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Der Deich zwischen Bleckede und Radegast. Im Hintergrund links ist das Waldstück zu sehen, rund um dieses Gebiet soll eine Rückverlegung des Deiches geprüft werden. Erstmals öffentlich vorgestellt wird das Thema im Fachausschuss der Stadt Bleckede am 2. Juni. Foto: t&w
Der Deich zwischen Bleckede und Radegast. Im Hintergrund links ist das Waldstück zu sehen, rund um dieses Gebiet soll eine Rückverlegung des Deiches geprüft werden. Erstmals öffentlich vorgestellt wird das Thema im Fachausschuss der Stadt Bleckede am 2. Juni. Foto: t&w

Ein Deich soll weichen

off Bleckede. Diskutiert wird die Rückverlegung von Deichen an der niedersächsischen Elbe schon seit Jahren, jetzt hat das Land ein konkretes Gebiet ins Auge gefasst: der Elbabschnitt zwischen Bleckede und Radegast. Im Gespräch ist eine Ausdeichung von mindestens 100, eher 140 Hektar rund um die „Vitico“, betroffen wären neben dem Hartholz-Auwald der Landesforsten verschiedene landwirtschaftlich genutzte Ackerflächen. Ob die Maßnahme tatsächlich umgesetzt wird, ist derzeit zwar noch offen. Erste betroffene Bauern machen aber schon unmissverständlich klar: Sie werden ihre Flächen nicht kampflos aufgeben.

Die Trägerschaft für das Projekt übernommen hat der Artlenburger Deichverband. „In unserem Auftrag wird jetzt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eine Machbarkeitsstudie erstellen“, sagt Deichhauptmann Hartmut Burmester. Geklärt werden soll damit, ob eine Rückverlegung des Deiches unter Berücksichtigung der rechtlichen und fachlichen Randbedingungen überhaupt möglich ist. Und wenn ja, wo der neue Deich künftig verlaufen soll. Konkrete Planungen sollen laut NLWKN-Sprecher Achim Stolz erst angeschoben werden, wenn die Untersuchungen ergeben, „dass eine Deichrückverlegung etwa technisch, wirtschaftlich, hydraulisch und naturschutzfachlich möglich ist“.

Hauptziel des Projektes ist es laut NLWKN, „den Retentionsraum zu vergrößern und den Scheitelstand abzusenken“. Kurz: Man will der Elbe bei Hochwasser mehr Raum geben — und damit womöglich die Katastrophe verhindern. „Die bisherigen Berechnungen der Bundesanstalt für Gewässerkunde ergeben bei einer Rückdeichung von 140 Hektar eine Wasserspiegelabsenkung von 7,5 Zentimeter“, so Stolz. „Das erscheint nicht viel, ist aber eine Sandsacklage weniger.“

Vor Ort steht Bleckedes Bürgermeister Jens Böther der Maßnahme durchaus offen gegenüber. „Alles, was uns im Hochwasserfall hilft, begrüßen wir“, sagt er. Skeptisch ist er allerdings, ob eine Rückverlegung des Deiches an dieser Stelle wirklich die erhofften Effekte erzielt. Ähnliche Bedenken hat Deichhauptmann Hartmut Burmester. Ihre Befürchtung: Die Maßnahme sorgt im Hochwasserfall zwar stromaufwärts für Entlastung. „Aber was passiert stromabwärts?“, sagt Böther.

Erfahrungen nach der Rückverlegung des Deiches bei Lenzen (Brandenburg) hätten gezeigt, „dass es dort, wo das Wasser nach der Ausbreitung wieder zusammenfließt, eine Wasserstands-Erhöhung gibt“, berichtet Böther. Und im Fall Radegast würde die Elbe voraussichtlich direkt vor einer ohnehin schon kritischen Engstelle wieder zusammenfließen. „Ich will nicht sagen, dass das ein Ausschlusskriterium ist“, betont Böther, „aber unterstützen werden wir diese Maßnahme nur, wenn sie Hand und Fuß hat.“ Für Aktionismus sei an der Elbe kein Platz. „Das heißt, nur weil Niedersachsen sich im Nationalen Hochwasserschutzprogramm verpflichtet hat, ebenfalls Rückdeichungen vorzunehmen, darf das jetzt nicht auf Teufel komm raus irgendwo erzwungen werden.“

Warum ausgerechnet der Elbabschnitt zwischen Radegast und Bleckede ausgewählt wurde, dafür nennt der NLWKN drei Gründe. Erstens: „Die Maßnahme war schon Anfang der 1990er-Jahre im Gespräch, wurde dann aber nicht weiterverfolgt.“ Zweitens: „Für eine Deichrückverlegung müssen zusammenhängende Flächen gefunden werden, um mindestens eine Fläche von 100 Hektar zu erreichen.“ Nur dann kann das Projekt über das Nationale Hochwasserschutzprogramm finanziert werden. Und drittens: „Die Fläche muss topographisch so liegen, dass auch nach einer Überflutung eine Entleerung erfolgt, eine neue Deichtrasse durch vorhandene Infrastruktur, Bodenverhältnisse und andere Randbedingungen überhaupt dem Grunde nach möglich ist. Dieses Potential wird hier nach ersten Einschätzungen gesehen.“

Ob sich die Erwartungen erfüllen oder weitere Planungen verworfen werden, soll spätestens Anfang 2017 feststehen. Einen Termin für eine mögliche Umsetzung kann Achim Stolz noch nicht nennen, nur so viel sei klar: „Da für eine potenzielle Deichrückverlegung ein Planfeststellungsverfahren zu erwarten ist, wird die Planungsphase mehrjährig sein.“

Offen ist zudem, ob und wie sich eine Einigung mit den betroffenen Flächeneigentümern erzielen ließe. Der Garzer Landwirt Manfred Kruse etwa müsste schlimmstenfalls auf 15 Prozent seiner bewirtschafteten Flächen verzichten. „Ersatzflächen gibt es nicht“, sagt er, „das wäre für unseren Betrieb also ein ernsthaftes Problem.“

Vorerst aber wird geprüft und informiert. Den aktuellen Sachstand präsentiert der NLWKN Donnerstag, 2. Juni, im Fachausschuss der Stadt Bleckede. Los geht es um 19 Uhr im Dörfergemeinschaftshaus Garlstorf.

Weitere Erwartungen an die Maßnahme

Hauptziel der Rückverlegung von Deichen ist die Absenkung des Wasserstandes im Hochwasserfall. Daneben nennt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz für das Gebiet bei Radegast aber noch weitere Vorteile.

  • Am Deichfuß liegen in dem Bereich mehrere Bracks (Stillwasserflächen) aus der Vorzeit. Durch eine Rückverlegung kann die Standsicherheit des Deiches erhöht werden, da der Deichfuß vom Brack verlegt wird.
  • Durch die Deichrückverlegung entstehen Außendeichsflächen, die zur Kleigewinnung, Anlage von Kohärenzpflanzungen (notwendig nach Rückschnitt) und anderen Ausgleichsmaßnahmen mit Wasseranbindung genutzt werden können.
  • In diesem Bereich kann durch eine Deichrückverlegung die Deichlinie begradigt und somit in der Unterhaltung sowie in der Deichverteidigung vereinfacht werden.
  • Bei einer Deichrückverlegung an zum Beispiel eine vorhandene Kreisstraße kann auf einen zusätzlichen Deichverteidigungsweg verzichtet werden. Dieses spart Kosten und reduziert die Versiegelung von Flächen. Zudem wird auch die Deichverteidigung verbessert.
  • Schon seit langem ist bekannt, dass den Flüssen wieder mehr Raum für den Abfluss des Hochwassers gegeben werden muss. Insofern steckt auch hier ein politisches Signal, dass sich Niedersachsen mit den begrenzten Möglichkeiten als Durchleitungsland an den Deichrückverlegungen an der Elbe selbst beteiligt.