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Hendrik Harwege bewirtschaftet in Ahndorf bei Dahlenburg einen Bio-Gemüsebaubetrieb. Noch fühlt er sich gut aufgestellt, doch er fürchtet im großen Geschäft der Bio-Industrie auf der Strecke zu bleiben. Foto: phs
Hendrik Harwege bewirtschaftet in Ahndorf bei Dahlenburg einen Bio-Gemüsebaubetrieb. Noch fühlt er sich gut aufgestellt, doch er fürchtet im großen Geschäft der Bio-Industrie auf der Strecke zu bleiben. Foto: phs

Alles Bio, oder was? Landwirt fort strengere Auflagen

Das Geschäft mit Bio-Produkten boomt. Doch wie gut sind unsere Öko-Lebensmittel wirklich? Glaubt man Bio-Bauer Hendrik Harwege aus Ahndorf bei Dahlenburg ist die Ökolandwirtschaft zur boomenden Industrie geworden und hat dabei „immer mehr ethische Ideale auf der Strecke gelassen“. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament, Martin Häusling, hält dagegen denn er ist überzeugt: „Es gibt keine Industrialisierung der Biolandwirtschaft.“

off Ahndorf. Hendrik Harwege sitzt an einem Tisch im ehemaligen Schweinestall, vor ihm steht eine Tasse Kaffee, zwischen Zeige- und Mittelfinger qualmt ein dunkelbraunes Zigarillo. Er nimmt einen Zug, vor der Tür sortieren Mitarbeiter Gemüsekisten, im Hof stehen drei Rinder im Auslauf und dösen. Seit 32 Jahren produziert die Familie auf dem kleinen Bauernhof Biogemüse nach Demeter-Richtlinien, seit 2001 für die Direktvermarktung. „Damit kommen wir klar“, sagt Harwege. „Noch.“ Doch den Bio-Bauern treibt die Sorge um, auf der Strecke zu bleiben im großen Geschäft der Bio-Industrie.

Das Problem: „Auch wenn viele Verbraucher wissen, dass die Regeln bei Verbänden wie Demeter, Bioland oder Naturland strenger sind, vertrauen sie dem Biosiegel“, sagt Harwege. „Doch wer weiß wirklich, was dahinter steht?“ Biobauern seien zunehmend spezialisiert, die Produkte standardisiert, die Anbaumethoden vielleicht ein kleines bisschen grüner als in der konventionellen Landwirtschaft. Aber eine heile, naturnahe Lebensmittelherstellung? „Fehlanzeige“, sagt Harwege.
Als Demeter-Bauer hat er sich einem der strengsten Verbände angeschlossen. „Doch wie soll ich meinen Kunden erklären, dass unsere Möhren 2,40 Euro das Kilogramm kosten, die Bio-Variante im Supermarkt aber schon für 79 Cent zu haben ist?“ Zu viele Grundsätze des Biolandbaus seien auf dem Weg zur Massentauglichkeit auf der Strecke geblieben. „Und die EG-Öko-Verordnung lässt es zu“, klagt Harwege.

Was der Ahndorfer meint? Harwege macht es an drei Beispielen fest (mehr dazu unter den Reitern weiter unten). Beispiel 1: „Der Ökolandbau muss nicht mehr wirklich die Kreislaufwirtschaft einhalten.“ Beispiel 2: „Ökobauern dürfen mit Abfällen der konventionellen Schlachtindustrie düngen.“ Und Beispiel 3: „Auf einem Betrieb ist ein Nebeneinander von öko und konventionell erlaubt, was zum Teil eifrig missbraucht wird.“ Natürlich, sagt Harwege, gebe es auch gute EG-Öko-Betriebe. „Nur erkennen kann sie der Kunde nicht.“ Er sei überzeugt: „Wir müssen zurückkommen zur Grundidee des Biolandbaus, sonst werden immer mehr von uns hinschmeißen.“

Zur Person: Martin Häusling sitzt seit 2009 für die Grünen im Europaparlament, ist gelernter Agrartechniker und Bio-Bauer seit 1988.
Zur Person: Martin Häusling sitzt seit 2009 für die Grünen im Europaparlament, ist gelernter Agrartechniker und Bio-Bauer seit 1988.

Martin Häusling ist ebenfalls Biobauer, bewirtschaftet seinen Betrieb seit 1988 nach Bioland-Richtlinien und versucht seit 2009 als agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament auch die Ökoverordnung mitzugestalten. „Den Frust des Kollegen“, sagt er, „kann ich nachvollziehen.“ Harweges Kritik allerdings hält Häusling für völlig überzogen. „Es gibt keine Industrialisierung der Biolandwirtschaft“, sagt er. Und ja, es gehört heute zur Realität, dass ein Discounter Bio-Möhren gegebenenfalls in Spanien statt in Deutschland kauft, weil dort das Kilogramm 20 Cent günstiger ist.“

Auch Hendrik Harwege weiß: Es gibt kein Zurück in die Heile-Biowelt-Idylle der Anfangsjahre. „Die Biolandwirtschaft ist eine erwachsene und boomende Industrie geworden“, sagt er. „Und genau deshalb darf nicht ein Grundsatz nach dem nächsten auf der Strecke bleiben, nur um noch schneller und günstiger die wachsende Nachfrage zu bedienen.“ Seine Forderung: „Die Regeln für die Bio-Produktion auf europäischer Ebene müssen deutlich strenger werden.“ Und die Verbraucher müssten besser aufgeklärt werden über Wunsch und Wirklichkeit der Supermarkt-Bio-Möhren für 0,79 Euro. Denn Möhren für den Preis ließen sich nicht auf altbewährtem und ehrlichem Bioweg erzeugen „auch wenn ein staatliches Bio-Siegel draufklebt“.

Martin Häusling beharrt darauf: „Unterm Strich können die Verbraucher dem Bio-Siegel vertrauen.“ Wobei er ebenfalls die eine oder andere Verschärfung durchsetzen will und aus seiner Sicht auch klar sei: „Jeder, der strengere Vorschriften haben will, sollte sich an Verbandsware orientieren, auch weil dort die Regionalität in der Regel eine größere Rolle spielt.“

Auf europäischer Ebene arbeitet die Politik aktuell an einer Weiterentwicklung der EG-Öko-Veordnung. Im März 2014 hat die EU-Kommission den Entwurf einer überarbeiteten Verordnung vorgestellt mit strengeren Produktionsregeln und schärferen Kontrollen. So soll das Profil des Ökolandbaus geschärft und ein weiteres Wachstum der Branche ermöglicht werden. Obs gelingt? Hendrik Harwege ist skeptisch Martin Häusling zuversichtlich.

Beispiel 1: Kreislaufwirtschaft

Beispiel 1: Kreislaufwirtschaft

Oberstes Prinzip im ökologischen Landbau ist eigentlich ein geschlossener, natürlicher Betriebskreislauf. „Das heißt, wir verbinden Pflanzenbau und Tierhaltung“, erklärt Harwege. Ein Teil der angebauten Pflanzen dient als Tierfutter, die Ausscheidungen der Tiere wiederum werden als Dünger auf die Felder gebracht. „So kann ich nur so viele Tiere halten, wie ich ernähren kann“, sagt der Biobauer, „außerdem muss ich genug Flächen für den Dünger haben.“ Ein Kreislauf, den Bioverbände wie Demeter vorschreiben. „Und den die europäische Bio-Verordnung extrem aufgeweicht hat.“ Konkret heißt das: Futtermittel zum Beispiel für Schweine oder Geflügel müssen laut EG-Öko-Verordnung nur zu 20 Prozent selbst erzeugt werden. Und eine „flächenunabhängigeTierhaltung, bei der der Tierhalter keine landwirtschaftlichen Nutzfläche bewirtschaftet“ ist zwar eigentlich verboten – es sei denn, es gibt eine „schriftliche Vereinbarung“ mit einem anderen Bio-Unternehmen, das den überschüssigen Dünger ausbringt. Die Folgen sind für Harwege offensichtlich: „Bio-Betriebe mit Tausenden von Hühnern, aber ohne Fläche.“
Martin Häusling stellt klar: „Der Bio-Markt hat sich in den vergangenen 30 bis 40 Jahren weiterentwickelt.“ Und ja, sei auch, dass es in der Bio-Hühnerhaltung eine Konzentration gibt, Betriebe mit vielleicht 24 000 Hühnern am Markt sind, die allerdings auch über 1000 Hektar Fläche verfügen. „Das Rad hat sich gedreht“, so Häusling. „Dass das bei kleinen Bio-Verbands-Betrieben oder Bio-Pionieren zu Frust führt, kann ich verstehen.“ Für falsch hält er allerdings die Behauptung, die Bio-Landwirtschaft sei industrialisiert. „Die Rinderhaltung zum Beispiel ist weit davon entfernt“, sagt er. „Und egal wie groß ein Betrieb ist, die Mindeststandards der EU-Öko-Verordnung muss jeder einhalten.“ Auch eine völlige Entkoppelung der Kreisläufe sei in der EU-Öko-Verordnung nicht zulässig. „Nach wie vor ist die bodengebundene Produktion Pflicht.“

Beispiel 2: Dünger aus Schlachtabfällen

Beispiel 2: Dünger aus Schlachtabfällen

Harwege selbst verzichtet darauf, mit Einschränkungen ist es aber in der gesamten Bio-Branche erlaubt: das Düngen mit Schlachtabfällen. Der Einsatz von stickstoffhaltigem Präparaten aus reiner Hornsubstanz, aus Haar- oder Federabfällen ist selbst bei Anbauverbänden wie Demeter erlaubt. Die EG-Öko-Verordnung lässt darüber hinaus auch die Verwendung von Blut-, Fleisch- und Knochenmehl zu. Woher die Stoffe stammen? „Mit Sicherheit nicht von Tieren, die nach Bio-Richtlinien gehalten und von Bio-Schlachtern geschlachtet wurden“, glaubt Harwege. Das heißt konkret: „Es werden Abfälle der konventionellen Schlachtindustrie genutzt, wenn auch offiziell nicht alle“, sagt Harwege. Für ihn ein Unding. Denn auch wenn der Biodünger aus Tierabfällen erhitzt werden muss und damit theoretisch frei ist von irgendwelchen Keimen, Viren oder anderweitigen Rückständen, „kann ich als überzeugter Bio-Bauer doch keine Reste von Tieren aus Massentierhaltung auf mein Gemüse kippen“.
Europaabgeordneter Häusling bestätigt: „Die EG-Öko-Verordnung lässt auch die Verwendung von Blut-, Fleisch- und Knochenmehl zu.“ Die Grünen arbeiteten gerade daran, die EU-Öko-Verordnung zu verschärfen. „Aber wir müssen uns auch der Realität stellen“, sagt Häusling. „Und wir werden das Rad nicht zurückdrehen können.“

Beispiel 3: Mix öko und konventionell

Beispiel 3: Mix öko und konventionell

Anders als die meisten Bio-Verbände erlaubt die EG-Öko-Verordnung ein Nebeneinander von konventioneller und ökologischer Produktion auf demselben Hof. „Das heißt, es gibt Großbetriebe in Europa, die auf 200 Hektar ökologischen und auf 800 Hektar konventionellen Landbau betreiben“, berichtet Harwege. An sich noch kein Problem. „Doch das Nebeneinander wird eifrig ausgenutzt“, glaubt der Ahndorfer. Sein Vorwurf: Durch den regelmäßigen Tausch der Ökoflächen werden Nährstoffdefizite, Unkraut- oder Schädlingsprobleme, die eigentlich nur durch nachhaltigen Biolandbau in den Griff zu kriegen sind, mit Tricks umgegangen. Praktisch sieht das laut Harwege so aus: „Bioflächen, auf denen es nach einiger Zeit Probleme gibt, werden rückumgestellt auf konventionell.“ Dann würden eventuelle Probleme mit Chemie und Mineraldünger behoben und die Flächen eine zeitlang konventionell bewirtschaftet. „Kurz bevor die Fläche dann wieder Bio werden soll, wird der Boden nochmal ordentlich behandelt.“ Der Effekt: „Auch nach der vorgeschriebenen Umstellungszeit von zwei Jahren hält die konventionelle Bodenbehandlung noch eine zeitlang vor – und sorgt für unfaire Wettbewerbsdedingungen.“
Häusling hält den Vorwurf für „an den Haaren herbeigezogen“. „Das mag vielleicht irgendwo mal vorgekommen sein“, sagt Häusling. „Die Regel ist es mit Sicherheit nicht.“ Trotzdem setzten sich die Grünen in diesem Punkt für eine Verschärfung des Regelwerks ein. „Danach soll ein Betrieb künftig zwar weiterhin zum Beispiel ökologischen Weinbau und konventionelle Rinderhaltung betreiben dürfen“, sagt Häusling. „Aber nicht gleichzeitig ökologische und konventionelle Rinderhaltung.“