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Vertrieben ohne Rücksicht auf Verluste: die Zauneidechse. Foto: nh
Vertrieben ohne Rücksicht auf Verluste: die Zauneidechse. Foto: nh

Ilmenaugarten: Keine Chance für die Zauneidechse

us Lüneburg. In Lüneburg wird gern zum Spaten gegriffen. Ob Museumsneubau, Schulerweiterungen oder Wohnungsbauprogramme Grundsteinlegungen sind bei Investoren wie Politikern gleichermaßen beliebt, bezeugen sie doch Tatkraft und Engagement. Dass andere Geschöpfe dabei schon mal das Nachsehen haben, wird offenbar billigend in Kauf genommen, wie jetzt am Beispiel des Neubaugebiets Ilmenaugarten deutlich wurde. Ausgerechnet die Untere Naturschutzbehörde hat dort die streng geschützte Zauneidechse einfach ihrem Schicksal überlassen.
„Nach eingehender Prüfung unter Berücksichtigung aller Umstände scheint die Erteilung der Ausnahmegenehmigung verhältnismäßig, so dass sie zu erteilen ist, da mit den festgesetzten Maßnahmen … sich der Erhaltungszustand dieser lokalen Population nicht verschlechtert“, heißt es in der Genehmigung der beim Landkreis Lüneburg angesiedelten Unteren Naturschutzbehörde vom 19. November 2014. Wie berichtet, hatte sie dem Antrag der Stadt Lüneburg vom 11. November für einen Bebauungsplan für das Gelände An der Wittenberger Bahn zugestimmt, wohl wissend, dass dort sowohl die Zauneidechse als auch die Blauflügelige Ödlandschrecke, beides streng geschützte Tierarten, ihr Zuhause hatten.

Doch nicht nur die trotz „eingehender Prüfung“ zügige Bearbeitung durch die Behörde überrascht sie brauchte nicht mehr als vier Arbeitstage , auch die Tatsache, dass es offenbar ausreichte, lediglich ein Konzept zur Gestaltung eines Ersatzlebensraums für die Zauneidechse vorzulegen, macht stutzig. Denn ob und wie die streng geschützten Tiere die erst nach Beginn der Bauarbeiten für sie angelegten vorgezogenen Ausgleichsflächen, im Fachjargon CEF-Maßnahmen genannt, erreichen, interessierte offenbar nicht.
Die Erklärung der Behörde dazu: „Die Zauneidechsen-Population an der Wittenberger Bahn hat sich durch die Gleisbaumaßnahme verringert, ein Teil der dort ursprünglich vorkommenden Tiere war zum Durchführungszeitpunkt der CEF-Maßnahme bereits abgewandert.“ Mit anderen Worten: Da ohnehin schon Arbeiten stattfanden, hat man sich um möglicherweise dort noch verbliebene Tiere erst gar nicht mehr gekümmert. Die UNB weiter: „Deshalb wurde in der CEF-Maßnahme weniger von einer Abwanderung der Tiere von einem Lebensraum zum nächsten ausgegangen, sondern ein neuer Lebensraum geschaffen für Tiere, die vor Ort ansonsten keinen geeigneten Lebensraum finden und über kurz oder lang sterben würden.“

Das aber widerspricht nicht nur den Regelungen des Bundesnaturschutzgesetzes, auch die UNB selbst widerspricht sich, indem sie in ihrer Ausnahmegenehmigung einerseits festhält, dass sich mit den Ausgleichsmaßnahmen der „Erhaltungszustand der lokalen Population nicht verschlechtert“, sie sich andererseits aber nicht einmal die Mühe macht, den Rest-Bestand der lokalen Population überhaupt festzustellen.

Kritik kommt daher vom Nabu. Zwar begrüßt er grundsätzlich die Schaffung von Ersatzlebensräumen, im Kontext des Bebauungsplans an der Wittenberger Bahn sei das aber „nicht zielführend“ gewesen, wie Nabu-Mitglied Inge Niederhausen sagt. „CEF-Maßnahmen setzen voraus, dass keine zeitliche Lücke zwischen dem Verlust des alten Lebensraums und der vollen Funktionalität des neuen Lebensraums entsteht und dass die vom Verlust betroffenen Individuen die neue Lebensstätte annehmen. Das war hier nicht der Fall, wenn für eine andere als die Zauneidechsenpopulation an der Wittenberger Bahn ein Ersatzlebensraum geschaffen wurde.“ Der enge Rahmen des Artenschutzrechts sei in diesem Fall „eindeutig überzogen“ worden. „Bei künftigen Planungsverfahren müssen die artenschutzrechtlichen Vorschriften konsequent beachtet und angewandt werden“, fordert sie.

Dem schließen sich Lüneburgs Grüne an. Zwar hatte auch deren Fraktion dem Bebauungsplan in der Ratssitzung am 15. November 2012 zugestimmt, sich aber darauf verlassen, „dass die Verwaltung uns über das Verhalten der Zauneidechse fachlich richtig informiert hat“, wie Ulrich Löb, Ratsmitglied und Mitglied des Bauausschusses, mit Bezug auf die Ausschusssitzung vom 8. Dezember 2014 erklärt. Der Hinweis seines Fraktionskollegen Andreas Meihsies, wonach man auf das Vorhandensein der Zauneidechse „vor Anrollen des ersten Baggers“ hätte reagieren müssen, sei in der Sitzung von Stadtbaurätin Heike Gundermann mit der Bemerkung „abgekanzelt“ worden: Es sei müßig, über die Aussagen der Verbände, wonach man anschließend anders hätte reagieren können, neuerlich zu diskutieren.

„Da muss sich etwas ändern, bevor die Staatsanwaltschaft ermittelt“, findet Ulrich Blanck, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat. Auch die „Aufwertungslogik“, wonach bereits bestehende Grünflächen als Ausgleichsfläche noch ein bisschen grüner werden, um im Gegenzug andere Grünflächen für Wohn- oder Gewerbeansiedlungen zu opfern, „geht so nicht weiter“, sagt Blanck auch mit Blick auf die Diskussion um die Flächen An den Sandbergen. Er kündigt an: „Diese Politik werden wir künftig nicht mehr mitmachen.“

2 Kommentare

  1. Tja, Geld regiert die Welt.
    Das war, ist und wird immer so bleiben.
    Wie war das Sprichwort der Indianer nochmal, das man Geld nicht essen kann.
    Einfach nur erbärmlich von den Stadtoberen, da sieht man mal wieder wo die Prioritäten wirklich liegen.
    Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein – geschenkt!

  2. Großartig , dass die LZ eine Lanze für die Zauneidechse bricht!! Aber man kann Erastothenes wohl nur beipflichten: so lange der lapidare Hinweis auf Arbeitsplätze und „Wachstum und Beschäftigung“ ausreicht, um in Lüneburg Bau-und Beton-Aktionen zu rechtfertigen, haben Artenvielfalt und Naturschutz keine Chance.
    Wir werden gerade Zeugen einer sehr „nachhaltigen“ Entwicklung : eine schleichende, nicht mehr rückgängig zu machende Vernichtung natürlicher Lebensräume und eine erschreckende Dezimierung der Artenvielfalt. In der Stadt Lüneburg, wo immer mehr Flächen mit Beton versiegelt werden – vor allem aber im Umland/ auf dem Land: hier werden durch Monokulturen, massiven Gifteinsatz und die Beseitigung der letzten Büsche und Feld-Hecken wichtige Lebensäume z.B. von Vögeln und Insekten, zerstört. Und was sich im Kleinen bemerkbar macht, offenbart sich leider auch im größeren Maßstab (Stichworte: TTIP, Fracking, Glyphosat, Gentechnik…)
    Leider haben unsere innovativen, EU-subventionierten „Agrartechniker“ von heute, ebenso wie viele unserer Städteplaner und „Interessenvertreter“ in Politik und Wirtschaft das „Maß des Natürlichen“ komplett aus dem Auge verloren. Dass man damit nicht einverstanden sein kann , hat übrigens nichts mit „Hippie-Nostalgie“ zu tun. Was wir tun können? Wer einen Garten hat: diesen so gestalten, dass sich dort eine Zaun-Eidechse wohlfühlen könnte! Das geht, z.B. wenn man im Herbst einfach mal das Laub liegen lässt und sich vom Ideal-Bild des „englischen Rasens“ verabschiedet. Und wer einer städtischen Behörde oder gar einem mittelständischen Gartenfachbetrieb vorsteht: vielleicht einfach mal auf das Anpflanzen ökologisch ziemlich wertloser Thuja- und Kirschlorbeerhecken verzichten, ebenso wie auf den den nächsten Kahlschlag im Gehölz & den Laub-Blaser-Einsatz im Herbst? Ein kleiner Schritt für uns … ein großer für die Zukunft der Zauneidechse…