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Eine sechsköpfige Familie, die funktioniert: Milan, Mutter Bettina und Colin (vorne), Silas, Bennet und Jorid Zander (hinten). Foto: t&w
Eine sechsköpfige Familie, die funktioniert: Milan, Mutter Bettina und Colin (vorne), Silas, Bennet und Jorid Zander (hinten). Foto: t&w

Rollentausch zum Muttertag

ap Adendorf. Bettina Zander ist Mutter mit Leib und Seele. Sie ist stolz auf ihre fünf Kinder, die sie allein erzieht. Ihren Beruf hat sie dafür aufgegeben. „Ich werde oft in eine Schublade gesteckt, wenn ich erzähle, dass ich ausschließlich Mutter bin“, erklärt die 50-Jährige, die glaubt, stets gegen das Vorurteil, eine unterbemittelte Familie zu sein, ankämpfen zu müssen. „Meine Kinder sind alle gewünscht und gewollt.“

Für Bettina Zander ist die Begleitung ihrer Kinder bis ins Erwachsenenalter eine Lebensaufgabe. „Mutter-Sein beschäftigt den Kopf, bedeutet viel Arbeit, fängt um sieben Uhr morgens an und endet mit dem ins Bett gehen.“ Auf den heutigen Tag, der allein der Mutter gehört, freut sich die Adendorferin jedes Jahr. „Die Kinder realisieren am Muttertag, was ich eigentlich den ganzen Tag für sie mache“, erklärt sie. Der Tag bedeutet im Hause Zander einen Rollentausch. Schon morgens, wenn die Kinder das Frühstück machen. In den vergangenen Jahren gab es auch stets Geschenke, die von Herzen kamen: Selbstgebastelte Gutscheine, Bilder und Schokolade. „Und ihr müsst alles machen, was ich mir wünsche“, sagt sie zu einem ihrer Jüngsten. Colin, der noch einen Zwillingsbruder namens Milan hat, ist am Muttertag immer besonders kreativ. „In der Schule werden wir immer daran erinnert, aber ich mache noch etwas Eigenes zu Hause“, erzählt der Zehnjährige. „Es sollte aber auch einen Kindertag geben“, wünscht er sich, dann würde er nämlich gern in den Heide Park fahren. „Und die Eltern bezahlen.“

Neben Milan hat Colin noch drei Geschwister: Sein Bruder Silas ist zwölf, Jorid als einziges Mädchen ist 14 und Bennet ist 17 Jahre alt. Zu den fünf Kindern gehören zwei Väter, die sie auch alle zwei Wochen sehen. Bettina Zander hat einen neuen Mann in ihrem Leben, lebt also auch ein wenig Patchwork. „Aber die Strukturen mit fünf Kindern sind eng vorgegeben, ein Neuanfang ist also schwierig.“ Mit den Vätern der Kinder habe sie Glück, beide zahlen Unterhalt, finanziell komme die Familie gut zurecht. „Das Problem, dass ich nicht weiß, wie ich die nächste Kleidung bezahlen soll, habe ich zum Glück nicht.“

Manchmal gehen sich die Geschwister Zander zwar auf die Nerven, doch die meiste Zeit sind sie froh, einander zu haben. Foto: t&w
Manchmal gehen sich die Geschwister Zander zwar auf die Nerven, doch die meiste Zeit sind sie froh, einander zu haben. Foto: t&w

Früher arbeitete sie als Vermessungstechnikerin, eröffnete später einen Teeladen in Lüneburg. Seit Jorid auf der Welt ist, ist sie eine „überzeugte Zuhause-Mutter“. Mit fünf Kindern im Haushalt werde es nie langweilig. Viele Aufgaben könne sie mittlerweile auch delegieren, beispielsweise die Versorgung der Katze, das Ausführen der beiden Hunde, den Müll und den täglich wechselnden Tischdienst.

Ein typischer Tag im Hause Zander beginnt morgens um 6.15 Uhr, wenn die Tochter das Bad besetzt. Um 7 Uhr steht Bettina Zander auf, da sie morgens zumindest für die Zwillinge noch alles zurechtlegt. „Der Rest der Familie versorgt sich morgens schon selbst.“ Bald kommen Milan und Colin auf die weiterführende Schule, „dann kann ich morgens ausschlafen.“ Bis zum Mittagessen, das auch unter dem Motto Selbstversorgung steht, hat sie neben Einkäufen und Haushaltsaufgaben Zeit für sich. Die nutzt sie beispielsweise zum Reiten, denn neben fünf Kindern, zwei Hunden und einer Katze gehört auch ein Pferd zur Familie Zander. Qualitätszeit mit den Kindern habe sie vor allem in den Abendstunden, denn nachmittags steht bei allen Handballtraining auf dem Programm. Acht Trainingszeiten in der Woche und fünf Spielpläne am Wochenende müssen unter einen Hut gebracht werden.

Die Abendstunden gehören dafür aber meist ganz der Familie, dann wird gemeinsam gegessen. „Die Chance, dass alle da sind, ist dann höher. Ich finde es wichtig, abends darüber zu sprechen, was der Tag so gebracht hat“, erzählt die Mutter, die die Zeit mit ihren Kindern genießen kann. „Wir wachsen langsam zu einer richtigen Wohngemeinschaft zusammen, ich habe zwar noch die Bestimmer-Mütze auf, aber die Kinder dürfen immer mehr mitentscheiden.“

Dem anstehenden Auszug ihres ältesten Sohnes in einem Jahr steht sie jedoch schon wehmütig gegenüber, „da bricht auseinander, was über viele Jahre gewachsen ist“. Bennet habe sich als Ältester zu einer richtigen Respektsperson entwickelt — „was er sagt, zählt“. Er sei schon früh immer mal in die Rolle des Vaters geschlüpft, habe Aufgaben übernommen, die andere Gleichaltrige nicht wahrnehmen mussten.

Ein Leben ohne Mann hat sich die begeisterte Mutter nie gewünscht, auch für sie ist „Plan A“ der schönere. „Aber der Plan B ist nicht der schlechteste, das Zusammenleben funktioniert ja“, findet Bettina Zander. So habe sie jedes zweite Wochenende frei, „das können die wenigsten Eltern von sich behaupten“.

Wie der Muttertag entstand
Als Begründerin des Muttertages gilt Methodistin Anna Marie Jarvis, die in den Vereinigten Staaten am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, ein „Memorial Mothers Day Meeting“ veranstaltete. Kurz darauf rief sie eine Initiative zur Einführung eines offiziellen Feiertags zu Ehren der Mütter ins Leben, bereits zwei Jahre später wurde der Tag in 45 Staaten der USA gefeiert. 1914 wurde der Muttertag zum ersten Mal als nationaler Feiertag begangen. Nach und nach verbreitete sich der Festtag in Europa, 1923 erreichte er Deutschland. Der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber griff den Tag zu kommerziellen Zwecken auf. Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurde der Muttertag zweckentfremdet, deshalb haben bis heute manche Probleme mit dem Tag. Besonders kinderreiche Mütter wurden ab dem Jahr 1933 geehrt, der Muttertag wurde sogar zum öffentlichen Feiertag erklärt. 1939 wurde zudem das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter verliehen.