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Dr. Christof Burgdorf (hinten) und Michael Franke, der zum nicht-ärztlichen Assistenzpersonal des Herzkatheterlabors gehört, im OP. Foto: t&w
Dr. Christof Burgdorf (hinten) und Michael Franke, der zum nicht-ärztlichen Assistenzpersonal des Herzkatheterlabors gehört, im OP. Foto: t&w

Hybrid-OP eröffnet neue Chancen

as Bad Bevensen. Ein hochmoderner Hybrid-OP wurde Ende Januar im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen (HGZ) eröffnet. Dieser bietet neue Chancen zum Beispiel für ältere Risikopatienten, die eine neue Herzklappe brauchen. Musste für diesen Eingriff bisher der Brustkorb geöffnet und der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden, ist es aufgrund der High-Tech-Ausstattung des Hybrid-OP nun möglich, die Aortenklappe kathetergestützt einzusetzen. Für Patienten wie Lieselotte Wurzel ein wesentlich schonenderer Eingriff.

Die 85-jährige Patientin litt unter einer Aortenklappenstenose, einer Verengung der Herzklappe, bedingt durch eine Verkalkung der Klappensegel, was zur Folge hatte, dass zu wenig Blut in die Hauptschlagader (Aorta) und somit in den Körper gepumpt wurde. Atemnot, Erschöpfung und Schmerzen in der Brust sind die typischen Symptome. Der einzige Weg: Die Herzklappe muss ersetzt werden. Außerdem wurde bei Lieselotte Wurzel eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße diagnostiziert. „Im Team haben wir uns für einen kathetergestützten Herzklappenersatz entschieden“, sagen Dr. Katja Bohmann, Oberärztin der Klinik für Herz-Thorax-Chirurgie, und Privatdozent Dr. Christof Burgdorf, Oberarzt der Klinik für Kardiologie, die den Eingriff gemeinsam vornehmen.

Zum Team gehören Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen, neben Kardiologen und Herz-Thorax- auch Gefäßchirurgen, Anästhesisten und Radiologen, die mit vereintem Wissen gleichzeitig diagnostizieren und behandeln.
Mitten im rund 100 Qua­dratmeter großen Hybrid-OP steht der OP-Tisch. Das Besondere: Er ist aus Carbon und röntgendurchlässig. Eine Röntgenröhre, die an einer Laufschiene an der Decke verankert ist, kann über die Patientin geschoben werden und liefert Aufnahmen des Herzens direkt an zwei Monitore, die zu beiden Seiten des OP-Tisches hängen. Der narkotisierten Patientin wurde eine Ultraschall-Sonde über die Speiseröhre eingeführt, mittels derer ebenfalls Live-Bilder vom Herzen und den Kranzgefäßen zu den Monitoren gehen. Auf ihnen abgebildet sind auch EKG und Blutdruck.

Dr. Christof Burgdorf macht zunächst in der Leiste der Patientin einen winzigen Schnitt. Über ihn fädelt er einen Katheter ein, an dessen Spitze sich ein Stent befindet. Vorsichtig schiebt er ihn in Richtung des verengten Herzkranzgefäßes. Über den Monitor kann man sehen, wie der Stent in die richtige Position gebracht wird und das Gefäß wie einen Expander aufdehnt. „Ich belasse den Draht noch, falls ich an dem Herzkranzgefäß noch einmal arbeiten muss“, sagt Dr. Burgdorf.

Gemeinsam mit der Herzchirurgin Dr. Bohmann nimmt er dann den Ersatz der Herzklappe vor. Kardiotechniker Andreas Bendisch bereitet an einem Nebentisch einen Katheter mit einem Ballon an der Spitze vor und faltet die aus einem Rinderherzbeutel gefertigte Herzklappe, die er dann hinter den Ballon schiebt.

Über einen weiteren winzigen Schnitt an der linken Leiste legt Dr. Burgdorf eine Schleuse, über die er einen Führungsdraht Zentimeter für Zentimeter durch das Gefäßsystem bis ins Herz hineinschiebt. Darüber führt er dann den Katheter an die richtige Position. Mittels des Ballons wird die verkalkte Stelle vorgedehnt.

Dann bringt der Kardiologe die zusammengefaltete Prothese in Position, und Dr. Katja Bohmann entfaltet sie in der verkalkten Klappe und drängt damit den Kalk zur Seite ab. Dabei wird mittels eines Schrittmachers, den der Anästhesist über die Hals-Vene zum Herzen geführt hat, das Herz für wenige Sekunden so schnell zum Schlagen gebracht, dass es fast still steht also kein Blut fließt, damit die Klappe richtig positioniert werden kann. Zuletzt wird über einen Katheter ein Kontrastmittel gespritzt, auf dem Monitor können die beiden Mediziner so prüfen, ob die Klappe gut abdichtet. „Hat einen sehr guten Fluss“, heißt es vom OP-Tisch.

Knapp 75 Minuten haben beide Eingriffe zusammen gedauert, die Patientin kommt danach für einen Tag auf die Intensivstation. Die drei kleinen Schnitte im Leistenbereich werden schnell verheilt sein.

Mit Blick auf Bildschirm

Noch vor ein paar Jahren hätten Patienten keine Wahl gehabt: Mediziner hätten bei einer verkalkten Herzklappe den Brustkorb aufsägen und das Herz anhalten müssen, um die verkalkte Herzklappe zwischen der linken Herzkammer und der Hauptschlagader herauszutrennen und dann eine neue Klappe einzunähen. Für ältere Patienten kommt diese Standard-OP oft wegen des gesundheitlichen Zustands aufgrund von Mehrfach-Erkrankungen nicht in Frage.

Die Alternative heißt Transkatheter-Aortenklappen-Implantation, kurz TAVI. Laut Prof. Dr. Gerhard Wimmer-Greinecker, Ärztlicher Direktor des HGZ und Chefarzt der Klinik für Herz-Thorax-Chirurgie, werden im HGZ pro Jahr rund 400 Herzklappen-Operationen gemacht, 100 davon mit Katheter-Technik. Der Hybrid-OP-Saal ermöglicht aufgrund der speziellen Röntgen- und Ultraschallgeräte, dass jeder Schritt des Eingriffs auf zwei Bildschirmen verfolgt werden kann. Im Notfall kann zudem jederzeit auf ein rein operatives Verfahren gewechselt werden.

„Der Eingriff ist für den Patienten schonender, unter anderem auch, weil er nicht an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden muss, die immer eine gewisse Entzündungsreaktion erzeugt“, so Prof. Dr. Wimmer-Greinecker. Es gebe aber auch Gründe, warum TAVI vorerst nur bei Risiko-Patienten angewandt werde. „Für die verwendeten Klappen sind noch keine Langzeitdaten vorhanden. Vereinzelt werden bei dem minimal-invasiven Eingriff aufgrund des Kalks der alten Klappe kleine Undichtigkeiten zurückgelassen, deren langfristiger Einfluss auf die Herzfunktion noch nicht klar ist.“