Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Der Hubschrauber, der gestern und vorgestern im Landkreis Lüneburg im Eichenprozessionsspinnereinsatz war, im Landeanflug auf Boltersen, wo er neues Sprühmittel tanken wird. Im Hintergrund der Einsatzleitwagen der Feuerwehr. Foto: be
Der Hubschrauber, der gestern und vorgestern im Landkreis Lüneburg im Eichenprozessionsspinnereinsatz war, im Landeanflug auf Boltersen, wo er neues Sprühmittel tanken wird. Im Hintergrund der Einsatzleitwagen der Feuerwehr. Foto: be

Gift gegen Eichenprozessionsspinner

pet Lüneburg. Über Wartezeiten wunderte oder ärgerte sich am Mittwoch und gestern so mancher Verkehrsteilnehmer auf den Straßen im Landkreis Lüneburg doch das Warten hatte einen guten Grund: An beiden Tagen war in der Region der Hubschrauber unterwegs, der aus der Luft die alljährliche Sprühaktion gegen den Eichenprozessionsspinner, wissenschaftlich „Thaumetopoea processionea“, unternimmt.

Am Mittwoch überflog der vom Landkreis gecharterte Hubschrauber die Bereiche Dahlenburg, Amt Neuhaus und Teile von Bleckede, gestern waren die Samtgemeinden Bardowick, Scharnebeck, Gellersen, Ilmenau, Adendorf und Ostheide an der Reihe. Konstantes Wetter an beiden Tagen sorgte dafür, dass die Aktion wie geplant gestern Nachmittag beendet werden konnte.

Nachdem in den Vorjahren ein Landkreismitarbeiter die Koordination des Einsatzes durchgeführt hatte, war in diesem Jahr zum ersten Mal Lars Söding aus Brietlingen, bei der Feuerwehr unter anderem Kommunikationsgruppenleiter der Samtgemeindefeuerwehr Scharnebeck, für die Koordination der jeweils kurzzeitigen Sperrungen der überflogenen Straßen verantwortlich.

„Die Vorarbeit für den Einsatz ist das aufwändigste gewesen“, erzählte Söding passend zur Flugroute des Hubschraubers hatte er die jeweils nötigen Straßensperrungen, vor Ort vorgenommen von Feuerwehrleuten oder Verwaltungsmitarbeitern, geplant.

Vom Einsatzleitwagen auf dem Landeplatz in Harmstorf koordinierte Söding die Maßnahmen am Mittwoch, gestern operierte der Hubschrauber von Boltersen aus, nahm dort die Mischung aus dem Fraßgift „Dimilin 80 WG“ und Wasser auf. Aus dem 650-Liter-Tank wurde das Mittel auf die außerorts an Straßen und Wegen stehenden Bäume gesprüht, die bereits von Raupen befallen sind.

Innerorts werden vom Eichenprozessionsspinner, der zur Ordnung der Schmetterlinge gehört, befallene Bäume noch bis Anfang Juni vom Boden aus besprüht. Die Bekämpfung vom Boden aus hat Anfang der Woche in Amt Neuhaus begonnen. Ab 17. Mai  folgt der Einsatz in Bleckede, danach in der Samtgemeinde Dahlenburg, der Hansestadt Lüneburg sowie in den Samtgemeinden Ostheide, Scharnebeck, Bardowick und Gellersen. Der letzte Termin ist für den 6. Juni in der Samtgemeinde Ilmenau geplant. Alle konkreten Termine und aktuellen Informationen werden im Internet unter www.landkreis-lueneburg.de bekanntgegeben.

Wer Fragen zur Besprühungsaktion hat oder befallene Bäume melden möchte, meldet sich beim örtlichen Ordnungsamt im Rathaus. Bei medizinischen Fragen berät das Gesundheitsamt des Landkreises Bürger und Ärzte unter Tel.: 04131/261500 oder per E-Mail an gesundheitsamt@landkreis.lueneburg.de.

4 Kommentare

  1. Es ist schon bezeichnend, wie unkritisch der Einsatz von Breitbandgiften wie „Dimilin“ inzwischen gesehen und allgemein als „alternativlos“ hingenommen wird. Naturschutzverbände sind offensichtlich mal wieder „letzte Mahner und einsame Rufer“ in der Wüste. Dabei ist Aufklärung über die Gefahren dieser Gifte und Sprühaktionen wichtig und sollte m. E. von Journalisten auch nicht einfach dem zuständigen Ordnungsamt überlassen werden. Was sagen eigentlich NABU und BUND Lüneburg zu diesem Gift-Einsatz?

    Der Naturschutzbund Berlin Brandenburg e.V. hat unter dem Titel „Pflanzenschutzmittel im Wald – wo bleibt der Artenschutz? schon vor Jahren (23.05.2013) einen guten Beitrag zu „Dimilin“ veröffentlicht. Er macht deutlich, wo das Problem liegt. „Dimilin“-Sprühaktionen wie die in dem Artikel beschriebenen kurieren nur kurzfristig Symptome, sie vernichten aber ebenso die natürlichen Feinde der Eichenprozesssionsspinner, haben verheerende Auswirkungen für andere Insekten wie z. B. Schmetterlinge, sie gefährden unsere Gesundheit und belasten das Grundwasser! Soll das eine dauerhafte, „nachhaltige“ und naturgerechte Lösung sein?
    Höchste Zeit für „ganzheitliches Denken“: Eichenprozessionsspinner sind ein Warnsignal, dass in unserer Natur etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
    Hier ein Auszug aus dem o.g. Text des NABU Berlin Brandenburg:
    „(…) Besonders gravierend ist der Einsatz von Dimilin und Karate für die Biodiversität. Gerade die Eiche ist die Baumart mit dem höchsten natürlichen Insektenreichtum aller Waldbäume. Auf keiner anderen heimischen Baum-oder Pflanzenart leben mehr Insektenarten als auf der Eiche. Aus den bekannten Insektengruppen leben allein etwa 400 Schmetterlingsarten, mehr als 50 Bockkäferarten sowie etwa zehn Borken- und Kernkäferarten direkt beziehungsweise indirekt an und von der Eiche. Dazu kommen noch viele Arten von Zweiflüglern und Hautflüglern. Bei Dimilin handelt es sich um einen hochwirksamen Häutungshemmer, ein Fraßgift, das den Chitinstoffwechsel von Insekten enzymatisch beeinflusst. Dadurch wird die Häutung verhindert, es kommt zum Absterben der Raupen und der Puppen. Das Gift kann schon im Ei-stadium tödlich wirken. Dimilin ist ein Breitbandmittel, es wirkt also nicht nur selektiv auf zum Beispiel den Schwammspinner oder Eichenprozessionsspinner, sondern auf viele Insektenarten, auch auf natürliche Gegenspieler (Parasiten) des Eichenprozessionsspinner aus der Gruppe der Schlupfwespen, die sich im Larvenstadium in dem Eichenprozessionsspinner befinden. Bei Untersuchungen wurden auch Auswirkungen auf den Bruterfolg von Singvögeln festgestellt (fast vollständiger Ausfall der Zweitbruten von Kohlmeisen, da diese nicht mehr ausreichend Raupen für die Aufzucht einer zweiten Brut vorfinden). Außerdem belegen Untersuchungen von Vogelbruten in Nistkästen, dass in begifteten Waldgebieten die Zweitbruten vollständig ausgefallen und durch Nahrungsmangel verhungert sind. Auch bei dem Fraß- und Kontaktgift Karate ist größte Vorsicht geboten. Eine dänische Forschergruppe hat erst kürzlich nach einer einmaligen Aussprühung in ein Gewässer negative Auswirkungen bei Fischnährtieren, Mikroalgen und mikrobiellen Zersetzungsprozessen gefunden. Aufgrund dieser Gefährlichkeit ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben, 40 Meter Abstand zu Gewässern zu halten. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wie dies bei einem großflächigen Einsatz über Forstgebieten wohl realisiert werden soll. Bei dem jetzigen Vorgehen bleibt zu befürchten, dass Gewässer erheblich beeinträchtig werden (…)“

  2. Sehr geehrte Barbara, wie leider sehr oft wird alles in einen Topf geworfen und umgedreht. Danach sucht sich jeder raus was er will. Zum ersten halte ich es auch bedenklich, das Dimilin für die Bekämpfung von Eichenprozessionssspinnern eingesetzt wird. Geht aber auch nur noch dieses Jahr, denn die Zulassung läuft aus.
    In Brandenburg wird zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners das biologische Mittel Dippel ES angewendet. Das haben manche vom NABU bis heute noch nicht gemerkt und suchen sich zur Agumentation raus was sie wollen. Alle drei in ihrem Beitrag genannten Mittel dürfen nicht an Gewässern angewendet werden. Wie wird das wohl in Waldgebieten angewendet? Bevor ein Hubschrauber zum Einsatz kommt werden die notwendigen Bekämpfungsflächen lokalisiert und Befliegungsshapes erstellt. Für jede Fläche sind umfangreiche Zustimmungen von Behörden notwendig. Bei der Befliegung werden die behandelten Flächen im Hubschrauber aufgezeichnet und ein Vergleich ist jederzeit möglich bzw. wird auch getan. Danach erfolgt auch die Abrechnung der Kosten. Das Mittel Dipel ES enthält den Wirkstoff Bacillius thuringiensis welches übrigens auch natürlich im Boden vorhanden ist (erstmalig in Thüringen entdeckt) baut sich nach ca. 7 Tagen ab. In dieser Zeit können keine 400 Arten geschädgt werden, wenn man sich die Lebensweise dieser Arten anschaut. Das Mittel wirkt auch nur bei Schmetterlingsraupen. Wie weiter möchte ich nicht ins Detail gehen. Im Rahmen der Bekämpfung des EPS 2013 in Potsdam, stellten Wissenschaftler der UNI Potsdam fest, dass der Einfluss des Wetters auf den Bruterfolg viel höher ist als der einmalige Einsatz von Dipel ES. Nach mehrmaligem Kahlfrass der Eichen können diese absterben. Dann fehzlt den Insekten die Lebensgrundlage. Das absterben der Eichen wird vom NABU Brandenburg in Abrede gestellt. Leider entwickeln sich auch die Gegenspieler nicht in ausreichender Zahl. In Brandenburg werden in diesem Jahr ca. 400 ha bekämpft. Vielleicht denken Sie auch einmal an die betrofffenen Menschen, die sich mit den gesundheitlichen Folgen des EPS herumschlagen müssen. bei diesen Menschen lässt sich der NABU nicht sehen! Damit möchte ich es belassen.

    • Mark Rössler

      Bei Dippel sollten die gesundheitlichen Gefahren beachtet werden und vor allem, dass dieser Wirkstoff wesentlich problematischer ist was Nicht-Ziel-Arten betrifft.
      Leider verschweigen das NGOs und Bioverbände gerne.

  3. Lieber Peter, vielen Dank für Ihre Antwort mit den interessanten Informationen! Genau danach hatte ich gefragt und dies wollte ich mit meinem Kommentar anregen: das man Risiken und Nutzen abwägt, Sachinformationen veröffentlicht – und, last not least auch noch eine langfristige Strategie im Auge behält (Mischwälder pflanzen und schützen, Artenvielfalt stärken etc…).
    Natürlich sehe ich auch die Menschen, die durch den Eichenprzessionsspinner geschädigt werden und möchte dass diese geschützt werden!! Grundsätzlich wird mir aber wohl jeder zustimmen, dass dafür nur Mittel geeignet sind, die die Gefahren langfristig nicht noch verschlimmern und die nicht selbst gesundheitsschädigend wirken. Umso interessanter und wichtiger finde ich Ihren Hinweis auf den – anscheinend ja gravierenden – Unterschied zwischen den beiden Bekämpfungsmitteln „Dilimin“ (das, wenn ich Sie richtig verstehe, wegen seiner Risiken bald nicht mehr zugelassen ist) und „Dippel ES“ (das im Vergleich offensichtlich umweltverträglicher ist).
    Nochmals vielen Dank für die Informationen und viele, ebenso menschen- wie naturverbundene, Grüße!