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Hier bekommt jeder Käse individuelle Behandlung: Gewissenhaft bestreut Caspar Böhm einige Laibe Heiderot mit Pizzagewürz, wie er die Kräutermischung nennt. Foto: t&w
Hier bekommt jeder Käse individuelle Behandlung: Gewissenhaft bestreut Caspar Böhm einige Laibe Heiderot mit Pizzagewürz, wie er die Kräutermischung nennt. Foto: t&w

SOS-Hof Bockum für seinen Käse ausgezeichnet + + + Mit Video

Erst vor drei Monaten hat die Lüneburger Hochwald-Molkerei dem SOS-Hof Bockum Milch in Spitzenqualität bescheinigt. Jetzt erhielt die Einrichtung für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung von Slow Food Hamburg den norddeutschen Käsepreis. Ein Besuch in der Käserei der hofeigenen Landwirtschaft, in der vier Männer und sechs Frauen neben Joghurt, Quark und Sahne erstklassigen Frisch-, Schnitt- und Hartkäse herstellen.

emi Bockum. Schwungvoll schöpft Katrin Eller mithilfe einer Kanne Bruch-Molke-Gemisch aus dem großen Käsekessel, balanciert das volle Gefäß zum Tisch hinüber und verteilt den Inhalt auf vier Käseformen. Auf der anderen Tischseite stehen Birgit Schanzenbach, Reena Gehrke und Caspar Böhm. Sie ruckeln mit ihren Händen die Plastikformen hin und her. Gleichmäßig, geduldig, immer wieder, damit die Molke gut abfließt. Alle vier Mitarbeiter lächeln. „Manchmal hören wir auch Musik bei der Arbeit oder singen Volkslieder“, sagt Katrin Eller. Die gute Laune, glaubt Betreuerin Ulla Clodius, ist eine Zutat, die den Käse so besonders macht. Dazu kommen Fachwissen und geringe Produktionsmengen: „Wir können uns um jeden Käse individuell kümmern.“

Rund 400 Liter Milch werden täglich in der kleinen Käserei verarbeitet, neben Joghurt, Quark und Sahne hauptsächlich vier Käsesorten produziert: ein halbfester Schnittkäse namens „Heiderot“, der „Lopautaler“, eine Art Bergkäse, der „Bockumer Jung“, ein goudaähnlicher Schnittkäse, und der Extrahartkäse „Findling“. Hergestellt werden die Produkte größtenteils aus Rohmilch. Und für die sorgen 20 Schwarzbunte Niederungsrinder, die in der hofeigenen Landwirtschaft gehalten werden.

Die Milchkühe sind ein Grund, warum Slow Food Hamburg der Bockumer Einrichtung am morgigen Sonntag den norddeutschen Käsepreis verleihen wird. „Das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind steht auf der Roten Liste der bedrohten Haustierrassen“, sagt Yvonne Aßmann von Slow Food Hamburg. „Es ist keine Hochleistungsmilchkuh, dafür ist es gesünder, fruchtbarer und lebt länger.“ Gesunde, glückliche Kühe geben gute Milch. „Und Bockum produziert daraus guten Käse für den regionalen Markt.“ Kriterien, die Slow Food wichtig sind. Die weltweite Bewegung setzt sich für eine nachhaltige Kultur des Essens und Trinkens ein.

Seit 2005 verleiht die Hamburger Gruppe ihren Preis beim Käsemarkt am Kiekeberg an Betriebe aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein, die sich für den Erhalt der regionalen Käsekultur einsetzen und das nicht erst seit gestern. Die Käserei des SOS-Hofes Bockum gibt es seit mehr als 25 Jahren, das Gesamtpaket überzeugte Slow Food: „Dass ausgebildete Käser mit Menschen mit Behinderung zusammenarbeiten, ist ein Novum und eine ungeheure Leistung“, lobt Yvonne Aßmann.

Eine halbe Stunde ist vergangen, im Erdgeschoss werden die vier gefüllten Käseformen inzwischen unter Folie warmgehalten. Am nächsten Morgen wird der Käse für drei Tage ins Salzbad kommen, danach muss er noch rund neun Monate lang im Keller reifen. Dort wird schon jetzt weitergearbeitet: Im Lagerraum, zwischen mit Laiben gefüllten Regalen, schrubben Reena Gehrke und Katrin Eller Käse mit einer runden Bürste ab, damit er keinen Schimmel ansetzt. Im Flur lässt Caspar Böhm Kräuter auf orangefarbene Laibe rieseln. Der 31-Jährige achtet genau darauf, dass sich die Mischung gleichmäßig auf der Oberfläche verteilt. Jeder arbeitet in seinem eigenen Tempo, Stress und Hektik gibt es nicht, dafür wird viel gelacht.

Ein Rezept, das auch bei Slow Food Hamburg ankommt: „Ich persönlich fand es ungeheuer angenehm, dass die Stimmung dort so gut ist“, sagt Yvonne Aßmann. „Hier haben alle Freude an ihrer Arbeit.“ Ein ausgezeichnetes Engagement.