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In diesem Haus hatte Kurt-Werner W. bis zu seinem Selbstmord 1993 gelebt. Steht er auch mit den Göhrde-Morden in Verbindung?Foto: be
In diesem Haus hatte Kurt-Werner W. bis zu seinem Selbstmord 1993 gelebt. Steht er auch mit den Göhrde-Morden in Verbindung?Foto: be

Eine DNA-Probe könnte den Göhrde-Mörder überführen

ca Lüneburg. Zwei Haare bewahrt die Lüneburger Polizei seit fast 27 Jahren sorgsam auf. Immer mit der Hoffnung, eines der spektakulärsten Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte klären zu können: die Göhrde-Morde. Zwei Paare starben im Sommer am Forsthaus Röthen an der Kreisgrenze zu Lüchow-Dannenberg. Nun spekulieren Medien heftig darüber, ob der Tod der beiden Frauen und zwei Männer geklärt werden kann. Kurt-Werner W. könnte es gewesen sein, heißt es. Die Hamburger Morgenpost bringt die „blonde Bestie von Lüneburg“ mit mehreren Taten in Verbindung, allein rund um Lüneburg könnten dem Friedhofsgärtner und Kriminellen, der sich 1993 das Leben nahm, sieben Menschen zum Opfer gefallen sein.

Und da spielen die Haare eine Rolle. Die haben Spurenermittler damals in einem Auto der in der Göhrde ermordeten Paare gefunden. Der Mörder muss die Wagen nach seinen Taten genutzt haben, die Polizei fand sie später in Winsen/Luhe und Bad Bevensen. Bei einer DNA-Analyse könnte es eine Übereinstimmung mit Material von Kurt-Werner W. geben. Doch Polizeisprecher Kai Richter hält sich bedeckt zur Frage, ob die Anfang des Jahres eingesetzte Ermittlungsgruppe „Göhrde-Morde“ diese Spur verfolgt: „Wir nehmen dazu jetzt keine Stellung.“

Die Polizei hatte schon vor Jahren überlegt, ob sie die Haare, die keine Wurzel haben, in einem Schweizer Labor analysieren lässt. Doch dann entschieden sich die damaligen Ermittler dagegen: Es sei „der letzte Schuss“. Klappe die DNA-Analyse nicht, sei das Material für immer verloren. Ob die damalige Überlegung immer noch Maxime ist, wollte Richter nicht beantworten.

Wie berichtet, hat nach einer Entscheidung von Polizeipräsident Robert Kruse und dem Chef der Lüneburger Staatsanwaltschaft, Gerhard Berger, ein dreiköpfiges Team um den Rotenburger Leiter des Kommissariats für Gewalt- und Branddelikte, Richard Kaufmann, den Fall der im August 1989 verschwundenen Brietlingerin Birgit Meier wieder aufgerollt. Die EG Iterum ermittelt parallel zur Göhrde-Truppe.

Das Iterum-Trio geht davon aus, dass Kurt-Werner W. Birgit Meier getötet hat. Der Friedhofsgärtner hatte auf einem Nachbargrundstück der Frau Arbeiten erledigt und sie so kennengelernt. Wa­rum und wie er sie tötete, bleibt unklar. W. war damals schon ins Visier der Polizei geraten, er war unter anderem wegen Sexualdelikten bei der Polizei registriert. Die These: W. ließ die Leiche der Frau mit in einem Grab verschwinden, als Friedhofsgärtner hatte er dazu Gelegenheit. Doch bei aktuellen Exhumierungen in Bardowick und Heiligenthal sowie auf dem ehemaligen Siedlungsgrundstück des Mörders am Lüneburger Stadtrand, fanden die Beamten nichts. Sie wollen weitere Friedhöfe überprüfen.

Später geriet W. erneut in den Blick der Ermittler: Versicherungsbetrug. Er hatte 1993 einen Ford Probe als gestohlen gemeldet, ihn tatsächlich aber auf seinem Grundstück verbuddelt. Er tauchte ab, wurde gestellt, die Polizei fand Teile von Maschinenpistolen in seinem Fluchtwagen. W. kam in Haft und erhängte sich dann in seiner Zelle.

Bei Durchsuchungen in W.s Haus hatte die Kripo 1989 und 1993 unter anderem Kleinkalibergewehre gefunden. Doch die Asservate seien längst vernichtet worden, bestätigen Polizeikreise. Kein Wunder: Ist der Beschuldigte verstorben, kann er nicht mehr belangt werden, also bedarf es keiner Beweise mehr gegen ihn.

Eigentlich. Denn Im Fall W. schließt Chefermittler Kaufmann nicht aus, dass es einen Komplizen gab. Das würde aus juristischer Sicht eben auch weitere Ermittlungen rechtfertigen — Mord verjährt nicht.

Wie misslich es ist, dass die Kleinkalibergewehre offenbar nicht mehr vorhanden sind, zeigt sich an einer Tat, mit der die Morgenpost W. in Verbindung bringt. Ein Unbekannter hat die Deutsch Evernerin Ilse Gehrkens im April 1968 mit vier Schüssen aus einem Kleinkalibergewehr getötet, als sie durch den Tiergarten radelte. Ein Vergleich von Projektilen und Gewehrlauf könnte heute Gewissheit bringen. Die Chance soll nicht mehr bestehen.

Rätselhaft bleibt auch der Tod der Schülerin Ulrike Burmester. Als sie im Mai 1969 nach Nachhilfestunden auf dem Kreideberg nach Hause nach Adendorf radeln wollte, verschwand sie. Knapp zwei Wochen später wurde ihre Leiche mit einem Betonbrocken beschwert an der Elbe gefunden. Der Täter hatte sie missbraucht, bevor er sie umbrachte. Ob es W. war?

Für Polizeipräsident Kruse und seine Mitarbeiter in den Ermittlungsgruppen bleiben das erst einmal Spekulationen. Rein zeitlich würde manches passen, doch ob W. ein Serienmörder war oder nur, und das mit hoher Wahrscheinlichkeit, Birgit Meier sein Opfer wurde, bleibt offen.

Die Göhrde-Morde im Sommer 1989, erst wurde das Hamburger Ehepaar Reinhold, dann das mutmaßliche Liebespaar Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping nahe beieinander in den Wäldern getötet, bleiben mysteriös. Die Polizei verfolgte mehrere Hypothesen, keine konnte sie erhärten. In einem Fall waren die Leichen so verwest, dass nicht einmal die Todesursache geklärt werden konnte. Beim zweiten Doppelmord soll es Hinweise auf ein sexuelles Motiv geben. Doch verbindet das all die Taten? Und ist quasi eine mörderische Handschrift ablesbar?

Die Ermittler halten sich bedeckt. Und prüfen. Bestätigungen haben sie nicht. Letztlich nicht mal im Fall Birgit Meier. Denn solange deren Überreste nicht gefunden sind, beruhen alle Annahmen auf Indizien, auch wenn Kaufmann von „subjektiven und objektiven Beweisen“ spricht.

Selbst wenn am Ende nur dieser Fall aufgeht, wäre das schon ein großer Erfolg: Die Familie hat Gewissheit und kann — hoffentlich — mit dem Verlust abschließen.

Zufällig überlebt

Im Juli 1971 musste sich Kurt-Werner W. vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts verantworten. Die Staatsanwaltschaft hatte den damals 22-Jährigen angeklagt, im November 1970 eine Anhalterin „vergewaltigt, geschlagen und gewürgt“ zu haben. Er hatte die 17-Jährige in seinem Mercedes mitgenommen. Doch statt sie Richtung Dahlenburg zu fahren, bog er ab in die Wälder am Flugplatz. Zwei Tage nach der Tat stellte sich W., vor Gericht räumte er ein, über das Mädchen hergefallen zu sein. Er würgte die Jugendliche, ließ von ihr ab, legte sie in den Kofferraum, fuhr Richtung Bleckede. Schließlich stoppte er.

Die junge Frau war wohl wieder zu sich gekommen und hatte sich einen Spaten geschnappt, der im Kofferraum lag. Doch die Gegenwehr hatte keinen Erfolg. W. würgte sein Opfer erneut, sperrte es in den Kofferraum. Es ging weiter nach Bardowick. Es klingt unglaublich: gemeinsame Zigarettenpause und ein Gespräch. Vielleicht rettete dies dem Mädchen das Leben. Schließlich fuhr W. die junge Frau nach Hause.

W. sagte im Prozess: „Ich wusste, dass ich Unrecht getan habe.“ Allerdings versuchte er in dem Verfahren, sein Handeln kleinzureden, gab vor, betrunken gewesen zu sein. Gutachter widerlegten ihm das.

Der Prozessbeobachter beschreibt ihn so: „W. ist zweifellos eine zwiespältige Persönlichkeit: intelligent, für seine Bildung überaus wortgewandt, andererseits aggressiv und brutal. Er ist milieugeschädigt, vorbestraft wegen Einbruchs, Widerstands gegen die Staatsgewalt und eines Sittendelikts. Hingegen weisen ihn seine Arbeitszeugnisse als ehrlich, fleißig und strebsam aus.“

Am Ende schickte das Gericht W. für fünfeinhalb Jahre ins Gefängnis. Allerdings verlässt er den Knast in Wolfenbüttel bereits 1974. ca

Alte Gräber geöffnet

Die Polizei ließ jetzt Gräber in Bardowick und Heiligenthal öffnen. Der Verdacht: Friedhofsgärtner W. könnte den Leichnam Birgit Meiers mit einem anderen Toten verscharrt haben. Einen Treffer hatte die Ermittlungsgruppe um Kaufmann noch nicht. Die Beamten haben nach LZ-Informationen aber aus den Gräbern Material für DNA-Proben entnehmen lassen, um mögliche Übereinstimmungen zu finden. ca

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