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Reinhard Müller, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Jäger im Kreis Lüneburg, präsentiert das etwa zehn mal zehn Zentimeter kleine Gerät, das mit lauten Tönen Wild aus der Grasfläche vertreiben soll. Foto: t&w
Reinhard Müller, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Jäger im Kreis Lüneburg, präsentiert das etwa zehn mal zehn Zentimeter kleine Gerät, das mit lauten Tönen Wild aus der Grasfläche vertreiben soll. Foto: t&w

Große Hoffnung in kleine Kitz-Retter

emi Lüneburg. Täglich geht Inge Prestele mit ihren Hunden auf dem Weg zwischen Echem und dem Elbe-Seitenkanal spazieren. Doch seit Kurzem beschleicht die 57-Jährige aus Barförde jedesmal ein komisches Gefühl, wenn sie an einer bestimmten Wiese vorbeiläuft. Denn dort hat sie vor wenigen Tagen einen grausigen Fund gemacht: Ein Rehkitz lag mit trüben Augen und zerfetztem Bauch im Gras. Offenbar hatte ein Mähdrescher das Jungtier geschreddert. Kein Einzelfall: Schätzungen zufolge werden bei der Frühjahrsmahd bundesweit allein bis zu 60000 Rehkitze pro Jahr getötet. Hinzu kommen Tausende Junghasen und Bodenbrüter, darunter auch viele streng geschützte Arten.

Um solche Todesfälle zu verhindern oder wenigstens zu minimieren, gibt die Interessengemeinschaft der Jäger im Landkreis Lüneburg e.V. in diesem Jahr erstmals sogenannte Wildretter an ihre 130 Mitglieder ab. Dabei handelt es sich um etwa zehn mal zehn Zentimeter kleine und rund vier Zentimeter dicke Geräte. Wie sie funktionieren, erklärt der erste Vorsitzende Reinhard Müller: „Das Gerät hat eine eingebaute Batterie. Die vorhandenen Piezo-Lautsprecher erzeugen mehr als 100 Dezibel laute, schrille Töne, die wie bei einer Sirene an- und abschwellen.“ Der Wildretter sollte laut Müller möglichst schon am Abend vor der Mahd in der Wiese aufgestellt werden. Ziel ist, dass die Ricke ihre Kitze über Nacht aus der Wiese holt.

Zur „doppelten Sicherheit“, so Müller, kann das Gerät zusätzlich am Tag der Mahd verwendet werden. „Es wurde von der Interessengemeinschaft mit starken Magneten ausgerüstet, sodass es einfach an das Mähwerk angeklickt werden kann. Man sollte dabei aber darauf achten, dass der Schall in die zu mähende Fläche zielt“, rät der 67 Jahre alte Dahlenburger, der auch Mitglied der Jägerschaft des Landkreises Lüneburg ist.

Deren Vorsitzender begrüßt die Aktion der Interessengemeinschaft. „Jede Initiative, die dazu dient, unnötige Tode zu verhindern, ist voll zu unterstützen“, sagt Torsten Broder. Auch die Lüneburger Jägerschaft versuche seit Jahren, mithilfe von Informationen und vielfältigen Maßnahmen Todesfälle zu vermeiden. Bewährt hat sich etwa das Absuchen der Wiese mit einem Jagdhund einen Tag vor der geplanten Mahd. Aber auch Vergrämungsmethoden wie das Aufstellen von „Knistertüten“, Flatterbändern, Wildscheuchen und Blinkleuchten kommen zum Einsatz. Geräusche und Bewegung sollen die Muttertiere veranlassen, ihren Nachwuchs in eine sichere Deckung zu führen.

Warum vor allem viele junge Rehkitze ihr Leben bei der Mahd lassen, liegt am sogenannten „Drückinstinkt“, den die Tiere in den ersten beiden Lebenswochen haben. Bei Gefahr drücken sie sich nämlich regungslos auf den Boden. Weil sie außerdem nahezu keinen Eigengeruch haben, ist es sehr schwer, sie rechtzeitig im hohen Gras aufzuspüren.

Vor dem Hintergrund dieser Problematik wurde das Projekt „Wildretter“ ins Leben gerufen, das vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung gefördert wird. Dabei wurden in den vergangenen Jahren neuartige Technologien und Konzepte zur Wildrettung bei der Frühjahrsmahd erarbeitet, etwa ein Fluggerät. In einigen Kreisen Niedersachsens haben Jägerschaften im vergangenen Jahr bereits einfachere Drohnen zur Kitzrettung eingesetzt.

Drohnen als Hilfsmittel hält auch Reinhard Müller von der Interessengemeinschaft der Jäger im Landkreis Lüneburg für sinnvoll aber erst im nächsten Schritt. Jetzt will er erst einmal die wesentlich günstigere Variante der zehn mal zehn Zentimeter kleinen Wildretter in Umlauf bringen. Die Geräte werden für 20 Euro an Vereinsmitglieder abgegeben. „Wir gehen davon aus, dass unsere Revierinhaber einen Teil kostenlos an die Landwirte weitergeben“, sagt der Dahlenburger.

Weitere Auskünfte zu den kleinen Lebensrettern erhalten Interessierte telefonisch über die Geschäftsstelle der Interessengemeinschaft unter Tel.: 0162/7692415.