Aktuell
Home | Lokales | Zeitung als Schlüssel zur Welt
Unterricht einmal ganz anders: Die Klasse 8b der Lüneburger Oberschule am Wasserturm beim Zeitungslesen. Foto: t&w
Unterricht einmal ganz anders: Die Klasse 8b der Lüneburger Oberschule am Wasserturm beim Zeitungslesen. Foto: t&w

Zeitung als Schlüssel zur Welt

off Lüneburg. Zeitung schnappen, Sportteil aufschlagen und die neuesten Fußballberichte studieren — für Melvin Unterricht ganz nach seinem Geschmack. Sechs Wochen lang stand für den 14-Jährigen und seine Mitschüler in der Klasse 8b der Oberschule am Wasserturm jeden Morgen die LZ auf dem Stundenplan — und wie die meisten Jungs in seiner Klasse nutzte Melvin die Chance, um seiner Fußballleidenschaft zu frönen. Am Freitag endete für ihn und 440 weitere Schüler in 19 Klassen der neunte Durchgang des Projekts „Zeitungsleser — Weltentdecker“. Sein ganz persönliches Fazit: „Der Sportteil war cool, alles andere hat mich eigentlich nicht so interessiert.“

Wer was in der Zeitung las, war den Schülern selbst überlassen. Rund 15 Minuten hatten alle Jungen und Mädchen Zeit, sich leise den Teilen der Zeitung zu widmen, die sie interessieren. Sei es der Comic auf der letzten, der Polizeibericht auf der sechsten oder die Servicehinweise auf der zweiten Seite.

Das sogenannte „Silent Reading“ ist fester Bestandteil des Gemeinschaftsprojektes, das LZ, Leuphana Universität und das Netzwerk Leseförderung 2008 ins Leben gerufen haben. Auslöser: der Pisa-Schock. „Die Ergebnisse der Studie zeigten damals, dass etwa 20 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage sind, einfache Texte zu verstehen“, sagt Dozent und Projektmitbegründer Klaus Schröder. Dagegen wollten die Akteure vor Ort etwas tun — und hoben ein Projekt mit ganz neuen Leseanreizen aus der Taufe.

Die Idee dahinter: Mit der Zeitung soll die Freude am Lesen geweckt werden. Vor allem bei den Schülern, die bisher keinen Zugang zu Büchern haben, die Lesen uncool finden und mit kontinuierlichen Texten nichts anfangen können. „Bei diesem Projekt profitieren wir von der Vielfalt der Zeitung“, sagt Schröder, „da ist für alle Interessen etwas dabei.
Und tatsächlich: Auch in der 8b weckte die LZ ganz unterschiedliche Interessen. Erfat (16) etwa las am liebsten Berichte über Kunst und Kultur, Lukas (14) interessierte vor allem, was in seinem Heimatdorf Barendorf passiert. Und Leonie (14) hielt täglich im Sportteil Ausschau nach Berichten aus der Reitszene. Begleitet wurden die Schüler dabei von Lehrerin Elke Severon und — auch das von Anfang an fester Bestandteil des Projektes — von Charlotte Schaetzky und Elke Ascher, zwei Studierende der Leuphana Universität.

Einmal pro Woche haben die jungen Frauen in der 8b den Unterricht übernommen. „Eine Herausforderung“, sagt die angehende Kulturwissenschaftlerin Schaeztky, „aber auch eine tolle Erfahrung.“ Sie habe vor allem beeindruckt, „wie sehr sich die Schüler für das Projekt begeistern ließen“. Und auch Lehrerin Elke Severon ist von der Idee „Zeitung in der Schule“ überzeugt. „Denn jeder einzelne, den das Projekt motiviert hat zu lesen und dessen Interesse am Weltgeschehen geweckt wurde, ist ein Gewinn.“