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Wenige Minuten zuvor trugen die Schnucken noch ihre schwere Wolle. Nun sind sie nackt, dank Scherer Shaun Charnock, der mit seinen Kollegen im Akkord arbeitet. Gut zwei bis drei Minuten brauchen sie pro Schur. Foto: t&w
Wenige Minuten zuvor trugen die Schnucken noch ihre schwere Wolle. Nun sind sie nackt, dank Scherer Shaun Charnock, der mit seinen Kollegen im Akkord arbeitet. Gut zwei bis drei Minuten brauchen sie pro Schur. Foto: t&w

Schafscherer nehmen Heidschnucken die Wolle ab + + + mit Video

dth Tütsberg. Bei dem warmen Wetter ist auch bei Heidschnucken kurze Kleidung angesagt — auch wenn vor allem die Jungtiere zunächst etwas verdattert dreinschauen, sobald sie plötzlich oben ohne dastehen: Schafscherer aus Australien, Neuseeland und Deutschland arbeiten heute den letzten von drei Tagen in Folge im Auftrag der Stiftung des Vereins Naturschutzpark Lüneburger Heide (VNP). Insgesamt werden dann rund 2300 Heidschnucken, Mutterschafe und einjährige Lämmer ihre Wolle los sein. Früher wurde sie sogar für die Teppichherstellung in den Orient verkauft. Auch heute noch nimmt ein westfälischer Händler den Rohstoff für die Teppichproduktion ab. Das ist jedoch weniger einträglich. Für den VNP bleibt es ein Minusgeschäft.

3000 bis 4000 Kilo Wolle kommen bei der VNP-Schur der insgesamt sechs Herden an verschiedenen Standorten jährlich zusammen. Der Verkaufs­erlös beträgt laut Schäfermeister Michael Kaufmann allerdings nur einen Bruchteil dessen, was der VNP den Scherern pro nackiger Heidschnucke zahlt. Doch zur Pflege der Tiere, die die Heidelandschaft in Schuss halten, muss die Schur sein.

Das kehlige Blöken Hunderter Schafe ist auf dem Landschaftspflegehof Tütsberg bei Schneverdingen schon weit draußen vor dem Stall zu hören. Drinnen verschmilzt das Rufen der Heidschnucken mit irischer Tanzmusik und dem Surren und Brummen der Schurgeräte, die groben Rasierapparaten ähneln. In Gattern zusammengepfercht warten die langhaarigen Schnucken auf den Friseurtermin, bis sie ein sogenannter Setzer schnappt, an den Hörnern hochzieht und eben auf die ebenerdige Arbeitsplatte des Scherers setzt.

Die Schnucke hält duldsam still, blökt aber hin und wieder, weil sie mit der Gesamtsituation unzufrieden scheint, während Scherer Shaun Charnock die elektrischen Klingen, die an einem Gelenkarm hängen, über den Schafskörper gleiten lässt. Nach gut zwei Minuten ist die Wolle runter, das Tier tippelt zunächst etwas irritiert in die falsche Richtung, dreht sich um und hüpft befreit zurück in den mit Stroh eingestreuten Stall zu seinen Artgenossen. Der Australier geht bereits der nächsten Schnucke an die Wolle.

Auf der Südhalbkugel ist derzeit Winterzeit, für Schafscherer gibt es dort nun naturgemäß nicht viel zu tun. Shaun der Scherer sagt: „Ich reise überallhin, wo die Jobs sind.“ Der Australier sei bereits zum dritten Mal in der Lüneburger Heide, um die Heidschnucken nackig zu machen. Extra einen Langstreckenflug auf sich genommen hat auch Alec Kingslay, um in Deutschland Schererjobs anzunehmen — er kommt aus Neuseeland. Bei der Knochenarbeit werden sie pro geschorenem Schaf bezahlt. Es sind vor allem die hohen Stückzahlen, die den Trip um den halben Erdball lohnenswert erscheinen lassen. Und, sagt Charnock, „ich lerne andere Länder kennen“.

Kaufmann vom VNP sagt: „Die Kosten für die Schur müssen aus den Einnahmen bezahlt werden, die wir sonst mit den Heidschnucken erzielen.“ Sei es aus der Landschaftspflege bis hin zum Fleischverkauf. Die Schur soll nicht nur zum Wohlgefühl der tierischen Landschaftspfleger beitragen, auch zu ihrer Gesundheit: „Wenn wir die Schafe nicht scheren würden, würde die Wolle immer weiterwachsen. Nachher haben sie nicht eineinhalb, sondern zehn oder 20 Kilo Wolle auf dem Rücken und dann wird es irgendwann zu schwer.“

Uwe Storm, Hauptschäfer auf dem Tütsberg, ergänzt: „Ohne die Schur könnten die Tiere sonst verfilzen und Parasiten bekommen. Das wollen wir vermeiden.“ Die Schnucke verfügt über rund 70 Prozent Haar und nur 30 Prozent Unterwolle. „Früher ging die Wolle nach Persien, die geschnittenen Haare wurden in Teppichen verwoben. Wenn man einen älteren Perserteppich zu Hause liegen hat, kann da eine halbe Schnucke drin sein.“