Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Prof. Dr. Helmut de Rudder schreibt für die LZ aus Anlass der Gründung der Hochschule in Lüneburg vor 70 Jahren. Für Informationen über die Gründung der Pädagogischen Hochschule Lüneburg danke er Prof. (em.) Dr. Ingeborg Maschmann. Sie hat in der von ihm herausgegebenen Festschrift 40 Jahre Hochschule Lüneburg 1946  1986 den Beitrag Aus den Anfängen der Hochschule Lüneburg 1946  1950 verfasst und dafür in dem von ihr geleiteten Hochschularchiv recherchiert. Foto: A/t&w
Prof. Dr. Helmut de Rudder schreibt für die LZ aus Anlass der Gründung der Hochschule in Lüneburg vor 70 Jahren. Für Informationen über die Gründung der Pädagogischen Hochschule Lüneburg danke er Prof. (em.) Dr. Ingeborg Maschmann. Sie hat in der von ihm herausgegebenen Festschrift 40 Jahre Hochschule Lüneburg 1946 1986 den Beitrag Aus den Anfängen der Hochschule Lüneburg 1946 1950 verfasst und dafür in dem von ihr geleiteten Hochschularchiv recherchiert. Foto: A/t&w

Hochschule Lüneburg ist 70: Ehemaliger Rektor blickt zurück

Von Helmut de Rudder

Vor genau 70 Jahren, am 3. Mai 1946, wurde die Pädagogische Hochschule Lüneburg in einer festlichen Veranstaltung im Fürstensaal des Lüneburger Rathauses eröffnet. Das war der Beginn der Hochschulentwicklung in dieser Stadt inmitten der Wirren und der Not der Nachkriegszeit, gerade ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Stadt war von britischen Truppen besetzt, und sie quoll über von Flüchtlingen und Ausgebombten. Die Versorgungslage war katastrophal, die Wohnungsnot groß. Dies war eine denkbar schlechte Ausgangssituation für die Gründung einer Hochschule.
Bedarf und Nachfrage groß

Dabei ging es nicht nur um eine Hochschule, sondern um den Neubeginn der Volksschullehrerbildung auf dem Gebiet des späteren Landes Niedersachsen überhaupt. Die von den Nationalsozialisten ab 1934 in ihrem Sinne errichteten Lehrerbildungsanstalten (LBA) waren dafür kein geeigneter Ausgangspunkt. Vielmehr konnten die niedersächsischen Pädagogischen Hochschulen anknüpfen an die kurze Tradition der Pädagogischen Akademien in Preußen. Sie waren 1926 im Geiste der Reformpädagogik errichtet worden und lösten die alten Lehrerseminare ab. Der letzte preußische Kultusminister, Adolf Grimme, von den Nazis verfolgt, wurde nach 1945 der erste niedersächsische (zunächst Hannoversche) Kultusminister. Er tat sich im Herbst 1945 mit dem ehemaligen Direktor der Pädagogischen Akademie Frankfurt/Oder, Otto Haase, zusammen, um ein Konzept für die neu aufzubauende Lehrerbildung zu entwickeln. Zu ihnen stieß der britische Bildungsoffizier Major Atkin Davies und dann der Pädagoge Paul Merkel. Man einigte sich auf die Errichtung von sieben Pädagogischen Hochschulen auf dem Gebiet des späteren Landes Niedersachsen: Göttingen, Hannover, Braunschweig, Alfeld, Osnabrück, Oldenburg und Vechta. Lüneburg war noch nicht dabei. Es zeigte sich aber bald, dass Bedarf und Nachfrage viel größer sein würden, und so wurde Paul Merkel im Januar 1946 nach Lüneburg geschickt, um hier die Möglichkeiten für eine achte PH zu untersuchen auch ohne Genehmigung der Militärregierung. Es sollten in Lüneburg vor allem „verkürzte Kurse“ stattfinden für Bewerber, die schon vor 1945 an einer LBA oder als Schulhelfer eine Ausbildung begonnen hatten.

„Es gab kaum Bücher, noch keine Bibliothek. Der Neubeginn der akademischen Volksschullehrerbildung war anfangs ein System von Notbehelfen.“

Die Herausforderungen, vor denen Merkel stand, waren immens: Räumlichkeiten, Ausstattung, die Gewinnung von Dozenten, Schaffung von Unterbringungsmöglichkeiten, Aufnahmeprüfungen für Studenten (angesichts des Andrangs unerlässlich), Entnazifizierung der Bewerber und der Dozenten und so weiter.

Man brauchte einen Etat und ein Minimum an Regelungen. Das ging nur in Zusammenarbeit mit der Militärregierung, der Stadt, der Bezirksregierung und der Provinzialregierung. Das alles musste in wenigen Monaten geschehen, denn zum Sommersemester 1946 sollte die neue Hochschule, zunächst mit 150 Studenten, ihren Betrieb aufnehmen.

Die räumliche Unterbringung wurde durch die Militärregierung ermöglicht, sie ließ die Schule im Grimm räumen, in der bisher ehemalige Kriegsgefangene untergebracht waren. Dort standen auch Betten zur Verfügung und es gab eine Kücheneinrichtung.
Adolf Grimme und Otto Haase suchten nach Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien von vor 1933 und brachten sie nach Niedersachsen, etliche auch nach Lüneburg. So knüpften die neuen Pädagogischen Hochschulen bewusst an das Konzept und die Praktiken der preußischen Akademien an, wenngleich die Situation von 1926 nicht mit der von 1946 vergleichbar war.
Die gerade berufenen Dozenten mussten innerhalb von Wochen ein einigermaßen kohärentes Lehrangebot erarbeiten. Im März 1946 fanden bereits die ersten Aufnahmeprüfungen statt, an denen sich alle Dozenten beteiligten. Es gab kaum Bücher, noch keine Bibliothek. Otto Haase, der in Hannover für den Aufbau der Pädagogischen Hochschulen verantwortlich war, schlug den Dozenten vor, eine erste „Arbeitsbücherei“ für ihre Fächer zu erstellen, doch dafür brauchte man Papierzuteilungen. So war der Neubeginn der akademischen Volksschullehrerbildung anfangs ein System von Notbehelfen. Nach dem Ende des NS-Regimes war die Lehrerbildung eine wesentliche bildungspolitische Aufgabe, sowohl für das Land als auch an jedem der acht Standorte. Es herrschte eine Aufbruchstimmung, wenn man auch kaum vom oft besungenen „Zauber“ sprechen konnte, der dem Anfang „innewohne“. Das galt auch für die Studenten: zum großen Teil Kriegsheimkehrer, für die es darum ging, in möglichst kurzer Zeit eine Existenz aufzubauen, viele waren verheiratet, hatten Kinder, waren von der Schule weg Soldat geworden. Aber das Studium war mehr als nur Berufsvorbereitung, es öffnete auch den Zugang zu neuen Ideen, Inhalten und Denkweisen.
Brauchen Lehrer mit Biographie

Bereits im Oktober 1946 wurden erste Prüfungsanforderungen formuliert, doch es war noch ein weiter Weg bis zum Erlass der ersten „Prüfungsordnung für das Lehramt an Volksschulen im Lande Niedersachsen“ im April 1948. Eine feste innere und äußere Strukturierung des Studiums entwickelte sich faktisch erst, nachdem der Studienbetrieb bereits begonnen hatte. Im Grunde musste sich die Pädagogische Hochschule also im laufenden Betrieb selbst erfinden. Im Chaos der ersten Nachkriegszeit war das auch eine Chance, welche die erste Dozentengeneration in einem liberalen Geist beherzt ergriff. Dieser Geist hatte aber auch die niedersächsische Lehrerbildungspolitik in der Nachkriegszeit geprägt, die den Pädagogischen Hochschulen beträchtliche Freiräume eröffnete vielleicht ging es damals auch gar nicht anders.

Wenn heute der Eindruck entsteht, der Praxisbezug in der Lehrerbildung müsse neu erfunden werden, so zeigt bereits die frühe Pädagogische Hochschule Lüneburg, dass neben den Grundwissenschaften der Bezug zur Schulpraxis ein zen­trales Element des PH-Studiums war: Im sechssemestrigen Studium (ab 1953) fanden bereits im ersten Semester Hospitationen in Schulen statt. Dann folgte das Sozialpraktikum in einer sozialpädagogischen Einrichtung, gefolgt vom Stadtschulpraktikum und dem Landschulpraktikum. Schließlich ein Fachpraktikum im Wahlfach (Hauptfach). Die Praktika wurden in den Schulen von dafür ausgewählten Lehrern den Mentoren und von Dozenten der Hochschule betreut. Mit den Mentoren stand die Hochschule durch Mentorentagungen in Verbindung. Später kamen die Päda­gogischen Assistenten hinzu: Lehrer konnten für einige Jahre zur Mitwirkung in der Lehrerbildung an die Hochschule abgeordnet werden. Davon profitierten beide Seiten.
Ein weiteres Charakteristikum der heutigen Universität Lüneburg, das gern (und zu Recht) als eine Errungenschaft herausgestellt wird, soll in diesem historischen Rückblick zumindest erwähnt werden: die Zulassungsprüfung für Nicht­abiturienten. Die Pädagogische Hochschule Lüneburg hat seit ihrer Gründung 1946 und mehr als alle anderen niedersächsischen PH solche Zulassungsprüfungen in einem aufwändigen Verfahren in eigener Regie durchgeführt. (Hellmut Becker: „Wir brauchen Lehrer mit Biographie!“). Voraussetzung war eine abgeschlossene Berufsausbildung und Berufserfahrung. Die Nicht-Abiturienten waren immer ein belebendes Element nicht nur der Hochschule, sondern auch der Lehrerschaft.

Für die gegenwärtige Diskussion um die universitäre Lehrerbildung kann zum 70. Geburtstag der Pädagogischen Hochschule Lüneburg sicher festgehalten werden: Die Pädagogische Hochschule war ein Erfolgsmodell. Die weitere Entwicklung zur Universität Lüneburg ist in dieser Zeitung anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Universität 2014 schon einmal nachgezeichnet worden.

Der Autor

Helmut de Rudder war von 1985 bis 1989 Rektor der Hochschule Lüneburg. Der heutige Mittachtziger stellte die Weichen für die Gründung der Universität mit, richtete den Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit ein, danach Kulturwissenschaften. Die Universität übergab er 1989 an seinen Nachfolger Prof. Dr. Hartwig Donner.