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Der begehrte Studentenausweis sichert viele finanzielle Vorteile. Das nutzt manch einer aus, der nur sparen, aber gar nicht wirklich studieren will. Foto: t&w
Der begehrte Studentenausweis sichert viele finanzielle Vorteile. Das nutzt manch einer aus, der nur sparen, aber gar nicht wirklich studieren will. Foto: t&w

Der Phantomstudent: Vergünstigungen statt Studium

ap/dpa Lüneburg. Als eingeschriebene Studenten profitieren sie bei Krankenkassen, Eintrittspreisen, Verkehrstickets. Und das ist ihre eigentliche Motivationen, einen Abschluss streben sie gar nicht an. „Phantomstudenten“ gibt es an jeder Universität auch in Lüneburg. Die Chancen, sie zu belangen, sind jedoch gering.

„Ich habe angefangen zu studieren, allerdings nicht mit der Priorität, auch einen Abschluss zu machen“, erzählt ein Student der Leuphana, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Ich dachte, Bildung könnte nicht schaden.“ Mittlerweile ist der 24-Jährige im zehnten Semester, hat viele Kurse belegt, aber die wenigsten abgeschlossen. Er sei erst so richtig zu einer Art Phantomstudent geworden, weil er mit dem Prüfungsdruck nicht klarkam. „Ich muss mir eingestehen, dass Studieren nichts für mich ist“, sagt er einsichtig. Das Semesterticket, das Fahrten nach Hamburg und Strecken in ganz Niedersachsen beinhaltet, sei eben praktisch, zum Oktober wolle er sich jetzt aber dennoch exmatrikulieren.

Der Großteil der Scheinstudenten hat bereits ein abgeschlossenes Studium, muss einen Zeitraum überbrücken oder will auf finanzielle Erleichterungen nicht verzichten. Denn wer studiert, zahlt nicht nur weniger für Bus und Bahn, er hat bis zum 25. Lebensjahr Anspruch auf Kindergeld, zahlt weniger Krankenkassenbeitrag und kann oft gebührenfrei ein Bankkonto eröffnen. Manche Unternehmen schreiben gar einen Großteil ihrer Praktikumsplätze für Studenten aus.
Diese Vorteile lockten auch eine ehemalige Masterstudentin der Leuphana, die mehrere Monate bis zum Antritt ihres Referendariats in Hamburg überbrücken musste. „Mit einem Studentenstatus ist der Krankenkassenbeitrag deutlich günstiger, das lohnt sich auf jeden Fall“, erzählt die 25-Jährige, die sich in Hamburg für den zulassungsfreien Studiengang Sozialökonomie einschrieb. „Neben dem Semesterticket was insgesamt deutlich günstiger ist, als täglich eine Karte für 6,30 Euro zu lösen habe ich vergünstigten Eintritt in Kinos, Theater und Museen erhalten.“

Die angehende Lehrerin hat noch ein Schlupfloch entdeckt, auch wenn sie es selbst nie genutzt habe: Scheinstudenten können bis zum fünften Fachsemester BAföG beziehen. „Erst nach dem vierten Semester fordert das Amt einen Bericht über die gesammelten Punkte.“ Dem muss eine Sprecherin des BAföG-Amtes zustimmen: „Im Gesetz ist zwar gefordert, dass man regelmäßig an Veranstaltungen teilnimmt, aber das muss man erstmal herausbekommen, um es zur Anzeige bringen zu können“, sagt sie der LZ. Wer einen Antrag auf Förderung stellt, müsse eine Immatrikulationsbescheinigung einreichen, ein Leistungsnachweis werde in der Tat erst zum fünften Semester gefordert. Theoretisch sei es möglich, zwei Jahre BAföG zu beziehen, ohne ernsthaft zu studieren.Der Höchstsatz der staatlichen Unterstützung liegt immerhin bei 670 Euro monatlich.

Für all das müssen Studenten lediglich einen Semesterbeitrag bezahlen, der je nach Uni unterschiedlich hoch ist, an der Leuphana liegt er bei gut 330 Euro. „Nach der Abschaffung der Studiengebühren kann sich so etwas schon lohnen“, sagt Carsten Sievers, Sprecher der Krankenkasse AOK in Niedersachsen. Das Problem „Scheinstudent“ sei bekannt, welchen finanziellen Schaden sie bei der Krankenkasse anrichten und um wie viele Studenten es dabei gehe, sei aber unklar. „Wir können das nicht beziffern.“
Auch die Leuphana hat zu Phantomstudenten keine Zahlen vorliegen. „Da unsere Bachelor-Studienangebote zulassungsbeschränkt sind, ist gerade an unserer Universität die Wahrscheinlichkeit gering, dass jemand das Bewerbungsverfahren durchläuft, um dann nicht zu studieren“, glaubt Pressesprecher Henning Zühlsdorff. „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass die bei uns eingeschriebenen Studenten auch tatsächlich ein Studium absolvieren.“

Doch dass Scheinstudenten an Hochschulen in Niedersachsen und Bremen ein Problem sind, darauf lassen Zahlen aus dem Jahr 2014 schließen: Rund ein Drittel der Studenten belegte im Bachelorstudiengang im ersten Semester keine Kurse. Im Sommersemester waren die Zahlen sogar noch deutlicher: Gerade einmal 29 Prozent der neu Immatrikulierten nahmen an Lehrveranstaltungen teil. Die Zahlen stammen von der Konferenz der Fachbereiche Physik, sie hat die von ihr benannten „Parkstudenten“ im Fach Physik an deutschen Hochschulen erfasst.

Besonders zulassungsfreie Fächer ziehen jene Studenten an, die niemals einen Abschluss machen werden. „Wenn eine größere Gruppe so agiert, kann dies durchaus eine Herausforderung für die Hochschulstatistik und daraus abgeleitete Kennzahlen darstellen“, erklärt Dr. Margit Kautenburger, Pressesprecherin beim niedersächsischen Wissenschaftsministerium, und nennt Beispiele wie Studiendauer, Auslastungsdaten, Schwundbilanzen und Abbrecherquoten. In Niedersachsen sei man aber die Finanzierung betreffend in gewissem Maße abgesichert: „Die Hochschulen erhalten eine Finanzierung für bereitgestellte Studienanfängerplätze, nicht für eingeschriebene Studenten. Insofern haben die rein quantitativen Zahlen der Studenten keine unmittelbare Auswirkung auf die Finanzierung.“

Gegen die Scheinstudenten vorzugehen, ist schwierig. Weil das Problem bislang nicht als solches definiert ist und weil es sich um eine fast unsichtbare Gruppe handelt. „Die Hochschulen können nicht verhindern, dass jemand sich eine Zeit lang zum Schein imma­trikuliert“, sagt Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. „Es wird sich ja niemand wünschen, dass die Studenten inquisitorisch verfolgt werden.“