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Kein Tag vergeht, an dem Jens Wischmann nicht die Preisentwicklungen in der Landwirtschaft verfolgt. Er selbst ist von der aktuellen Krise nicht ganz so hart betroffen, doch als gewählter Vertreter der Bauern im Landkreis Lüneburg interessiert er sich nicht nur für den eigenen Betrieb. Foto: t&w
Kein Tag vergeht, an dem Jens Wischmann nicht die Preisentwicklungen in der Landwirtschaft verfolgt. Er selbst ist von der aktuellen Krise nicht ganz so hart betroffen, doch als gewählter Vertreter der Bauern im Landkreis Lüneburg interessiert er sich nicht nur für den eigenen Betrieb. Foto: t&w

Landwirtschaft: die große Krise

off Dehnsen. Jens Wischmann sitzt im Heidedorf Dehnsen am Schreibtisch, mit düsterem Blick verfolgt er die Börsenkurse, die vor ihm über den Computermonitor laufen. Seit Monaten sind die Preise für landwirtschaftliche Rohstoffe im Keller, schreiben Ackerbauern, Schweinehalter und Milch­erzeuger rote Zahlen. Für Wischmann ist es nicht die erste Preiskrise, die er als Kreislandwirt und Kreisvorsitzender des Deutschen Bauernverbandes miterlebt. „Durststrecken sind wir als Landwirte gewöhnt“, sagt er, „aber noch nie war die Situation so dramatisch, dass Kollegen mitten im laufenden Betrieb vor der Pleite stehen.“

Wischmann selbst trifft die Krise als Biogasbetreiber nicht ganz so hart. Doch als gewählter Vertreter der Bauern im Kreis interessiert ihn nicht nur der eigene Betrieb. „Es ist schon bitter, mit ansehen zu müssen, dass Kollegen ernsthaft überlegen, ihre Ställe lieber leer stehen zu lassen, anstatt mit jedem Schwein noch mehr Verluste zu machen.“ Eine Situation, in der der Kreislandwirt die Politik gefordert sieht. „Wenn die uns nicht helfen, wird das Höfesterben in naher Zukunft eine ganz neue Qualität erreichen.“

Doch was genau macht die aktuelle Krise so besonders? Wie sieht sie konkret aus? Wo liegen die Gründe für den Preisabsturz? Und was kann Politik dagegen tun? Eine Analyse des Kreislandwirts.

Die Auswirkungen

Wie hart die Krise Landwirte trifft, hängt vor allem vom Betriebsschwerpunkt ab. „Kartoffelbauern zum Beispiel haben in den letzten Jahren sehr gut verdient und konnten entsprechende Rücklagen bilden“, sagt Wischmann. Anders sah es bei Milchvieh- und Schweinehaltern aus, für sie erreicht die Krise derzeit eine ganz neue Härte. „Wenn bisher ein Milch- oder Schweinebauer ausgestiegen ist, dann gab es dafür vor allem zwei Gründe“, sagt Wischmann. Erstens: Der Landwirt hörte aus Altersgründen auf und sein Nachfolger sah keine Zukunft mehr in der Tierhaltung. Und zweitens: Der Bauer stand vor der Wahl, in einen neuen Stall zu investieren oder auszusteigen. In beiden Fällen „ein mehr oder weniger sozialverträglicher Ausstieg“.

In der aktuellen Krise stehen nun Bauern vor dem Ruin, die mitten im Berufsleben stecken, in einen neuen Stall investiert und entsprechend hohe Schulden haben. Besonders fatal daran: „Wenn sie pleite gehen, ist alles weg“, sagt Wischmann, „denn anders als zum Beispiel bei einer GmbH ist Betriebs- und Privatvermögen bei den meisten Landwirten nicht getrennt.“ Wie lange Landwirte mit dem aktuellen Preistief klarkommen, hängt stark von der individuellen Betriebssituation ab. Muss ein Stall abbezahlt werden? Wie ist das Verhältnis zwischen Pacht- und Eigenland? Wie hoch ist die Pacht? Gibt es finanzielle Rücklagen? Und wenn ja, in welcher Höhe?

Die Ursachen

Wie in der gesamten Wirtschaft gilt auch für die Preise in der Landwirtschaft das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Entscheidend ist dafür allerdings nicht allein die Situation in Deutschland oder Europa. „Wie alle Rohstoffe, so werden auch die landwirtschaftlichen Produkte weltweit gehandelt“, sagt Wischmann, „und am Weltmarkt kennt die Entwicklung seit Monaten nur noch eine Richtung abwärts.“ Gründe gebe es dafür gleich mehrere, „und die in Kombination sorgen dafür, dass die aktuelle Krise so extrem ist“, sagt Wischmann.

Probleme gibt es zum einen auf der Nachfrageseite: „Durch das Russland-Embargo sind große Absatzmengen plötzlich weggebrochen, ohne dass die Landwirte sich darauf einstellen konnten“, erklärt der Landwirtschaftsmeister. Dazu kommt die weltweit schwächelnde Konjunktur, „die wiederum dafür sorgt, dass deutlich weniger landwirtschaftliche Rohstoffe nachgefragt werden.“

Auf der anderen Seite hat die Landwirtschaft selbst die Produktion ausgedehnt und damit in vielen Bereichen ein Überangebot geschaffen. „Spanien zum Beispiel produziert deutlich mehr Schweine“, sagt Wischmann, „und auch die Milchmenge ist weltweit gestiegen.“ Das wiederum sei in erster Linie Folge der guten Preissituation 2013/2014, glaubt der Kreislandwirt. „In dieser Phase dachten alle Landwirte auf der Welt, die Preise stabilisieren sich auf einem einkömmlichen Niveau, investierten in neue Ställe, ließen sich auf hohe Pachtpreise ein und wurden vom Preisabsturz dann kalt erwischt.“

Ein weiteres Problem, das der Dehnsener vor allem für die deutschen Landwirte sieht: „In vielen Bereichen haben wir deutlich höhere Tierschutz- und Umweltauflagen als zum Beispiel die Kollegen in Spanien.“ Die Folge: „Wir haben höhere Kosten, müssen aber mit ähnlich niedrigen Preisen klarkommen.“ Ein aktuelles Beispiel, das vor allem Milchviehhalter trifft: die neuen Auflagen zur Lagerung von Mist. In der Folge müsse ein großer Teil der Landwirte eine Mistplatte bauen, die Kosten dafür liegen schnell bei 100000 Euro. „Ausgaben, die Milchbauern in der aktuellen Situation das Genick brechen können“, sagt Wischmann.

Die Auswege

Der Markt selbst kennt nur zwei Auswege aus der Krise: Entweder das Angebot sinkt oder die Nachfrage wächst. Die Politik versucht mittlerweile, auf beiden Seiten einzugreifen, diskutiert zum Beispiel über Mengensteuerung bei der Milch und die Erschließung neuer Absatzmärkte. „Passiert nichts, löst sich das Problem auf die harte Weise“, sagt Wischmann, „dann sinkt das Angebot, weil immer mehr landwirtschaftliche Betriebe aufgeben oder pleite gehen.“

Um den deutschen Landwirten in der akuten Krise zu helfen, hat der Bauernverband jetzt ein Forderungspapier an die nationale Politik übergeben. „Dabei geht es um schnelle Maßnahmen wie Liquiditätshilfen, Steuerentlastungen und ein dauerhaftes Verbot für den Verkauf von Lebensmitteln unter dem Einstandspreis.“ Ob das letztlich ausreichen wird, um eine Pleitewelle zu verhindern, kann auch Jens Wischmann nicht sagen. „Auch, wann die Preise sich endlich erholen, ist nicht absehbar“, sagt er. Fest steht für ihn allerdings: „Die Preisextreme werden in Zukunft nicht weniger werden, darauf müssen wir uns als Landwirte einstellen.“

3 Kommentare

  1. Otto Burmester

    Jeder Unternehmer hat ein wirtschaftliches Risiko. Wenn ein Gastwirt investiert dann kann er auch nicht von vornherein wissen das sein Bezrieb läuft. Das Problem und die Subventionen kann nicht auf die Allgemeinheit abgelassen werden. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied.
    Wenn die Geschäfte laufen zählt der Landwirt auch nichts zurück und kauft sich stattdessen den neuesten Traktor. Das nennt sich dann Investition.

  2. Otto, als nicht Landwirt möchte ich dir von der unternehmerischen Denke zustimmen, aber andererseits auch widersprechen. Landwirtschaft hat Besonderheiten, zum einen gibt es heutzutage keine Wiedereinrichter mehr, sodass der Verlust von Höfen in der Regel endgültig ist um mit dem Sterben der Höfe nicht nur ein Sterben der Dörfer folgt sondern auch ein dauerhafter Verlust von Know How. Ein Land kann auch seine Fähigkeit verlieren sich selbst zu ernähren. In solchen Preis Phasen, wie derzeit, ist es ökonomisch sicher am günstigsten seine Landwirtschaftlichen Produkte komplett zu importieren. Dies wäre bei der heutigen Verzahnung des Welthandels und der logistischen Fähigkeiten überhaupt kein Problem. Die Folge wäre jedoch dramatisch und umunkehrbar. Die bäuerliche Landwirtschaft wäre umunkehrbar erledigt. Eine Wiederbewirtschaftung könnte über lange Zeit nur mit Hilfe von gigantischen Kapitaleinsatz durch Industriekomplexe erfolgen. Ganze Erntezyklen könnten ausfallen. Das wir bei Elektronikprodukten auf Lieferungen aus aller Herren Länder angewiesen sind kann ich noch akzeptieren. Diese Lieferungen und Stückzahlen lassen sich minutiös planen. Würden aufgrund von politischen Ereignissen oder schlechten Großwetterlagen in den billigen Erzeugerländern Ernten ausfallen, möchte ich nicht darauf angewiesen sein mal ein Jahr auf die Kartoffeln zu warten.
    Die Frage ist meines Erachtens daher nicht, ob wir den Landwirten den Arsch vergolden, sondern ob wir als Gesellschaft unsere Fähigkeiten und Strukturen in diesem Sektor behalten wollen und dazu müsste die Bereitschaft vorhanden sein über solch eine wirtschaftliche Dürre in dem Sektor hinweg zu helfen. Es ist eine Errungenschaft, dass es in den letzten 100 Jahren gelungen ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln in diesem Land jederzeit sichergestellt zu haben. Von daher gilt der alte Satz: Landwirtschaft dient allen. (Vom Erhalt der schönen Kulturlandschaft mal abgesehen)

  3. Große Teile der Landwirtschaft verhalten sich wie leider viele andere Wirtschaftszweige auch. Erst die Produktionsmittel (hier: Landschaft, Böden, Tiere) bis zum letzten und häufig über ein verträgliches Maß hinaus ausreizen. Wenn´s schlecht läuft, sind häufig andere Schuld und der Staat (Steuerzahler) soll den Ausputzer spielen. Vielfalt der Angebote (Energieerzeugung, Tourismus, Eigenvertrieb) könnte den Landwirtschafts-betrieben vielleicht den Druck etwas nehmen, wenn es in einem Bereich nicht läuft. Mit der Produktion von landwirtschaftlichen Produkten sind Landwirte die Zulieferbetriebe für die Herstellung Handelsprodukten. Die Zulieferbetriebe in anderen Branchen sind genauso abhängig vom Abnehmer / Händler, haben aber weniger Ausweichmöglichkeiten. Eine Förderung der Landwirte muss immer an die Forderung von verträglicher Herstellungsprozesse und qualitätvollen Produkten geknüpft werden.