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Der Fall der Familie Schulze war schon 2015 Thema bei Rudi Cerne und seiner Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Entscheidende Hinweise auf den Verbleib von Sylvia und Miriam Schulze blieben aus.  Foto: nh
Der Fall der Familie Schulze war schon 2015 Thema bei Rudi Cerne und seiner Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst". Entscheidende Hinweise auf den Verbleib von Sylvia und Miriam Schulze blieben aus. Foto: nh

Drage: keine Spur, nur Theorien


ca Drage. Noch immer keine Spur, aber Spekulationen: Von der Familie Schulze aus Drage an der Elbe gibt es seit dem 22. Juli vergangenen Jahres kein Lebenszeichen. Vater Marco (41) fand man tot im Strom bei Lauenburg, doch auf den Verbleib von Mutter Sylvia (43) und Tochter Miriam (12) hat die Polizei keinen Hinweis. Sie geht von einem sogenannten erweiterten Suizid aus: Der Vater tötete demnach Frau und Tochter und nahm sich dann selbst das Leben. Michael Düker, Chef der Sonderkommission, will noch einmal versuchen, neue Ansätze aufzuspüren. Am 29. Juni ist der Polizeibeamte in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ zu Gast, um über den sehr mysteriösen Fall zu berichten.

Scheinbar ohne Grund verschwinden die Schulzes vor zehn Monaten. Die Polizei ermittelt ungewöhnlich schnell und mit großem Aufwand. Denn als am 24. Juli vom Filialleiter eines Supermarktes in Geesthacht, dort hat Sylvia Schulze gearbeitet, der Anruf bei einer Wache eingeht, dass er sich Sorgen um die Kollegin mache, schauen die Beamten in dem schlichten Einfamilienhaus in Drage nach. Es habe ausgesehen, als seien die Bewohner gerade aufgebrochen, erinnert sich Düker. Nichts aufgeräumt, die Katze unversorgt.

Taucher suchen in der Elbe, Spürhunde im Umland. Nichts. Dann, am 31. Juli, entdecken Spaziergänger bei Lauenburg den Leichnam Marco Schulzes. Offenbar ist er mit Baustellengewichten beschwert in den Fluss gesprungen und ertrunken.

Später führte eine Spur zum Mühlenteich in Holm-Seppensen bei Buchholz, in der Nähe wohnt eine ältere Tochter. Am Tag ihres Verschwindens will eine Passantin die drei Schulzes dort gesehen haben. Der Soko erschien das so glaubhaft, dass sie dort mehrere Tage mit Hunden und Booten suchte. Die These aufgrund des Verhaltens der Spürhunde: Marco brachte Frau und Tochter dort um. Wo die Leichen blieben, ist unklar. Der Vater fuhr davon, eventuell mit den Toten. Theorien.

Wie auch die Gerüchte, dass Mutter und Tochter sich abgesetzt und irgendwo anders ein neues Glück gefunden haben. Düker hatte schon vor Monaten gesagt: „Solange wir die Leichen nicht gefunden haben, können wir auch nicht ausschließen, dass sie irgendwo anders sind. So unwahrscheinlich das auch ist.“
Nun hat die ältere Tochter die Mutmaßungen befeuert: Ihr Stiefvater habe ja in einem Chemiewerk gearbeitet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Closer“ sagte sie neulich: „Damit kam er an Substanzen heran, die dafür sorgen könnten, dass jemand ‚richtig‘ verschwindet.“

Düker kann da nur müde lächeln. Selbstverständlich seien seine Kollegen dieser Möglichkeit früh nachgegangen. In der Fabrik wurden Fässer auf Rückstände und Gewichtsveränderungen geprüft. Nichts.

Die Ermittler besitzen eine mögliche Erklärung, was die mutmaßliche Tragödie vom Elbdeich in der beschaulichen Siedlung mit gestutzen Rasenkanten ausgelöst haben könnte. Doch die behält Düker lieber für sich. So bleibt rätselhaft, warum das Drama begann und wo Mutter und Tochter abgeblieben sind.

Die Polizei hat die Sonderkommission eigentlich aufgelöst. Es sei allen Hinweisen nachgegangen worden, selbst absurden aus der Menagerie von Spinnern, die sich immer wieder in Kriminalfällen als Seher und Medium ausgeben. „Wir haben nichts mehr“, räumt ein leitender Beamter aus der Polizeiinspektion in Buchholz ein. Und so werde in der Folge von Dükers TV-Fahndung die Soko auch offiziell eingestellt, der Fall zu den Akten gelegt.

Der Hauptkommissar, der inzwischen nach Lüneburg gewechselt ist, will dem Publikum vor allem zwei Fragen stellen: Wer hat Marco Schulze in der Nacht zum 22. Juli mit einem Rad nach Lauenburg fahren sehen? Und wer kann sich erinnern, die drei Schulzes am Tag des Verschwindens in einem der beiden Familienautos, einem Dacia und einem Opel, gesehen zu haben?

Viele Hoffnungen machen sich Düker und seine Mannschaft nicht, einen neuen Ansatz zu finden. Es ist ein Versuch. Ein weiterer folgt irgendwann: Andere Beamte sollen alle Spurenordner erneut auswerten. Cold Case nennt sich die Methode, kalter Fall. Ob es etwas bringt? Die Polizisten halten eher für wahrscheinlich, dass Überreste von Mutter und Tochter vielleicht einmal von einem Spaziergänger mit einem neugierigen Hund gefunden werden. So lange bleiben Erinnerungen. Und Fragen ohne Antwort.