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Enna Drege und ihre Mutter Kirsten sind Ernährungs-Experten. Aufgrund der Autoimmunkrankheit Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) von Enna hat gleich die ganze Familie ihr Essen auf glutenfrei umgestellt. Foto: t&w
Enna Drege und ihre Mutter Kirsten sind Ernährungs-Experten. Aufgrund der Autoimmunkrankheit Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) von Enna hat gleich die ganze Familie ihr Essen auf glutenfrei umgestellt. Foto: t&w

Glutenunverträglichkeit – Wenn Brötchen und Nudeln zum Problem werden

ap Lüneburg. Enna Drege weiß von ihrer Diagnose, seit sie fünf Jahre alt ist. Damals kam die Erkenntnis, dass sie unter der Autoimmunerkrankung Zöliakie leide, einer Unverträglichkeit gegenüber Gluten, fast zu spät. Die heute 13-Jährige litt über einen längeren Zeitraum unter Durchfällen und Erbrechen. „Am Ende lag sie im Kinderkrankenhaus in Altona am Tropf, war nur noch Haut und Knochen“, erinnert sich ihre Mutter Kirsten Drege. „Dann fand man endlich die Antikörper in ihrem Blut, den Nachweis für die Zöliakie.“

Bei dieser Krankheit würden sogenannte Darmzotten, also Ausstülpungen, verloren gehen. Dadurch sei der Körper nicht mehr in der Lage, Nährstoffe aufzunehmen, weiß die 48-Jährige, die ebenfalls auf Gluten reagiert. Um den Schweregrad der Erkrankung bei ihrer Tochter festzustellen, hätte man damals eine Darmbiopsie machen müssen, „doch dafür war Enna zu schwach“. Heute sei ein solcher Test möglich, würde die Schülerin glutenhaltige Nahrung aufnehmen. Dann könnte überprüft werden, wie weit die Zotten im Darm zurückgegangen sind. Doch Enna schüttelt sofort vehement den Kopf, als ihre Mutter von der Möglichkeit erzählt. „Das möchte ich nicht“, sagt sie klar, schließlich sei ihr Leben inzwischen „sehr normal. In der Schule bekomme ich etwas anderes zu essen, das geht alles gut.“ Nur einmal habe sie seither „normale Nudeln“ gegessen, es war auf dem Weg zum Flughafen. Konsequenz: sofortiges Erbrechen.

Seit acht Jahren verzichtet sie nun auf glutenhaltige Produkte. Das Klebereiweiß ist vor allem in den heimischen Getreidesorten vorhanden, wurde früher aber häufig in Weizenmehl oder -stärke als Bindemittel verwendet. „Wir mussten unseren ganzen Haushalt auf den Kopf stellen, beispielsweise auch die Zahnpasta aussortieren“, erinnert sich Kirsten Drege, selbst darin seien Spuren von Gluten.

Seither kocht Kirsten Drege für die komplette vierköpfige Familie glutenfrei, „wenn Gäste zu Gast sind, koche ich halt in zwei Töpfen Pasta“. Mittlerweile seien viele Ersatzprodukte erhältlich: Ennas Müsli am Morgen besteht beispielsweise aus Mais, Reis und Amaranth. Frische Brötchen kauft die Familie beim Dinkelbäcker in Embsen, dort würden glutenfreie Backwaren in einer gesonderten Backstube zubereitet. „Wenn wir essen gehen, müssen wir das immer abfragen. Glutenfreie Pizza darf nicht auf dem Blech zubereitet werden, auf dem zuvor normales Mehl lag“, erklärt Kirsten Drege.

Ihre Reiselust hat sich die Familie nicht nehmen lassen, zuletzt in Amsterdam gab es eben vor allem Kartoffeln und Reis. Auch Italien zählt zu den beliebten Urlaubszielen, dort werde schon viel mit glutenfreier Pasta gekocht, weiß die Mutter von zwei Kindern. „In Österreich im Skiurlaub wirds schwieriger, die Mehlspeisen sind fast alle glutenhaltig.“ Dabei zählen Spätzle zu den Lieblingsgerichten ihrer Tochter. „Aber Mama kann das gut und lecker selbst machen“, verrät Enna.

Schwache Momente habe sie trotzdem manchmal, beispielsweise wenn die Klasse bei einem Ausflug zum Bäcker geht. „Dann hole mir eben ein Eis aus der Kühltruhe“, sagt das aufgeweckte Mädchen und lächelt. Bei mehrtägigen Sportveranstaltungen sei sie stets mit einer großen Tasche ausgestattet — gefüllt mit Mikrowellenessen, das allerdings „unterschiedlich lecker“ sei.

Ennas Problem hat die Familie nie wirklich zu einem Problem gemacht. Man müsse lediglich ein wenig umdenken, findet Kirsten Drege. Nur teuer sind die Ausweichprodukte. „Für ein Paket Nudeln zahlt man im Durchschnitt 2 Euro mehr.“ Auch Brötchen kosten oft ein Vielfaches im Vergleich zu den normalen.

Unterstützung fand die Familie damals wie heute in einer Selbsthilfegruppe, die sich alle vier Wochen freitags trifft. Um für mehr Aufklärung zu sorgen, veranstaltet die Gruppe am Freitag, 20. Mai, von 10 bis 19 Uhr einen Info-Tag mit einem Stand vor Edeka Neukauf, Sülztorstraße 18. Die Aktion ist angelehnt an die bundesweite Aktionswoche, die unter dem Motto „Aktiv glutenfrei“ von der Deutschen Zöliakiegesellschaft ausgerichtet wird.

Was ist Zöliakie?

Zöliakie ist eine Erkrankung des Dünndarms, die der Betroffene ein Leben lang hat. Dabei handelt es sich um eine Unverträglichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten, das in Weizen, Gerste, Roggen und Dinkel vorkommt. Zöliakie ist keine Allergie, sondern eine anerkannte Autoimmunerkrankung. Betroffene können beispielsweise kein normales Brot, Nudeln, Kuchen oder Pizza essen, da sie sonst starke Magen- und Darmbeschwerden bekommen, aber auch Symptome wie starke Kopfschmerzen, Müdigkeit oder schwere Langzeitfolgen wie Osteoporose sind möglich. Durch Produkte wie Mais, Reis, Hirse, Soja oder Buchweizen kann das Gluten ersetzt werden.

In Deutschland sind etwa 400.000 Menschen von der Erkrankung betroffen, ein Ausbruch ist in jedem Lebensalter möglich. In vielen Fällen wird die Diagnose aber erst Jahre nach dem Auftreten erster Krankheitszeichen gestellt, rund 80 bis 90 Prozent der Betroffenen haben untypische oder gar keine Symptome.