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Prof. Dr. Klaus Kümmerer forscht schon viele Jahre, wie Pharmaprodukte so verändert werden können, dass sie nicht die Umwelt belasten. Foto: A./t&w
Prof. Dr. Klaus Kümmerer forscht schon viele Jahre, wie Pharmaprodukte so verändert werden können, dass sie nicht die Umwelt belasten. Foto: A./t&w

Arzneimittel im Wasser: „Wir kommen an unsere Grenzen“

ap Lüneburg. Es gibt 2700 verschiedene Wirkstoffe, jeder Mensch konsumiert etwa ein halbes Kilo pro Jahr beispielsweise über Medikamente, Nahrungszusätze oder Kosmetika. Dabei bleiben die Folgen nicht aus: Weltweit sind Flüsse und Seen voll mit Arzneimittelrückständen, die sogar ins Grundwasser gelangen. Prof.Dr. Klaus Kümmerer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Thematik und forscht an einer Methode, Pharmaprodukte so zu verändern, dass sie nicht über Jahre die Umwelt belasten. Der 56-Jährige leitet das Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie an der Leuphana Universität, war zuvor am Universitätsklinikum in Freiburg und koordinierte den Bereich Chemie am Öko-Institut. 2015 wurde Kümmerer mit dem Wasser-Ressourcenpreis der Rüdiger-Kurt-Bode-Stiftung ausgezeichnet. Über das Thema „Arzneimittel im Wasser können wir sie verhindern?“ sprach er jetzt beim „Universitätsgesellschaftlichen Dienstag“ im Museum vor rund 60 Zuhörern, die LZ sprach mit ihm am Rande dieser Veranstaltung.

Interview

Sie haben Ihr Leben der nachhaltigen Chemie verschrieben. Wo sehen Sie die Herausforderungen?
Prof. Dr. Klaus Kümmerer: Die grundsätzliche Frage ist, wie können wir Chemie so gestalten, dass sie zur Nachhaltigkeit beiträgt. Es geht um Stoffe, Produkte und Materialien. Die Arzneimittel gehören der ersten Gruppe an, wir nehmen sie alle ein. Ein Großteil wird jedoch unverändert wieder ausgeschieden, gelangt ins Abwasser und die Kläranlagen können nicht alles entfernen.

Wie trägt jeder Einzelne dazu bei, die Problematik zu verschlimmern?
Kümmerer: Viele Stoffe geraten schon bestimmungsgemäß ins Abwasser, beispielsweise Shampoo oder Make-up-Reste beim Duschen. Arzneimittelreste werden unsachgemäß in die Toilette gekippt, dabei gehören sie in den Hausmüll, in Lüneburg sogar zum Schadstoffmobil. Fraglich ist, ob man immer Duft- und Farbstoffe benötigt. Desinfektionsmittel sind eigentlich auch nur in den Kliniken notwendig. Man sollte sich einfach fragen: Welche und wie viele Arzneimittel und andere chemische Produkte braucht man wirklich? Die kleine, blaue Pille für den Mann hat meiner Meinung nach in den meisten Fällen eher etwas mit einem Kopfproblem zu tun.

Was können Sie als Chemiker dagegen unternehmen?
Kümmerer: Auch wir kommen an unsere Grenzen, es gibt immer mehr unbekannte Stoffe. Wir sind gar nicht in der Lage, alle Abbauprodukte zu identifizieren, können daher auch keine vollständige Risikobewertung durchführen. Deswegen fragen wir uns: Was können wir am Anfang des Rohres machen? Wir sind auf Mithilfe angewiesen, der Umgang mit den Produkten muss ein anderer sein. Antibiotika helfen in der Regel nicht bei Erkältungen, mein Tipp: auskurieren. Außerdem sollte man keine Medikamente zu Hause horten.

Aber Sie forschen doch im Bereich nachhaltiger Chemie, was ist da alles möglich?
Kümmerer: Stoffe müssen gezielt so gestaltet werden, dass sie schnell und komplett abbaubar sind, wenn sie in die Umwelt gelangen. Nachhaltig sind Stoffe aber auch nur dann, wenn sie ihre Funktion mindestens beibehalten. Das ist für viele noch Zukunftsmusik. Dabei gibt es schon Arzneimittel auf dem Markt, die biologisch abbaubar sind.

Was kann denn im schlimmsten Fall passieren, wenn die Schadstoffe in die Umwelt gelangen? Hat das auch Auswirkungen auf uns Menschen?
Kümmerer: Durch Wasser oder Luft können Schadstoffe Organismen wie Fische oder Algen treffen. Im Extremfall führt es zum Abtöten, zu Unfruchtbarkeit, mangelndem Wachstum. Antibiotika können sogar zur Resistenz beitragen. Für den Menschen geht es eher um längerfristige Schäden: Manche Stoffe könnten nierentoxisch, gar krebsfördernd sein oder Allergien begünstigen. Außerdem wollen wir im Trinkwasser doch keine Chemikalien haben. Ein Erwachsener müsste allerdings etwa 2000 Liter Wasser am Tag trinken, um eine bedenkliche Wirkstoffmenge einzunehmen. Da wir aber nicht wissen, wie gefährlich einzelne Stoffe sind und wir keine Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge ableiten können bei einer über Jahrzehnte andauernden Stoffaufnahme, müssen wir unbedingt Vorsorge treffen.

Sind Sie denn jemand, der weitestgehend ohne Arzneimittel auskommt? Was tragen Sie zu einer Verbesserung bei?
Kümmerer: Ich konsumiere wenig Medikamente. Ich habe zwar hin und wieder Kopfschmerzen, weiß dann aber, dass es von meinem falschen Verhalten kommt, beispielsweise durch zu wenig Schlaf. Nach einer Weisheitszahn-OP gehe ich nicht mit einem Rezept nach Hause, mein Arzt weiß, dass ich mich melde, falls es ohne Tabletten nicht geht. Ich betreibe nicht gern übertriebenen Sport, kann es also überhaupt nicht verstehen, wenn sich Sportler vor einem Marathon schon vorsorglich mit Voltaren einschmieren. Warum läuft man dann nicht gleich nur fünf Kilometer?

Wann können Sie gelassen in den Ruhestand gehen? Was muss dafür erreicht sein?
Kümmerer: Ich habe mal gesagt, dass ich aufhören kann, wenn mindestens die Hälfte aller Arzneimittel nachhaltig ist. Für die Folgegeneration soll der Ansatz, chemische Stoffe von Anfang an umweltfreundlich zu planen, selbstverständlich sein.