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Architektin Judith Saborosch steht mit einem Umbauplan auf der Koltmannstraße. Die beige Klinkerfront soll verschwinden. Foto: t&w
Architektin Judith Saborosch steht mit einem Umbauplan auf der Koltmannstraße. Die beige Klinkerfront soll verschwinden. Foto: t&w

Hässlicher Klinker verdeckt Baudenkmal an der Koltmannstraße

ca Lüneburg. Es gehört Fantasie dazu, hinter der beigen Klinkerfassade einen Schatz zu vermuten. Schmal und hässlich zwängt sich das Haus Koltmannstraße 4 in die Reihe im Schatten der Nicolaikirche. Ein Vorsprung lässt die Utlucht erahnen, einen Vorbau, durch den Licht ins Gebäude fiel. An der Rückseite zieht sich im Obergeschoss ein Fachwerkband durch das Mauerwerk. Ein Lüneburger Paar entwickelt Visionen: Die Bauherren, die schon ein Haus restaurierten, haben die — man muss es so sagen — Bruchbude gekauft und das Architektenbüro HSR beauftragt, die ursprüngliche Schönheit mit modernem Wohnkomfort zu vereinbaren.

Architekt Gunnar Schulze und seine Kollegin Judith Saborosch betreuen das Projekt. Im Erdgeschoss ist der Boden herausgebrochen, die Wände haben ihren Putz verloren, so lassen sich Tausteinbänder erkennen. Eine Holztreppe führt nach oben, hier haben Bewohner um 1840 eine Zwischendecke eingezogen. Ursprünglich lag hier eine Galerie. Das lässt sich daran ablesen, dass sich noch ein Teil des Spitzbogens des Eingangsportals erahnen lässt. Einen Teil haben Arbeiter damals abgeschlagen.

Nur eine von vielen Wunden, die das Haus verkraften musste. Auch der Sitz der Fenster wurde verändert. Jene, die heute in der Fassade sitzen, scheinen fast willkürlich eingepasst worden zu sein. Der Front fehlt eine Gliederung.

Heiner Henschke, er gehört zur Architektengemeinschaft HRS, hat sich im aktuellen Heft „Denkmalpflege in Lüneburg“ mit dem Haus beschäftigt. Durch eine Untersuchung des Gebälks lässt sich das Baujahr auf etwa 1595 datieren, in einem Eigentümerverzeichnis ist bereits vier Jahre früher ein Eintrag zu finden. Es war eine „Bode“, die Bude eines Handwerkers. Im 17. Jahrhundert gab es in den Steuerrollen Einträge als Salz-Kontor, 1702 dann als „Salztonnenböttcher Haus“.

Böttcher waren vor Jahrhunderten sowas wie die Container-Bauer in unserer Zeit: Die Tonnen waren übliche Handelsgefäße. In Lüneburg spielten sie eine besondere Rolle. Das Salz wurde in Tonnen beispielsweise nach Lübeck verschifft. Henschke schreibt, dass sich 1734 vor allem in der Nähe des Hafens 20 Salztonnenböttcher niedergelassen hatten. Sie mussten nach strengen Vorgaben arbeiten: „Das Volumen wurde geprüft, Tonnen falscher Größe wurden konfisziert und verbrannt. Die fertigen Tonnen erhielten das Lüneburger Stadtzeichen und die Marke des Sülzhauses eingebrannt.“

Zwar ging der Salzhandel zurück, denn im 16. Jahrhundert machte den Lüneburgern billiges Meersalz vom Mittelmeer Konkurrenz. Doch erst Ende des 18. Jahrhunderte verlor der Salzhandel mit Lübeck gänzlich an Bedeutung und damit auch der Tonnen-Bau.

Im Haus ist die Handwerksgeschichte abzulesen. Über die rechte Seitenwand lassen sich vom Erdgeschoss bis zum Dach Rußspuren feststellen. Indiz dafür, dass die feuchten Bretter für das Fass geformt und getrocknet wurden. Ein Teil der Werkstatt lag oben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte es ein Kranhaus gegeben haben, um mit einer Winde Material in die Räucherkammer zu ziehen.

Saborosch und Schulze wollen nun Wohnraum auf vier Ebenen und rund 120 Qua­dratmetern Fläche schaffen. Die Fassade wollen sie neu gliedern. Der Klinker verschwindet, der untere Teil des Hauses soll zur Koltmannstraße hin verputzt werden, oben möchten sie das Fachwerk wieder sichtbar machen. Auch soll ein Kranhaus entstehen. Das Bogenportal kehrt rekonstruiert zurück. Zudem sollen Fenster das Antlitz des Hauses wieder strukturieren und genug Tageslicht hineinlassen.

Rund ein Jahr haben Handwerker zu tun, schätzt Schulze. Zu Kosten sagt er nichts. Aber die Bauherren hätten sich für die umfangreiche Sanierung und Restaurierung auch deshalb entschieden, da aus einem Förderprogramm für das Wasserviertel erhebliche finanzielle Unterstützung fließt.

Der Koltmannstraße tut das Projekt gut. Dort haben schon einige Bürger viel Geld in die Hand genommen, um ihre Häuser herzurichten. Nun kommt eine weitere Perle hinzu.