Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Immer häufiger wird das Begleitpersonal in Zügen attackiert auch in der Region Lüneburg steigen gewalt und Agressivität. Foto: polizei
Immer häufiger wird das Begleitpersonal in Zügen attackiert auch in der Region Lüneburg steigen gewalt und Agressivität. Foto: polizei

Gewalt und Agression: Wenn der Zug zum Tatort wird

ca Lüneburg. Gewalt in Zügen ist Alltag, nicht nur wenn Hooligans und betrunkene Fußballfans auf Reisen gehen. Jüngst traf es einen Polizisten in Winsen. Eine Schaffnerin kontrollierte Fahrausweise, ein Schwarzfahrer hatte sich auf dem Klo eingeschlossen. Ein Polizist, der zufällig an Bord war, wollte der Mitarbeiterin helfen. Der blinde Passagier stürmte plötzlich an den Kontrolleuren vorbei, der Polizist stürzte und verletzte sich leicht, der Mann lief über die Gleise davon.

Gerade erst hat die Bahn ihren Sicherheitsbericht vorgelegt. Demnach gab es bundesweit im Jahr 2015 rund 1800 Übergriffe von Kunden auf das Personal, 300 mehr als ein Jahr zuvor. Allerdings sank insgesamt die Zahl der Straftaten wie Vandalismus und das Aufbrechen von Fahrkartenautomaten um drei Prozent auf 58200 Fälle.

Wie massiv Angriffe aus heiterem Himmel ausfallen können, hat ein Lüneburger Zugführer erlebt. Er ist in Schleswig-Holstein im Einsatz, seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Bei einer Fahrkartenkontrolle habe sich ein Passagier eingemischt. „Der hat mich als Nazi und Idioten beschimpft“, schildert der Mann. Als er die Polizei rief, sei der Fahrgast ausgerastet: „Er hat mich zu Boden geworfen, sich auf meinen Brustkorb gesetzt und mir ein Bein verdreht.“ Der Schaffner ist seit Wochen krankgeschrieben neben körperlichen Leiden hat der Mitarbeiter mit seelischen Problemen zu kämpfen.

Kein Einzelfall. „Die Verrohung der Gesellschaft, der Mangel an Respekt vor Uniformträgern nimmt dramatisch zu“, mahnt Bahn-Sicherheitschef Hans-Hilmar Rischke. Angriffe gegen die Mitarbeiter nähmen deutlich zu. Laut Rischke kommen Täter aus allen Bevölkerungsgruppen: „Wir hatten Jugendliche, die Zugbegleiter anspuckten, ein 70-jähriges Ehepaar, das den Kontrolleur aus dem Zug stieß.“ Eine Mutter sei einem Mitarbeiter mit dem Kinderwagen so heftig ans Schienbein gefahren, dass er stürzte und mit dem Kopf aufschlug. Ein Geschäftsmann schüttete dem Zugpersonal heißen Kaffee ins Gesicht.Für die Uelzener Metronom-Gesellschaft gibt Sprecher Björn Pamperin keine Zahlen heruas: „Das haben wir mit dem Betriebsrat abgesprochen, es hat interne Gründe.“ Generell sei aber zu beobachten, dass zwar die Zahl der Auseinandersetzung relativ konstant bleibe, aber die Vehemenz zunehme. Hätten die Beschäftigten in der Vergangenheit vor allem mit Beleidigungen zu kämpfen gehabt, komme es inzwischen vermehrt zu körperlichen Angriffen. Immer wieder nehmen Opfer solcher Taten psychologische Hilfe in Anspruch.

Erst Anfang April meldete die Bundespolizei eine Attacke aus Bad Bevensen. Da hatte ein ertappter Fahrgast Metronom-Personal angespuckt. Als der 29-Jährige ausgestiegen war, riss er einen Gullydeckel aus dem Bahnsteig und warf ihn auf die Kollegen der Bahn. Die konnten sich schützen, in dem sie geistesgegenwärtig eine Zugtür schlossen. Der aggressive Beschuldigte ist der Polizei bestens bekannt wegen Körperverletzungsdeliken.

Der Sprecher der Bundespolizei in Bremen, Holger Jureczko, geht davon aus, dass gar nicht alle Zwischenfälle angezeigt werden. Beleidigungen oder andere eher geringer dramatische Fälle verbuchten viele Zugbegleiter vermutlich unter Kleinkram. „Beleidigungen sind oft rechtlich schwer zu fassen“, sagt der Beamte. Vor allem betroffen von Übergriffen sind Nahverkehrszüge, im ICE komme es selten zu verbalen und körperlichen Entgleisungen.

Der Lüneburger Zugbegleiter sieht eine Ursache für die zunehmende Aggression im System begründet: Verspätungen, Gedränge in übervollen Waggons und Mängel würden den Mitarbeitern angelastet: „Wir baden das aus.“