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Die Preise für Milch sind im Keller, immer mehr Bauern können von der Milchviehhaltung nicht mehr leben. Die Lüneburger Molkerei zahlte den Bauern im April rund 24 Cent pro Kilogramm Milch  Tendenz fallend. Foto: phs
Die Preise für Milch sind im Keller, immer mehr Bauern können von der Milchviehhaltung nicht mehr leben. Die Lüneburger Molkerei zahlte den Bauern im April rund 24 Cent pro Kilogramm Milch Tendenz fallend. Foto: phs

Ruinöse Milchpreise: Sind Molkereien in der Verantwortung? +++ Interview

off Lüneburg. 46 Cent. So viel kostet der Liter Milch seit dieser Woche beim Discounter Aldi. Oder besser: so wenig. Bereits seit Monaten leiden die Bauern unter den ruinösen Preisen schuld daran, so rechtfertigte Aldi die drastische Preissenkungen von 59 auf 46 Cent in einer Meldung, sei das aktuelle „Überangebot auf dem weltweiten Milchmarkt“.

In der Hochwald-Molkerei in Lüneburg indes laufen die Geschäfte offenbar auf Hochtouren. Erst im Februar verkündete der stellvertretende Werkleiter bei einer Milchbauernversammlung in Scharnebeck, dass die Produktion seit 2013 nahezu verdoppelt, vor allem der griechische Joghurt zum Verkaufsschlager geworden sei. Von der Preiskrise verschont geblieben sind die 60 Lüneburger Milchbauern, die Hochwald beliefern, trotzdem nicht. Stellt sich die Frage: Warum eigentlich nicht?
Nachfragen beim Hochwald-Werk in Lüneburg blieben zunächst unbeantwortet, zuständig für die Kommunikation seien die Kollegen in der Unternehmenszentrale in Thalfang, hieß es. Dort beantwortete „Chief Financial Officer“, Detlef Latka, schließlich die Fragen der LZ schriftlich.

Wie viel zahlen Sie Ihren Lüneburger Lieferanten aktuell für den Liter Milch?
Detlef Latka: Im Monat April lag der Milchpreis bei rund 24,25 Cent pro Kilogramm.

Reicht das aus Ihrer Sicht zum Überleben?
Latka: Die Lage auf dem Milchmarkt spitzt sich weiter zu. Nach den Verhandlungen für die Weiße Linie (Trinkmilch, Milchgetränke, Sahneerzeugnisse, Joghurt, Quark, Fertigdesserts, Anmerk.d.Red.) mit dem deutschen Lebensmitteleinzelhandel sind die Regalpreise zum Beispiel für Trinkmilch drastisch auf das Niveau von 2009 gefallen. Gründe liegen in der nach wie vor hohen Milchanlieferung und an fehlenden Nachfrageimpulsen vom Weltmarkt. Das derzeitige Milchpreisniveau in Deutschland stellt Molkereien aber auch Milcherzeuger vor erhebliche wirtschaftliche Probleme.

Interview

Ihr Werk in Lüneburg ist auf Erfolgskurs. Warum beteiligen Sie Ihre Lieferanten nicht an dem Erfolg und zahlen einen fairen Milchpreis?
Latka: Wir sind mit der Entwicklung der Nachfrage nach Produkten aus unserem Lüneburger Joghurt- und Dessertwerk zufrieden. Die Milch­erzeugergemeinschaft in Lüneburg verhandelt mit uns regelmäßig ihren Milchpreis. In den vergangenen Jahren war der Milchpreis in der Region überdurchschnittlich.

Inwiefern trifft die aktuelle Preiskrise auch Sie als Molkerei?
Latka: National und international liegt die Milchanlieferung deutlich über dem Vorjahr. Eine Entspannung ist erst zu erwarten, wenn die Weltwirtschaft positive Impulse setzt und die Nachfrage nach Milchprodukten steigt. Bereits im Januar sind die Milchpreise bundesweit deutlich gesunken, sowohl die nationale Tendenz als auch die im europäischen Umland ist fallend. Der ife-Rohstoffwert (vom Institut für Ernährungswirtschaft errechneter Frühindikator für die Preisentwicklungen, Anmerk.d.Red.) hat sich im März auf 19,8 Cent reduziert. Auch Hochwald kann sich der Marktentwicklung nicht entziehen.

Hochwald ist als Genossenschaftsmolkerei eine Molkerei der Bauern, was tun Sie, um Ihren Lieferanten durch die aktuelle Krise zu helfen?
Latka: Die Genossenschaft hat die Aufgabe, die von den Mitgliedern angelieferte Milch mit der bestmöglichen Wertschöpfung zu vermarkten und unternimmt alle Anstrengungen, trotz der Marktentwicklung einen Milchpreis über dem Bundesschnitt auszuzahlen. Derzeit werden mit einem Sparprogramm die Kostensituation und geplante Investitionen erneut auf den Prüfstand gestellt.

Ein Großteil der Milchbauern in Deutschland fühlt sich auch von den Molkereien im Stich gelassen, was sagen Sie dazu?
Latka: Die Milchpreise sind für die Landwirte derzeit deutlich zu niedrig und nicht mal kostendeckend. Natürlich wird in einer demokratischen Gesellschaftsform wie einer Genossenschaft dann sehr viel diskutiert. Hochwald kann den absoluten Milchpreis in Deutschland nicht beeinflussen, aber für einen überdurchschnittlichen Preis sorgen. Uns liegen viele Anfragen nach Mitgliedschaft vor für uns ein Zeichen, dass trotz der schwierigen Phase die Landwirte mit Hochwald eher zufrieden sind.

Der Markt für Biomilch wächst und ist von der Preiskrise weit weniger hart getroffen, welche Pläne verfolgt Hochwald, auch dieses Segment zu erschließen?
Latka: „Bio“ besetzt nur eine kleine Nische in Deutschland. Nur gut zwei Prozent der deutschen Milch sind Bio-Milch, viele Bioerzeugnisse werden importiert. Der Milcherzeuger erhält für die Biomilch einen höheren Auszahlungspreis, hat aber auch enorme Kosten. Auch die Verarbeitungskosten sind höher bei kleinen Chargen und getrennter Verarbeitung. Wir beobachten den Markt und die Möglichkeiten.

Eine Frage, die für viele Milchbauern über ihre Existenz entscheiden wird: Wie wird es weitergehen mit dem Milchpreis?
Latka: Marktexperten gehen davon aus, dass die Märkte 2016 weiter unter Druck stehen. Langfristig jedoch sind die Aussichten positiv, die Nachfrage wird stärker steigen als das Angebot. Deutsche Milch wird im In- und Ausland geschätzt, das zeigt auch die hohe Exportquote der Branche.

Zur Person

MilchpreiseDetlef Latka ist seit 2005 Chief Financial Officer bei der Hochwald Foods GmbH und damit verantwortlich für den kaufmännischen Bereich in der Geschäftsführung. Hochwald betreibt in Deutschland und den Niederlanden aktuell neun Produktionsstandorte – darunter Lüneburg.

Aktuell beliefern 60 Milchbauern aus der Region das Werk am Lüner Weg mit jährlich rund 30 Millionen Kilogramm Milch. Hochwald verarbeitet die Milch in Lüneburg weiter zu Joghurt und Dessert. Verkaufsschlager ist mit einem Anteil von 74 Prozent an der Produktion Joghurt nach griechischer Art.

Im Jahr 2014 hat das Werk in Lüneburg insgesamt mehr als 40 Millionen Kilogramm Milch verarbeitet. Rund 140 Mitarbeiter sind in Lüneburg beschäftigt.

 

7 Kommentare

  1. Martina Oelkers

    Immer wieder liest man, das unsere Landwirte vor dem Ruin stehen und woran es liegt. Aber niemand sagt uns Endverbrauchern, was wir tun können, damit es ihnen wieder besser geht?!

    • jammern gehört zum geschäft. wie war das noch? die nachfrage regelt den preis? freie marktwirtschaft? wo findet das statt?

    • Vielleicht…. weil wir es nicht wissen sollen ? Wer hat denn Interesse daran das der Preis soweit unten ist ? Die Wirtschaft …. die Milchprodukte (z.B. Milchpulver) werden ja nicht nur in Deutschland verkauft, sondern auch auf dem Weltmarkt (man erinnere sich an den Milchpulver-Gift-Skandal in China). Und da ist es schon von Vorteil sehr billig einzukaufen. Naja … und in Deutschland ist es eben so, das das gemacht wird (von der Politik) was die Wirtschaft will !!

  2. Das sagen die Bürger

    „Na ja, wie heißt es so schön? Wenn der Eichelhäher am ersten nebeligen Märzmorgen nach einer Vollmondnacht in einem Schaltjahr von Ost nach West über das Gülleloch gleitet und die Hofkatze einem darauf stinkende Knäuel in den Kaffee hustet noch bevor die Sonne untergeht, wird der Milchpreis katastrophal. Von daher war es ja abzusehen.“
    Alois, 44, Bauer

    „Milch ist eh weißes Blut! Da kann ich ja gleich die Tränen der Kühe trinken. Oder Käse daraus machen. Bauern sind Mörder!“
    Maike, 23, Flexitarierin

    „Das haben wir jetzt von diesen ‚Kulturbereicherern‘. Kommen hier her, aber trinken alle nur ihre Ziegenmilch und lassen uns Deutsche milchtechnisch im Stich! Und dann lachen Sie noch über uns: Hihihi, hihihi. So! So lachen die! Teufel noch eins, das sind Zustände wie in der Weimarer Republik!“
    Richard, 51, AfD-Wähler

    „Ja, ich weiß… Zwanzig Cent pro Liter, sehr schlimm, blablabla. Um ehrlich zu sein: Ich find die Debatte einfach lächerlich. Wozu braucht ’ne Kuh denn Geld?“
    Severin, 19, Abiturient

  3. Jessica Hasler

    Laut einer gestrigen TV-Sendung macht die Molkerei Berchtesgadener Land das anders. die bestimmen insofern den Milchpreis mit, indem sie von ihren Kunden/Konsumenten eben mehr verlangen. Außerdem ergeben ja auch Umfragen, dass „man“ durchaus bereit wäre für den Liter Milch bis zu 1,- € zu zahlen. Eine Frechheit sind meiner Meinung die EU-Vorgaben. Für jeden EU-Staat sollten Vorgaben individuell angepasst werden!