommen. Der Bruder blieb zurück. Nach den Erzählungen der Mädchen wurde Orhan misshandelt. Bekannte schickten Geld, vorige Woche auch das Lüneburger Kollegium 500 Euro. Die Schwestern schickten dem Bruder 250 Euro, mit denen er sich Hilfe kaufen konnte und sich ebenfalls nach Belgrad durchschlug.
Der Vater und ein Landsmann, der dolmetscht, sitzen im Büro von Katrin Pfeffer und erzählen ihre Geschichte. Der Vater wirkt gebrochen, weil er seinen Kindern nicht helfen kann. Er und seine Frau dürfen noch in Deutschland bleiben, ein Nervenarzt hat Atteste geschrieben, das Paar ist traumatisiert. Nun sollen auch sein ältester Sohn, die Schwiegertochter und die kleinen Enkel abgeschoben werden, vermutlich heute. Er zeigt Schreiben der Ausländerbehörde und sagt: „Lieber sterbe ich, als ohne meine Kinder zu sein.“ Er werde mit seiner Frau auch gehen.

Die Volksgruppe der Roma hat es gelinde gesagt nicht einfach im Kosovo. Deshalb waren die Eltern und die drei jüngeren Kinder im August 2014 nach Deutschland geflüchtet. Er habe einen Schleuser bezahlt, ihm die Pässe gegeben, sagt der Vater. Über die Erstaufnahmestelle in Braunschweig kamen sie nach sechs Wochen nach Bardowick. Sie wollten ein besseres Leben. Im Kosovo hätten sie davon gelebt, Kartons aus dem Müll zu suchen, zu reinigen und zu verkaufen, erzählt der Vater. Auch, dass sein älterer Sohn verprügelt und verschleppt wurde, als er seine Frau verteidigen wollte, die auf offener Straße angegriffen worden war. Der Sohn, die schwangere Schwiegertocher und ein Enkelkind kamen vergangenes Jahr nach Bardowick.

All die Erzählungen sind kaum zu überprüfen. Als Asylgrund reichen sie nicht aus. Das Gesetz greift bei Verfolgung durch den Staat des Heimatlandes zum Beispiel wegen politischer oder religiöser Gründe. Wirtschaftliche Not fällt nicht darunter. So ist eigentlich von Anfang an klar, dass Deutschland die Menschen wieder abschieben wird. Die Flüchtlingskrise hat das Vorgehen rigoroser gemacht. Die Bundesregierung hält mehr Länder für sicher. Auch das Kosovo, obwohl dort die Bundeswehr im Friedenseinsatz steht.
Katrin Pfeffer, ihre Kollegen und die Schüler wollen helfen. Sie sammeln Kleidung, verkaufen Brötchen und planen für einen Tag einen Stand neben dem Wochenmarkt, um ein paar Euro einzunehmen. Der Dolmetscher will dann alles nach Belgrad bringen.

Der Kontakt solle nicht abreißen, wünscht sich Katrin Pfeffer. Dass die Familie in absehbarer Zeit nach Deutschland zurückkehren kann, glaubt sie nicht. So will die Schule Beistand geben. Wie lange? Sie wissen es nicht. Die Lehrerin sagt: „Ich weiß, dass ich nicht die Welt retten kann, aber für Selda, Elza und ihre Familie können wir etwas tun.“