Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Auf Gut Banratz ist bereits der erste Protestschwein Nachwuchs zur Welt gekommen, genüsslich kuscheln sich die Ferkel ins Stroh. Foto: phs
Auf Gut Banratz ist bereits der erste Protestschwein Nachwuchs zur Welt gekommen, genüsslich kuscheln sich die Ferkel ins Stroh. Foto: phs

Protestschwein: Kampf ums Überleben +++ mit Video

off Banratz. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Ecken Deutschlands und haben allesamt ihr Herz an ein rot-weißes Schwein verloren. Zwölf Züchter des dänischen Protestschweines trafen sich am Wochenende auf Gut Banratz in der Arche-Region-Elbe zur Jahresversammlung des Fördervereins Husumer Rotbunte Schweine. Sie wählten, klönten, diskutierten und stellten ihre Tiere schließlich dem kritischen Blick des Zuchtwartes. Für die Schweinehalter ging es um die Rettung einer alten Rasse vor dem Aussterben, für den zur Körung vorgestellten Eber und die zwei Sauen um die Rolle ihres Lebens.

Kalter Wind fegt über den Hof des Landwirtsehepaars Ingo und Ingrid Rosenberg bei Stapel, Züchter und Zuchtwart haben sich mit hochgeschlagenen Kragen vor der Tür eines Pferdeanhängers versammelt. Sechs Stunden lang ist Birgit Michel aus der Nähe von Marburg mit ihrem Eber angereist, um den rot-weißen Prachtkerl kören und damit offiziell als Zuchttier eintragen zu lassen. Zuchtwart Dr. Jürgen Güntherschulze genügen wenige Minuten, um zu erkennen: „Ein Eber, wie er sein soll.“

Farbe, Zeichnung, Körperbau und Ohrenstellung entsprechen den Kriterien, Güntherschulze greift zur Zange. Eine blaue Marke im rechten Ohr besiegelt das Schicksal des Rot-Bunten: Er darf seine Männlichkeit behalten, nutzen und damit in Zukunft seinen ganz persönlichen Beitrag zum Erhalt der eigenen Rasse leisten.
Seit mehr als 30 Jahren kämpfen Liebhaber gegen ein Aussterben der rot-weißen Schweine, Streiter der ersten Stunde ist der Zoologe Dr. Jürgen Güntherschulze. 1982 entdeckte er nicht ganz reinrassige Vertreter der Rotbunten Schweine auf der Grünen Woche in Berlin und verlor sein Herz an sie. Noch im selben Jahr entstand eine Interessengemeinschaft Rotbuntes Husumer Schwein, die mit 14 Mitgliedern dafür sorgte, dass die Tiere durch eine strenge Zuchtauswahl äußerlich wieder dem echten Rotbunten Protestschwein entsprechen. 1996 gründeten 16 Züchter und Halter den Förderverein. „Inzwischen gibt es wieder an die 80 zugelassene Zuchttiere“, sagt Güntherschulze.

Zwei weitere potenzielle Zuchttiere wühlen im Stall der Rosenbergs im Stroh. Noch ahnen die beiden Sauen nicht, was sie erwartet, und stecken der Menschengruppe auf der anderen Seite des Gitters neugierig die Nasen entgegen. Güntherschulze nimmt Farbzeichnung und Körperbau in Augenschein, auch in diesem Fall ist sein Urrteil schnell gefällt. „Zwei echte Prachtsauen“, sagt er. Der Moment für die Ohrmarke.

Doch anders als ihr männlicher Artgenosse, lassen sich die beiden Sauen die Zange nur unter lautstarkem Protest ans Ohr setzen. Landwirt Ingo Rosenberg lässt sich von dem Geschrei nicht beeindrucken, er hält sie im Gitter fest und wartet, bis die Marke sitzt. „Die beruhigen sich schnell wieder“, versichert er. Und tatsächlich: Schon nach wenigen Minuten lassen sich die Sauen wieder von ihm streicheln. „Einfach klasse Tiere“, sagt er.

Wie die meisten Züchter, die an diesem Tag zur Jahresversammlung gekommen sind, hält auch Rosenberg auf seinem Hof nicht nur eine einzige vom Aussterben bedrohte Rasse. Vom Englischen Parkrind bis zur Leinegans leben bei ihm eine ganze Reihe besonderer Nutztiere, ihr Fleisch vermarktet er ausschließlich direkt und regional. Auch der Großteil seiner Rotbunten Husumer Protestschweine landet nach einem bis eineinhalb Jahren beim Schlachter. Die beiden Sauen allerdings haben sich an diesem Tag für eine andere Karriere qualifiziert: Sie werden als Mütter zur Rettung ihrer Rasse beitragen.
Mehr Informationen zum Verein gibt Martina Winkler, Tel.: 0151/22 800 751.

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