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Zeit für mehr Solidarität: Unter diesem Motto hatte der DGB zur Mai-Demo aufgerufen. Für den Marschrhythmus sorgten die Schrotttrommler. Foto: t&w
Zeit für mehr Solidarität: Unter diesem Motto hatte der DGB zur Mai-Demo aufgerufen. Für den Marschrhythmus sorgten die Schrotttrommler. Foto: t&w

Kämpferisch am 1. Mai + + + mit Video

ca Lüneburg. Es ist Streikzeit. Am Dienstag legten Beschäftigte des Eisenwerks die Arbeit nieder: Das Angebot der Arbeitgeber mit 2,1 Prozent für 24 Monate ist der IG Metall und ihren Mitgliedern zu gering, fünf Prozent Plus sollen es sein — für ein Jahr. Gewerkschaftssekretär Lennard Aldag und Wieland Weiß, Betriebsratschef im Eisenwerk, haben am Mittag für die 150 Kollegen ein Zeichen setzen wollen. Wenn sich die Unternehmen nicht bewegen: In der Metall- und Elektronikbranche würden dicke Gewinne eingefahren, davon wolle man einen Anteil.

Bei der Mai-Kundgebung auf dem Lambertiplatz gaben sich Gewerkschafter am Sonntag kämpferisch. Im öffentlichen Dienst sind die Tarifverhandlungen zwar gerade abgeschlossen. Doch bei der Telekom wird ebenso um einen Abschluss gerungen wie bei Metallern, in der Chemiesparte und bei den Bauarbeitern. Hauptredner André Grundmann von der Baugewerkschaft sagte, dass es für zwölf Millionen Beschäftigte im Land um ein Plus beim Einkommen gehe.

Für die 780.000 Bauarbeiter fordere die IG Bau knapp sechs Prozent mehr, die Arbeitgeber wollen nicht mal zwei Prozent mehr zahlen. Für den Hamburger Funktionär ein „schlechter Witz“, denn es gebe einen Bauboom: „Wir werden uns das Angebot nicht gefallen lassen, wir wollen einen kräftigen Schluck aus der Pulle.“

Die öffentliche Hand sei gefragt: Brücken, Tunnel, Straßen seien in schlechtem Zustand. Die Finanzminister sollten für Sanierungen ihre Schatullen öffnen. Gleiches gelte für den sozialen Wohnungsbau im Land, 400.000 Wohnungen müssten pro Jahr neu entstehen, denn gerade in den Metropolen sei es für Normalverdiener mit geringeren Einkommen nicht mehr möglich, eine bezahlbare Bleibe zu finden: Zwar habe der Bund seine Fördermittel erhöht, aber viel zu gering. Das Dreifache wäre nötig.

So wie Grundmann beim Fordern war, lag es auf der Hand, dass ihm Finanzminister Wolfgang Schäuble und dessen Schuldenbremse nicht gefällt. Der Mann sei 74 und solle in Rente gehen „und uns nicht mit seinem Gesabbel auf den Geist gehen“.

Die Rente mit 67 oder 70 Jahren, wie gerade diskutiert, sei ein Irrweg. Dass der Ausstieg unter Voraussetzungen mit 63 Jahren möglich ist, sei ein Schritt in die richtige Richtung, doch die Altersgrenze müsse noch weiter gesenkt werden. Grundmann: „Viele sind schon mit 63 kaputt.“ Selbstverständlich dürfe das Rentenniveau nicht fallen. Zu holen sei Geld von „Steuerflüchtlingen“, die ihr Geld im Ausland vor dem Fiskus versteckten. Der Applaus fiel bescheiden aus, es sind Sterotype aus dem alten Wunsch-Katalog der Gewerkschaften.

DGB-Regionschef Dr. Matthias Richter-Steinke hatte die Mai-Marschierer begrüßt, die vom Theater durch die Stadt zum Gewerkschaftshaus gezogen waren. Er erinnerte an die rund 400 Beschäftigten, die ihre Jobs beim insolventen Tiefkühlfischproduzenten Pickenpack verlieren. Er appellierte, mehr dafür zu tun, dass Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge in Firmen integriert werden und positionierte sich gegen das Lohndumping in Betrieben durch Werkverträge.

Der Umzug fiel dünner aus als in den Vorjahren, in denen im Schnitt 700 bis 800 Gewerkschafter auf der Straße waren. Dieses Mal waren es nach Polizeiangaben 450.

Öffentlicher Dienst — ein schönes Ergebnis für beide Seiten

Das Ergebnis gefällt beiden: Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der für die öffentlichen Arbeitgeber an den Tarifverhandlungen teilnimmt, und der Lüneburger ver.di-Chef Matthias Hoffmann sind mit dem Abschluss im öffentlichen Dienst zufrieden. Für die 2,1 Millionen Angestellten von Bund und Kommunen gibt es bekanntlich ein Lohnplus. Rückwirkend zum 1. März steigen ihre Monatsgehälter um drei Prozent, mindestens aber um 90 Euro. Im kommenden Jahr gibt es nochmals 2,4 Prozent mehr.

Hoffmann sieht ein gutes Ergebnis, vor allem, wenn man auf die niedrigere Inflationsrate schaue, hätten die Kollegen mehr im Portmonnaie. Dass sich Mitarbeiter nun in aus seiner Sicht geringem Umfang an ihrer Altersvorsorge beteiligen müssen, sei hinnehmbar: „Wir hatten Sorge, dass es hier zu Einschnitten kommt.“

Mädge wertet anders. Rechne man das Einfrieren der Sonderleistungen und die Beteiligung an der Altersvorsorge gegen, komme er auf eine Steigerung von etwa 1,7 Prozent. Das sei moderat. Besonders profitierten Erzieherinnen, die nach den langen Streiks im vergangenen Jahr nun zum zweiten Mal mehr Geld erhielten. Die Stadt koste das Tarifergebnis pro Jahr rund 800.000 Euro, in etwa die Summe, die man einkalkuliert habe. ca